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Landkreis Augsburg

23.04.2019

Wo Senioren nicht nur stricken und singen

Spielerisches Gedächtnistraining ist ein Bestandteil der Kurse für Senioren. Auch Gymnastik gehört dazu und es wird viel erzählt.
Bild: Marcus Merk

Austausch und Anregung ist auch für Ältere wichtig, findet Felicitas Samtleben-Spleiß. Sie gibt Kurse. Das Ziel: Die Lebensqualität von Senioren steigern.

Wenn Hannelore Haug aus Neusäß an die meisten Angebote für Senioren denkt, dann ärgert sie sich schon mal. „Alte dürfen Stricken und Singen, aber etwas anderes dürfen sie nicht“, sagt die 78-Jährige. „Ich möchte mich aber gerne auch mal über aktuelle Dinge unterhalten.“ Gelegenheit dazu hat sie beim Kurs „Lebensqualität im Alter“, den Felicitas Samtleben-Spleiß seit zehn Jahren in Stadtbergen und seit drei Jahren in Diedorf anbietet.

Gelassenheit im Alter, Dankbarkeit oder Spiritualität, aber auch einmal die Auseinandersetzung mit dem eigenen Tod, sind Themen, die sie gemeinsam mit den Kursteilnehmern aufgreift. Aber: „Wir sind kein Kaffeeklatsch.“ Es gehe um einen sinnvollen Austausch mit festen Gesprächsregeln, durch die oft genug auch völlig neue Themen aufkämen. Außerdem gibt es in den Kursen kurze Gymnastikeinheiten und spielerisches Gedächtnistraining.

Angefangen hat alles mit einem Missverständnis. Vor Jahren las Felicitas Samtleben-Spleiß von einem Kurs „Lebensqualität im Alter“, bei dem sie gerne dabei gewesen wäre. Die Teilnahmegebühr kam ihr jedoch sehr hoch vor. „Da habe ich erst gemerkt, dass es sich um eine Ausbildung zur Kursleitung handelte.“ Die Stadtbergerin zögerte nicht lange. Das passt zu ihrem bisherigen Leben: „Als junge Frau wollte ich immer in die Mission.“ Aber eine Familie, die wollte sie auch. So hat sie einen pragmatischen Weg gewählt: Sie wurde Krankenschwester und später Hebamme. „Ich dachte mir, dass ich damit auf der ganzen Welt arbeiten kann“, berichtet sie. Und so kam es auch: Stationen in Afrika und England und bei der Hilfsorganisation Humedica folgten.

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Was sie jetzt tue, das sei auch fast eine Art Mission, aber im eigenen Land. Denn manchmal müssten auch ältere Menschen an die Hand genommen werden. Sie beschreibt das Beispiel eines ihrer Kursteilnehmer: „Die Ehefrau dieses Mannes war vor Kurzem gestorben. Ich sah, wie er sich immer mehr zurückzog.“ Sie riet dem Mann immer wieder, doch einmal vorbeizukommen. Er habe reagiert, wie viele Ältere in solch einer Situation: „Da kenn’ ich doch niemanden“, habe er gesagt. Scheu und zurückhaltend würden gerade Männer oft in dieser Lebensphase. Nun freue er sich aber, im Kurs dabei zu sein.

Zurück in der aktuellen Seminarstunde in Diedorf. Viele der Teilnehmer sind schon lange dabei, zwei jedoch zum ersten Mal da. Eine von ihnen ist Gerda Oberröder. Sie lebt seit einigen Monaten in Diedorf, ihr Mann ist vor einem Jahr gestorben. „Ich habe mich zunächst zurückgezogen. Aber meine Nachbarin hat mich überzeugt, einmal mit hierher zu kommen.“ An diesem Tag hat Felicitas Samtleben-Spleiß das Thema „Gelassenheit im Alter“ vorbereitet. Und sie geht dabei in die Tiefe: „Es gibt Situationen im Leben, die können wir nicht mehr ändern. Alles ist ein Teil von uns und hat uns zu dem gemacht, was wir sind.“ Gelassenheit falle aber auch Senioren nicht immer leicht – sie könnten dann leicht verbittert und verbiestert wirken. Loslassen und entspannen, das funktioniert auch über Bilder. Felicitas Samtleben-Spleiß hat an diesem Tag eine Reihe von Fotos mitgebracht. Jeder darf sich ein Bild aussuchen und erzählen, warum gerade dieses für Entspannung steht. Anna Jeckel hat ein Bild mit einem kleinen Baby mit dunkler Haut ausgewählt. „Ihr werdet es nicht glauben, aber ich habe vor Kurzem noch Deutsch für Asylbewerber hier in Diedorf unterrichtet“, sagt die 87-Jährige der Gruppe. Eine Tätigkeit, die ihr viel Spaß gemacht hat.

Für Hannelore Haug ist der Baum, der allein auf der Wiese steht, ein starkes Bild. „Der braucht niemanden“, sagt die Frau. Gerda Oberröder zeigt ein Bild von einer kleinen Brücke: „Man muss Brücken finden und man muss dann auch über sie gehen.“ Die Kursleiterin weiß: Die Senioren können über die Brücke des Bildes auch etwas über sich erzählen. Wie Maria Zeiselmair. Sie hat ein Bild vom Meer ausgesucht. „Das steht für mich für die Sehnsucht nach der Weite. Und die ist auch noch im Alter da.“

Dass jeder Kursteilnehmer etwas ganz Persönliches erzählt, das gefällt auch einem der beiden Männer im Kurs: „Wenn ich mich immer nur mit meinen Bekannten treffe, dann weiß ich doch eh schon, was sie sagen“, so der Diedorfer. Und das sei im Kurs anders.

Lesen Sie dazu unseren Kommentar: Älterwerden - mit Freude

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