1. Startseite
  2. Lokales (Augsburg Land)
  3. Wo die Tiefflieger töteten

Dinkelscherben

08.05.2015

Wo die Tiefflieger töteten

Fritz Heinle und Resi Linder erinnern sich beim Zeitzeugengespräch mit Christoph Lang (rechts) an ein Kreuz an der Straße am westlichen Ortsausgang von Dinkelscherben, das an die erschossene Landwirtin Kyrrmayr erinnert hat.
Bild: Maximilian Czysz

 Wie auf der Straße bei Dinkelscherben eine Landwirtin erschossen wird und ein mutiger Mann  den Ort vor noch größerem Unheil bewahrt

Von Maximilian Czysz

 „Warum sie und nicht ich?“ Immer wieder kreisten die Gedanken von Lore Heinle um den 21. April 1945. Lore Heinle erlebte vor 70 Jahren hautnah, wie einige hundert Meter von ihr entfernt zwischen Dinkelscherben und der Elmischwang-Mühle die 44-jährige Landwirtin Theresia Kyrrmayer von einem amerikanischen Tiefflieger erschossen wurde.

Stundenlang waren damals mehrere Jagdflugzeuge zwischen Günzburg und Augsburg gekreist. Sie hatten es hauptsächlich auf die Bahnlinie abgesehen. Warum sie mit ihren Bordwaffen auch die Mutter aus Grünenbaindt beschossen und töteten, lässt sich 70 Jahre danach nicht mehr ergründen. Wohl aber die menschliche Tragödie, die damit verbunden war.

Lesen Sie jetzt: Die heutige Ausgabe Ihrer Tageszeitung als E-Paper.

Theresia Kyrrmayr hatte erst im Oktober 1944 ihren Sohn Josef verloren. Der Gefreite im Panzergrenadier-Regiment war in Russland im Alter von 19 Jahren gefallen. „Sie hatte noch ihre Trauerkleidung an“, erinnert sich Fritz Heinle an die Schilderungen seiner Schwester Lore, die damals zu Fuß mit ihrer Tante in Dinkelscherben in der Apotheke gewesen war. Beide nahmen den Weg zurück nach Gabelbach über den Galgenberg. Unterhalb verlief der Weg, den Theresia Kyrrmayer mit dem Rad gewählt hatte. Und der ihr zum Verhängnis wurde. Die Landwirtin und Mutter wurde Ziel eines Tieffliegers, die beiden Frauen am Galgenberg nicht. „Meine Tante hatte sich auf meine Schwester geworfen“, erinnert sich Heinle, der damals 13 Jahre alt war. 70 Jahre danach hat der studierte Historiker aus Willishausen noch viele Details vor Augen. Zusammen mit Resi Linder aus Dinkelscherben schilderte er sie in einem Zeitzeugegespräch, das Christoph Lang vom Heimatverein in Dinkelscherben initiiert hatte. „Dekan Prölle sagte, dass die Kirche mit Theresia Kyrrmayr ihre beste Frau verloren hat“, berichtete Heinle. Überhaupt der Dekan: Er unterrichtet trotz allgemeinem Verbot die Kinder der ausgebombten Familien in Fleinhausen. Er habe perfekt französisch gesprochen. Ein mutiger Mann. Genauso mutig wie Karl Acker.

An den „Karre“ erinnert sich Resi Linder, die das Kriegsende in Dinkelscherben erlebte. Als die Amerikaner anrücken, sprach Acker wohl ein SS-Kommando an, dass es auf die Panzer der Amerikaner abgesehen hatte. Er macht auf das unsinnige Unternehmen aufmerksam, das die ganze Gemeinde gefährden könnte. Denn bei Gegenwehr wären die Amerikaner nicht zimperlich gewesen. Und schon gar nicht, nachdem es in den Tagen vor dem Einmarsch immer wieder zu Zwischenfällen gekommen war.

Sie beschrieb der Dinkelscherber Schullehrer Albert Eberle in seinen Aufzeichnungen zum Kriegsende. Die deutschen Truppen sprengten am Vormittag des 26. April ein Eisenbahnviadukt bei Fleinhausen. Wenige Stunden später flog die Eisenbahnbrücke bei Anried in die Luft. Im Westen von Dinkelscherben sei am Abend starkes Maschinengewehrfeuer zu hören gewesen. Und dann gab es eine heftige Explosion vor der Zusambrücke. Kirchturmhoch seien die Erdmassen in die Höhe geschleudert worden. Wenige Minuten später wurde die Brücke bei Siefenwang gesprengt. Und dann rollten die ersten Panzer in Dinkelscherben ein. „Ein imposanter Anblick“, schrieb Eberle. Dann kam die Stunde des Karl Acker.

Gegen 18 Uhr verließ er nach eigenen Angaben sein Haus mit einer weißen Fahne, die an einer etwa drei Meter langen Stange hing. Er ging den Soldaten entgegen, an der Kurve am Galgenberg sah er die ersten Panzer. Mit Schnellfeuergewehren schossen die Soldaten auf die Straße, um versteckte Minen auszulösen. Als sie die Fahne entdeckten, stellten sie das Feuer ein. Dinkelscherben war gerettet, wie ein Offizier später Acker erzählte. Hätte niemand den Ort übergeben, wären die Amerikaner von einem Hinterhalt und einer feindseeligen Bevölkerung ausgegangen.

Niemand weiß heute, warum ausgerechnet Karl Acker den Amerikanern entgegen gegangen war. Die 92-jährige Resi Linder hat eine Vermutung: „Er war vermutlich der Einzige, der sich getraut hatte.“ Schließlich war die Angst vor dem Einmarsch groß. Aber unbegründet, wie die damalige Kindergärtnerin selbst erfuhr: Ein Amerikaner mit mexikanischem Aussehen steckte ihr Schokolade zu. „Das darf man doch nichts nehmen“, hieß es, „am Ende ist sie vergiftet.“ Resi Linder nahm die Schokolade trotzdem und weiß heute: „Sie waren anständig zu uns.“

Themen Folgen

Sie haben nicht die Berechtigung zu kommentieren. Bitte beachten Sie, dass Sie als Einzelperson angemeldet sein müssen, um kommentieren zu können. Bei Fragen wenden Sie sich bitte an moderator@augsburger-allgemeine.de.

Bitte melden Sie sich an, um mit zu diskutieren.

Lesen Sie dazu auch
IMG_7525.JPG
Zusmarshausen/Gabelbach

Fasching: Zwei Prinzessinnen aus Gabelbach 

ad__web-mobil-starterpaket-099@940x235.jpg

Webseite und App freischalten!

Die schnellsten Lokalnachrichten - live,aktuell und multimedial.
Alle Online-Inhalte auf allen Endgeräten zu jeder Zeit, mtl. kündbar.
Damit sind Sie daheim und im Büro immer auf dem Laufenden.

Zum Web & Mobil Starterpaket