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Kreis Augsburg

23.05.2019

Wolf riss Schaf nahe Augsburg: Schäfer fürchten um ihre Existenz

Josef Hartl ist derzeit mit rund 600 Schafen bei Gersthofen unterwegs. Nach dem Wolfsriss von Biberbach haben er und sein Sohn Christian nicht nur Sorge um ihre Tiere, sie sehen sogar ihre Existenz gefährdet.
Bild: Marcus Merk

Plus Nachdem ein Wolf bei Biberbach im Kreis Augsburg ein Lamm gerissen hat, sorgen sich Schäfer um ihre Existenz. Und die Kontroverse geht in eine neue Runde.

Als er vom Wolf im Augsburger Land hörte, wurde ihm ganz anders zumute: „Da kamen sofort Existenzängste“, sagt Christian Hartl. Mit seinem Vater Josef hütet er gerade 600 Schafe im Osten von Gersthofen. Für die beiden ist klar: Sollten mehr Wölfe kommen, werde die freie Haltung des ohnehin schwierigen Berufs gewaltig eingeschränkt. Die Hartls, die in Affing-Mühlhausen eine Schäferei mit Direktvermarktung betreiben, fürchten um ihre Tiere.

Ein Angriff eines Wolfs, der am Tag mindestens vier Kilo Fleisch verschlingt, habe weitreichende Folgen. „Mit einer Entschädigung aus dem Ausgleichsfonds ist es nicht getan“, meint Christian Hartl. Nach einem Angriff seien die Schafe nervös und schreckhaft. Mit einer Herde von 600 Tieren könnte schon das Überqueren einer Straße zum Problem werden. Auch um den Nachwuchs macht sich der Schäfer Sorgen: Nach einem Wolf-Angriff könne es zu Komplikationen bei Geburten kommen. Hartl: „Da kommt ein Riesen-Leid nach, das man so auf den ersten Blick gar nicht sieht.“

Während die Hartls mit ihrer Herde im Lechtal ziehen, begrüßt der Bundesverband der Berufsschäfer die aktuellen Pläne der Bundesregierung: Der Abschuss von auffälligen Wölfen soll vereinfacht werden. Eine schnelle und vernünftige Lösung wünscht sich Hans Fürst, Vorsitzender der Jägervereinigung Augsburg. Er hält „wolffreie Gebiete“ für sinnvoll – sie müssten festgelegt werden, um dort die Jagd zu vereinfachen. Fürst: „Diese Option heißt ja nicht, dass jeder Wolf geschossen wird.“ Er warnt davor, so lange zu warten, bis etwas passiert.

Wölfe in den Westlichen Wäldern?

Die weitflächigen Westlichen Wälder mit ihrer landwirtschaftlichen Nutzung sind seiner Meinung nach kein Ort für Wölfe. So sieht es auch Bauernverband-Kreisobmann Martin Mayr aus Kutzenhausen: „Wir brauchen den Wolf hier nicht.“ Und: „Wenn ein Wolf Hunger hat, dann wird er etwas reißen. Auch ein Kalb. Das kann sich ja nicht wehren.“

Was tun? Einen Zaun bauen? Eine wolfssichere Einzäunung von Weideflächen ist laut der Bayerischen Landesanstalt für Landwirtschaft eine teure Angelegenheit. Dort hat man errechnet, dass 57405 Kilometer Weidezaun nötig wären – für 327 Millionen Euro plus jährliche Folgekosten von 35 Millionen. Im alpinen Gelände wäre eine Einzäunung selbst mit hohem Aufwand gar nicht überall möglich. Jäger Fürst sagt: „Das kann sich ein Schäfer nicht leisten.“

Diesen Zahlen widerspricht der Bund Naturschutz mit Nachdruck. „Das ist viel zu hoch gegriffen“, sagt Wolfsexperte Uwe Friedel. Die Studie gehe davon aus, dass der Wolf in ganz Bayern sesshaft würde. In Niedersachsen, Sachsen und Brandenburg wurden 2016 insgesamt 850000 Euro für Präventionszahlungen ausgegeben. Dort gehe man von 57 Rudeln oder sesshaften Paaren aus. Den Weidetierhaltern müsse allerdings nachhaltig geholfen werden und zwar mit einem Existenzsicherungsprogramm und der Erstattung von Kosten für den Herdenschutz.

Wolf wird zum Politikum

Friedel bedauert, dass der Wolf schon lange zum Politikum geworden sei. Fakt sei, dass der Wolf einen großen Bogen um den Menschen macht. „Wildschweine sind viel gefährlicher“, meint Friedel. Er hält eine Begegnung von Mensch und Wolf höchst unwahrscheinlich. Hubert Droste, der Leiter des Forstbetriebs Zusmarshausen der Bayerischen Staatsforsten, meint: „Der Wolf ist schon längst über alle Berge.“ Aber wann kommt der nächste Wolf? Und könnte der in den Westlichen Wäldern eine neue Heimat finden?

Nach Auskunft der Landesamts für Umwelt Augsburg benötigen Wölfe ausreichend Nahrung und Lebensräume mit Rückzugsmöglichkeiten. Wölfe leben in Rudeln, die sich als Familienverband aus den Elterntieren, den Jungen des Vorjahres und den Welpen zusammensetzen. Jedes Rudel nutzeein eigenes Territorium, dessen Größe von der verfügbaren Nahrung abhängt. In der Oberlausitz in Ostdeutschland genügten einem Rudel etwa 250 Quadratkilometer Fläche als Lebensraum. Jäger Hans Fürst ist davon überzeugt, dass irgendwann wieder ein Wolf durchs Augsburger Land ziehen wird. „Die Frage aber, ob es einmal ein Rudel sein wird, ist offen.“

Mehr Hintergründe zum Wolf im Augsburger Land lesen Sie hier.

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