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Festsitzung

20.12.2017

Wulff: Warum der Islam zu Deutschland gehört

Der ehemalige Bundespräsident Christian Wulff hielt die Festrede im Landratsamt.
Bild: Marcus Merk

Der ehemalige Bundespräsident war Gast im Landratsamt. Warum es beim Erhalt von Demokratie auch auf den Beitrag der Region ankommt. Und wo der Staatsmann die Gefahren für unsere Lebensweise sieht

Wie bekommt man einen ehemaligen Bundespräsidenten als Festredner? So wie jeden anderen auch. Man schreibt seinem Büro einen Brief und fragt nach. So hat das zumindest Landrat Martin Sailer vor inzwischen fast einem Jahr gemacht. Aber so ganz richtig daran geglaubt, dass Christian Wulff auch wirklich zur Festsitzung am Jahresende kommen würde, hatte er auch lange nach der Zusage noch nicht. „Der sagt bestimmt noch ab“, räumte Sailer seine Bedenken´im Nachhinein ein.

Doch da saß Christian Wulff längst neben ihm. „Sofort und ohne Zögern“ habe er die Einladung angenommen, erzählt er. Zumal ihm Bundestagsabgeordneter Hansjörg Durz „gut zugeredet“ habe, fügte er scherzhaft an. Im Gegenteil, für seinen Besuch im Kreistag hatte er sich richtig viel Zeit genommen, begleitete die Kommunalpolitiker zunächst zum ökumenischen Jahresabschlussgottesdienst in die Mutterhauskapelle der dem Landratsamt benachbarten evangelischen Diakonissenanstalt, hielt bei der Sitzung die Festrede und blieb auch noch zum gemeinsamen Abendessen. Auf der anderen Seite waren die Kreisräte vom staatsmännisch und gleichzeitig wahrhaftig-glaubhaft auftretenden Wulff begeistert und spendeten einen derart langen Applaus, wie ihn im Großen Sitzungssaal des Landratsamtes wohl noch niemand erhalten hatte, wie die Sprecherin des Amts, Heidemarie Heuchler, vermutete.

Wulffs Thema „Globalisierung vs. Heimat“ war am Rande mit jenem Ausspruch verknüpft, mit dem der ehemalige Bundespräsident auch acht Jahre später noch verbunden wird. Damals hatte er gesagt, dass der Islam zu Deutschland gehöre. Nun führte er seine Feststellung weiter aus: Gerade wenn es um Religionsfreiheit gehe, müsse sich ein Land mit jenen Erfahrungen, wie sie Deutschland in seiner Vergangenheit gemacht habe, für religiöse Minderheiten einsetzen. Dann falle es nämlich auch leichter, religiöse Freiheit der Christen woanders auf der Welt einzufordern, wie er es auch immer wieder getan habe. Städte wie Augsburg, aber auch seine eigene Heimatstadt Osnabrück hätten da, aus der Geschichte gesehen, eine besondere Verpflichtung.

Wulff: Warum der Islam zu Deutschland gehört

Freiheit, nicht allein in Religionsfragen, sondern auch die Freiheit der Demokratie, gelte es jedoch immer wieder neu zu verteidigen. „Die Demokratie ist stark, kann aber ganz schwach sein, wenn sie angegriffen wird“, erinnerte er an die Erfahrungen in der Weimarer Republik.

Und Gefahren gebe es aktuell durchaus für die Demokratie. Eine Globalisierung, die als ungerecht empfunden werde, weil sie riesige Konzerne bevorzuge oder ungelöste Fragen im Rahmen der Digitalisierung gehörten dazu. Die biete zwar Freiheiten, gleichzeitig könnten aber auch falsche Informationen unwidersprochen verbreitet werden oder andersherum Menschen kontrolliert werden. Zudem sei der islamistische Terror wie das ständige Surren einer lästigen Fliege im Ohr der westlichen Welt, das in einer Art Stressreaktion Überreaktionen provoziere.

Werte müssten nun gemeinsam verteidigt werden. „Viele Fragen in der Welt sind zusammen lösbar“, machte Wulff Mut. Und gab ein Beispiel: Allein die Europäische Union sei der Grund für 70 Jahre Frieden in ihren Mitgliedsländern, ja sie sei „der einzige Frühling, den dieser Kontinent je erlebt hat“, sagte er. Dem Multi-Kulturalismus gehöre die Zukunft, ist der ehemalige Bundespräsident überzeugt. Und damit lasse sich ein wunderbares Land, nämlich Deutschland, gestalten. Wenn es um Integration gehe, müssten Erfolgsgeschichten mutiger verkauft werden, forderte Wulff auf. Und allen, die Angst vor zu viel Zuwanderung hätten, könnte die leicht genommen werden: „Es gibt Regeln, ohne die es nicht geht.“

Deutschland sei ein Land, in dem die dezentralen Regionen besonders stark und lebenswert seien, in dem es ein hohes Maß an Lebensqualität auch in der Fläche gebe. Heute gehe es nicht mehr um existenzielle Fragen, sondern um Fragen der Gestaltung, forderte er die Kreisräte auf, sich mit „Haltung und Hemdsärmlichkeit“ ihrem Ehrenamt zu stellen.

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