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Prozess

30.06.2017

Zen-Priester: So wütend sind die Mütter der missbrauchten Buben

ZEN
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Mitte Juni begann der Prozess gegen den früheren Zen-Priester.
Bild: Ulrich Wagner (Archiv)

Der ranghohe Buddhist Genpo D. verging sich an Kindern. Wie viel Leid er über die Opfer gebracht hat, zeigt sich bei den Zeugenaussagen. Und der Angeklagte zittert am ganzen Leib.

Die Frau aus Tschetschenien weint hemmungslos. Ihr Mann wurde im von Unruhen geplagten Heimatland getötet. Sie flüchtete mit ihren Kindern nach Deutschland und wollte ein ruhiges und friedliches Leben führen. Doch es kam anders: Weil der alleinerziehenden Witwe die Abschiebung drohte, musste sie ins Kirchenasyl. Und dann kam auch noch Genpo D., 62. Der charismatische Zen Priester kümmerte sich scheinbar rührend um die Familie. Erst heute ist klar, dass er es vor allem auf den 13-jährigen Sohn abgesehen hatte. Der Junge ist eines von sieben Missbrauchsopfern des Zen-Priesters.

Bei ihrer Zeugenaussage spricht die Frau aus Tschetschenien extrem leise. Selbst die Dolmetscherin versteht sie kaum. Die Mutter berichtet, wie ihr Sohn nach dem Missbrauch zunehmend aggressiv geworden ist. Vor den Taten sei ihr Sohn ein fröhliches Kind gewesen, inzwischen weine er "sehr viel, sehr oft", sagte die Mutter am Freitag. Ihr Kind sei in einem furchtbaren Zustand. Der Schüler schlafe wenig, meinte die 34-Jährige. Den Angeklagten hat die Jugendkammer des Landgerichts Augsburg in die hintere Ecke des Saals gesetzt, damit die Zeugin ihn nicht zu Gesicht bekommt.

Plötzlich tauchte der Onkel auf

Ganz anders tritt die Nichte des Zen-Priesters auf. Von ihrem Sohn hat Genpo D. insgesamt laut Anklage 420 Nacktfotos gemacht. Die selbstbewusste junge Frau berichtet, wie der Onkel „plötzlich aus der Versenkung aufgetaucht“ sei, nachdem es zuvor keinen Kontakt gegeben hatte. Ihr Sohn und ihr Onkel hätten sich rasch gut verstanden, der Fünfjährige habe „vier bis fünf Mal“ bei D. in Dinkelscherben (Landkreis Augsburg) mehrere Tage übernachtet. Als ihre Zeugenaussage am Freitagvormittag vorüber ist, wendet sich ihr Onkel von der Anklagebank an sie: „Es tut mir sehr leid“, sagt er mit brüchiger Stimme. Doch die Nichte entgegnet entschlossen: „Onkel Rudi, das ist das letzte, was ich von Dir hören will!“

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Der Angeklagte zittert am ganzen Leib. Vergeblich versucht er, seinen linken Arm mit dem rechten festzuhalten. Hans Rudolf D., wie er im nicht-buddhistischen Leben heißt, ist ein gebrochener Mann. Er war ein angesehener Zen-Priester, hatte vor über 20 Jahren begonnen, den buddhistischen Tempel in Dinkelscherben aufzubauen. Mit seiner ruhigen Ausstrahlung und seiner buddhistischen Weisheit faszinierte er viele Menschen. Genpo D. stieg auf zum Vizepräsidenten des Buddhisten-Weltverbands WFB. In Augsburg saß er am „Runden Tisch der Religionen“, politisch war er als Kreisrat im Landkreis Augsburg aktiv. Jetzt sitzt er seit rund einem Jahr in Untersuchungshaft. Er hatte einen Schlaganfall. Seine japanische Frau hat sich scheiden lassen, seine leiblichen Kinder haben sich abgewandt. Den Ermittlungen zufolge waren sie keine Missbrauchsopfer. Zum Prozessauftakt hat der 62-Jährige gestanden und gesagt: Es schmerzt mich sehr, dass ich so viel Leid verursacht habe.“

Den Opfern und den Angehörigen bietet das wenig Trost. Anhand der Zeugenaussagen lässt sich ein Muster erkennen, dass sich Genpo D. in einigen Fällen gezielt an Jungs aus sozial schwachen Familien herangemacht hat. Es scheint auch so zu sein, dass er sich bewusst als Ersatzvaterfigur präsentiert hat. In fast allen Fällen hatten die missbrauchten Buben den Vater durch Tod oder Trennung der Eltern verloren.

Zen-Priester: Lange erkannte er nicht, dass sein Verhalten falsch war

So war es auch in dem Fall, der letztlich zu den Ermittlungen der Kripo führte. Genpo D. hatte eine Mutter und ihre Kinder im Rahmen einer Trauerbegleitung betreut, weil deren Mann und Vater 2012 gestorben war. Er begann mit der Frau eine Affäre und wurde für die Jungs eine Art Ersatzvater. Er kümmerte sich um die Buben, brachte sie ins Bett, gab ihnen auch körperliche Nähe. Doch dann missbrauchte er die zwei Söhne, die zu dieser Zeit im Grundschulalter waren. Laut Anklage leckte und rieb er die Geschlechtsteile der Kinder.

Der erste Fall liegt schon weiter zurück. Im Jahr 2001 vergriff sich Genpo D. an einem 13-Jährigen, der im Tempel auf Wunsch seiner Eltern seine Drogenprobleme überwinden sollte. Bei einer Atemübung übte der Zen-Priester an dem Jungen Oralverkehr aus. Dabei wurde der Penis des Opfers verletzt. Laut Anklage ist die Narbe heute noch zu sehen.

Am ersten Prozesstag hatte Genpo D. gesagt, er habe lange nicht erkannt, dass sein Verhalten falsch war. Er habe dann Termine für eine Therapie vereinbart, sei aber vor Beginn verhaftet worden. Der Angeklagte berichtete weiter, er sei als Kind Gewalt ausgesetzt gewesen - sein Vater habe ihn so geschlagen, dass er mehrfach ins Krankenhaus musste. Und er berichtete von sexuellen Übergriffen durch einen katholischen Pfarrer in Altötting. Auch deshalb ging er mit 15 nach München, machte erst eine Lehre in der Gastronomie und ging später zur Polizei. Dort kündigte er nach fünfeinhalb Jahren, weil er nach eigenen Angaben den Umgang mit den Anti-Atomkraft-Protesten in Wackersdorf nicht mittragen konnte.

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Die Diskussion ist geschlossen.

06.07.2017

(edit/Verstoß NUB 7.2/7.3)

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01.07.2017

oh wie kann dieser Rechthaberische Mann mit einmal Jammern , ist doch alles nur so geschickt vorgebracht um ein mildes Urteil zu erreichen !!! (edit) aber Deutsche gerichte denken ja sowieso erst mal an den Armen Täter und nicht an den Bösen Betroffenen !!! hat ja der leiter des Amtsgericht Günzburg erst vor Kurtzem hier in einem Artickel bestätigt !!! es heißt ja normalerweise Strafrichter und nicht Sünerichter und der da ist um sStrafen zu vereiteln das der Täter geschohnt wird

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30.06.2017

Bei Hans-Rudolf D. scheint es sich um einen Gewohnheitstäterr zu handeln. Sein heimtückisch-manipulatives Vorgehen ist typisch für Missbrauchskriminelle. Es wird in der Fachsprache als "Grooming", deutsch "Anwärmen" bezeichnet. Bei Herrn D. ist der Hang zum Kindesmissbrauch offenbar auch sadistisch unterfüttert. Auch das eint ihn mit den meisten anderen Täterinnen und Tätern. Das, was gemeinhin, aber nicht ganz korrekt als "Pädophilie" bezeichnet wird, ist so ziemlich das Gegenteil von Liebe. Der Moment, wenn Zuwendung in Handlungen, die auf der Grundlage einer gestörten Sexualität ausgeführt werden umschlägt, ist schon für erwachsene Objekte solcher Aktivitäten schwer zu ertragen. Kinder können das, was dahinter steckt, nämlich Hass und Aggression in seiner Kopplung mit Sex gar nicht einordnen. Sie reagieren geschockt und verstört. Die von heftigen Sinneseindrücken und Ekel auslösenden körperlichen Erscheinungen begleiteten Sexualhandlungen können bei ihnen sogar Todesangst auslösen. Was oft auch angemessen ist, denn insbesondere wenn ein gestörter Täter während des Missbrauchs dissoziiert, also in eine Art Trance wegtritt, ist es wahrscheinlich, dass er dann von schweren Gewalthandlungen an seinem Opfer phantasiert oder sogar von dessen Tötung.

Hans-Rudolf D. war in seiner Kindheit selbst extremer Gewalt ausgesetzt. Durch seinen Vater, später durch einen Priester, der ihn physisch misshandelte, während ein anderer das Kind sexuell ausbeutete. Welches Verhältnis Herr D. zu seiner Mutter hatte, wäre wichtig zu wissen, sofern man eine Prognose stellen will. Nicht selten ist das elterliche Pendant zum prügelnden Vater die missbrauchende Mutter. Deren Opfer, ihr Sohn, lernt das geschickte emotionale Manipulieren und damit Steuern seiner Eltern als Überlebensstrategie anzuwenden. Solcherart in der Kindheit schwer beschädigte Menschen sind sehr schwer zu behandeln und haben wenig Aussicht, ihr Verhalten und ihre Einstellungen zu ändern, sollten sie nicht in der Lage sein, mit ihren Täterintrojekten in Form von Tatimpulsen umzugehen. Die meisten schaffen das, andere, wie hier Hans-Rudolf D. scheitern daran und lassen das Böse, was man ihnen einst einpflanzte, selbst an Kindern aus.

Angelika Oetken, Berlin-Köpenick, eine von 9 Millionen Erwachsenen in Deutschland, die in ihrer Kindheit und/oder Jugend Opfer von schwerem sexuellem Missbrauch wurden

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