Meitingen/Thierhaupten

11.05.2018

Ziemlich beste Nachbarn

Die Lechbrücke zwischen Meitingen und Thierhaupten: Sie steht symbolisch auch für das Trennende und Verbindende von Schwaben und Altbaiern.

Früher gab’s handfesten Streit: Was Menschen aus Meitingen und Thierhaupten unterscheidet und wie sie sich zusammengerauft haben

Wer heute mit dem Auto über die Lechbrücke zwischen Thierhaupten und Meitingen fährt, ist in Sekundenschnelle über dem Fluss. Doch dieses kleine Stückchen hat es in sich. Der Lech ist nicht nur die Sprachgrenze zwischen bairischem und schwäbischem Dialekt. Diesseits und jenseits des Flusses gibt es auch feine Unterschiede in der Mentalität, der Anschauung und beim Feiern. Meitingen und Thierhaupten sind somit ganz besondere Nachbarn.

Fritz Hölzl aus Thierhaupten hat sich intensiv mit der Geschichte seines Heimatortes auseinandergesetzt. Der 76-Jährige erinnert daran, dass es mal Zeiten gab, als nur eine Fähre die Leute über den Lech brachte. Damals sei der Fluss nicht nur die Sprach-, sondern auch die Heiratsgrenze gewesen. Mit dem Bau der Brücken änderte sich aber so manches. Der Altbürgermeister und Ehrenbürger weiß, wovon er spricht. Immerhin hat er eine Frau aus Ehingen, sprich von der anderen Lechseite, geheiratet. Damals sei er auf einem Ball in Ehingen gewesen und habe dort mit seiner späteren Frau getanzt. Ein Ehinger sagte damals zu ihm: „Got der Boarwind.“ Übersetzt heißt das so viel wie: Kommt der Wind jetzt aus dem Bayerischen.

Hölzl findet, dass es durchaus Unterschiede in der Mentalität der Bayern und Schwaben gibt. So seien im Boarischen die Leute geradeheraus und zum Teil auch derb. Der Schwabe dagegen sei besonnener und überlegter. So sei auch früher im Boarischen bei der Tanzmusik mehr gerauft (sprich graft) worden. „Da sind die Fäuste schon schneller geflogen als in Schwaben“, erzählt Hölzl.

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Auch gebe es unterschiedliche Bräuche. In Thierhaupten werde beispielsweise in der Nacht von Karsamstag auf Ostersonntag ein Judasfeuer entzündet. Symbolisch werde damit der Judas verbrannt. Um diese Tradition kümmern sich traditionell die Jugendlichen, die in diesem Jahr 18 Jahre alt werden. In Meitingen gibt es Derartiges nicht.

Viel über die Traditionen weiß auch der 86-jährige Andreas Guggenberger. Der Initiator des Heimatmuseums in Thierhaupten kann sich sogar an fünf Lechbrücken erinnern. Nach hölzernen Brücken sei 1890 die erste aus Stein und Beton erbaut worden. Diese sei aber gegen 1945 im Krieg gesprengt worden. Anschließend ging es nur per Fähre über den Fluss, ehe wieder eine Holzbrücke errichtet wurde. Doch diese wurde durch Hochwasser und Treibeis 1965 zerstört. Es folgte eine Behelfsbrücke, ehe eine Militärbrücke über den Lech kam, die zuvor in Dillingen gestanden hatte. Diese sei laut Guggenberger gleich versetzt aufgebaut worden, damit in den 70er-Jahren eine neue Brücke gebaut werden konnte. Diese steht bis heute.

Guggenberger erinnert sich daran, dass bis in die 50er-Jahre Meitinger nach Thierhaupten gekommen seien, um sich schöne Mädchen zu suchen. Das ging natürlich nicht ohne Streit ab. Dabei sei so manchem jungem Kerl, der zum Fensterln anrückte, ein Holzscheit nachgeworfen worden. „Die san gscheidelt worn“, berichtet Guggenberger. Doch diese zum Teil handfesten Auseinandersetzungen seien nach den 50er-Jahren langsam verschwunden, weil immer öfter die Polizei eingeschaltet wurde. Und ehrlicherweise gibt Guggenberger zu, dass auch die jungen Männer aus Thierhaupten nach Meitingen gefahren seien, um sich dort nach hübschen Mädchen umzuschauen.

Guggenberger gibt zu bedenken, dass die Schwaben und die Altbayern in der Vergangenheit gut miteinander gefahren seien. So hätte man sich beim Baden im Lech oder bei den Jahrmärkten in Thierhaupten getroffen. Auf der anderen Seite seien die Thierhauptener gerne nach Meitingen gefahren, um dort ins Kino zu gehen.

Außerdem seien die Thierhauptener gerade nach dem Krieg sehr dankbar gewesen, dass es in Meitingen beispielsweise bei Siemens Plania (heute SGL) Arbeit gab. Im Vorfeld der Kreisreform hatten die Thierhauptener bei einer Befragung ganz klar dafür votiert, nach Augsburg zu gehören. Bis 1972 gehörte Thierhaupten zum (damals schwäbischen) Landkreis Neuburg an der Donau. Im Zuge der Kreisreform am 1. Juli 1972 wurde der Ort dem Landkreis Augsburg West zugeordnet, der am 1. Mai 1973 die heutige Bezeichnung Landkreis Augsburg erhielt. Allerdings hat Thierhaupten in diesem Kreis ein Alleinstellungsmerkmal. Der Ort ist die einzige altbayerische Gemeinde im Landkreis Augsburg.

Übrigens: Die Lechbrücke zwischen Meitingen und Thierhaupten ist auch heute noch eine ganz besondere Verbindung. Vergangenen Sommer gab es einen Aufschrei in der Bevölkerung und bei den Verantwortlichen in den Betrieben, als das Staatliche Bauamt ankündigte, die Lechbrücke bei Thierhaupten über Monate hinweg zu sperren. Die Proteste waren so massiv, dass die Sperrung zwischen den beiden besonderen Nachbarn nun kürzer ausfallen wird.

Mit diesem Beitrag endet unsere fast zweiwöchige Themenreihe über Schwaben und Altbayern im Augsburger Land.

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