Es ist sicher nicht der beste Tag für einen Spatenstich. Mitten im matschigen Schnee nehmen eine Gruppe Männer und eine Frau Schaufeln in die Hand, um symbolisch den ersten Schritt zu tun für den Umzug eines Unternehmens von der Stadtmitte in Neusäß ins Gewerbegebiet nahe der Autobahn in Gersthofen. Schon im kommenden Winter sollen die neue Produktionshalle und das neue Verwaltungsgebäude von AMServ fertig sein, hofft Geschäftsführer Matthias Vogel. Dann wird der komplette Betrieb mit 64 Mitarbeitenden, davon knapp 40 in der Produktion, nach Gersthofen umziehen. Der Betrieb repariert Elektromotoren oder wertet sie technisch auf.
Bis dahin soll in Gersthofen eine moderne Industrieanlage entstanden sein, in der das operative Geschäft von AMServ gegenüber heute zudem wachsen soll. Auch weitere Arbeitsplätze, vor allem für Industriemechaniker, sollen entstehen, sagt Matthias Vogel. AMServ ist ein Kooperationspartner von ABB, ein Unternehmen, das unter anderem Generatoren und Motoren herstellt. In der neuen Werkshalle sollen Elektromotoren für praktisch jeden Industriezweig für die Zukunft fit gemacht werden, sei es durch Reparatur oder durch Um- und Aufrüstung. „Diese Elektromotoren werden vor allem in der kritischen Infrastruktur eingesetzt, vom Wasserkraftwerk über Umspannstationen bis zu Schienenfahrzeugen der Deutschen Bahn“, sagt Geschäftsführer Vogel. Dadurch sei man recht krisenfest und könne das Geschäft in Zukunft sogar noch ausbauen.
Gersthofen will neuen Mitarbeitenden auch Wohnraum anbieten
Während sich der zweite Bürgermeister von Gersthofen, Reinhold Dempf, über den Zuzug ins Industriegebiet in der Daimlerstraße freut und gleich klarmacht, dass man weiteren Mitarbeitenden auch Wohnraum anbieten könne, sieht wenige Kilometer entfernt der Neusässer Bürgermeister Richard Greiner den Umzug mit gemischten Gefühlen. Das aktuelle Betriebsgelände von AMServ liegt heute mitten im Stadtteil Alt-Neusäß. In der Nachkriegszeit stellten die dortigen Vorgängerunternehmen BBC und dann nach einem Wechsel in der Struktur ABB den Beginn der Industrialisierung in Neusäß dar. Noch vor ein paar Jahren sah es so aus, als ob sämtliche Unternehmensteile aus Neusäß abwandern sollten, ABB verkaufte das rund 14.000 Quadratmeter große Grundstück in Neusäß an eine Investorengesellschaft.
Doch dann änderten sich die Entscheidungen des Managements von ABB und in diesem Zuge auch für AMServ, erinnert sich Greiner. Der Kooperationspartner sollte vor Ort bleiben. Doch der Grundstücksverkauf war nicht mehr rückgängig zu machen, ein Umzug innerhalb der Stadt war nicht möglich. „In Neusäß haben wir kein passendes Industriegrundstück in dieser Größe.“ Aktuell könne die Stadt nur noch zwei oder drei Gewerbegrundstücke anbieten. Das sei ein Problem und die Aufgabe der Politik, in diesem Bereich Entscheidungen anzustoßen, so Greiner. Doch man müsse eben das Beste daraus machen, findet er.
Auf dem heutigen Firmengelände könnte ein Wohnheim für Studierende entstehen
Und für das Grundstück mitten in Neusäß heißt das: Hier soll zeitnah etwas Neues entstehen. Gemeinsam mit den neuen Grundstückseigentümern wird gerade ein Bebauungsplan entwickelt, der zwar immer noch zu rund 70 Prozent Platz für Gewerbe bereithalten werde, aber da doch wohl eher für Dienstleistungsunternehmen oder Büros und Labore im Umfeld der Uniklinik. „Außerdem wollen wir dort junges Wohnen ermöglichen“, so der Bürgermeister, womit ein Wohnhaus für Studierende und Auszubildende gemeint ist. Auch eine neue Pflegeeinrichtung für kurzzeitige Aufenthalte ist im Gespräch. Neusäß verändert sich an dieser Stelle rund um die Oskar-von-Miller-Straße. „Am Anfang stand dort die Umwandlung des benachbarten Sailer-Areals zum Beethovenpark, die Konversion der AMServ-Fläche ist die Fortführung dieser Entwicklung“, so Greiner.
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