Anfassen, riechen und probieren: auf Kräuterwanderung mit Sophie Bösel (links) beim Kloster Holzen. Foto: Marcus Merk
Es summt und zwitschert rund um den dicken Stamm der alten Linde am Parkplatz beim Kloster Holzen. Im Schatten der mächtigen Äste beginnt Sophie Bösel ihre Kräuterführung. Um sie herum haben sich Frauen mit Körbchen, Stift und Block versammelt, um mehr über die heimischen Kräuter zu erfahren. Es ist der Auftakt unserer Heimatentdecker-Aktion: Auf mehreren Spaziergängen begibt sich die Redaktion in diesem Sommer gemeinsam mit ihren Lesern auf Entdecker-Tour im Landkreis Augsburg.
Das Zeck-weg-Spray soll vor Zeckenstichen schützen.Foto: Marcus Merk
Das Wetter hätte besser nicht sein können für den ersten Spaziergang, bei dem es um Kräuter und ihre Wirkungen geht. Die Ellgauer Kräuterpädagogin begrüßt dazu die Frauen, die an diesem Tag bis aus Bobingen zum Kloster Holzen im Nordwesten von Nordendorf gekommen sind, mit einem Gedächtnisöl aus Brennnesseln und Olivenöl. Jede darf sich etwas davon auf die Schläfen reiben. Lemongras-Geruch strömt aus dem Fläschchen Zeck-weg-Spray, mit dem sich die Frauen die Waden einsprühen. Er soll sie während des Spaziergangs vor Zeckenstichen schützen.
Los geht es bei der sagenumwobenen Linde
Der Startpunkt unter der Linde ist freilich kein Zufall. Sophie Bösel erzählt von der mythologischen Bedeutung des Baumes, von Hochzeiten, die hier früher stattfanden, von ihrer Bedeutung als Friedenslinde und vielem mehr. Darüber hinaus ist die Linde zur Heilpflanze des Jahres 2025 gekürt worden. Bekannt ist sie vor allem für ihren Blütenhonig und den Tee. Und damit ist die Kräuterpädagogin auch schon mittendrin.
Sophia Bösel erklärt, welche Bestandteile des Holunders wie verarbeitet werden können. Foto: Marcus Merk
Mit den Pflanzen und ihrer Wirkung auf den menschlichen Körper kennt sich die Ellgauer Kräuterpädagogin nach ihrer Weiterbildung zur Volksheilkundlerin und Aromaexpertin aus. Sie will dieses Wissen gerne weitergeben. Deshalb geht es bei der Kräuterwanderung oft langsam voran. Denn am Wegesrand stehen erstaunlich viele Pflanzen, die in der Heilkunde eine Bedeutung haben. Und Sophie Bösel scheint sie alle zu kennen. „Die hier wollte ich euch noch zeigen“, sagt sie immer wieder, nachdem sie sich gebückt hat, um einen weiteren frisch gepflückten grünen Halm zu präsentieren.
Die Frauen freut's. Gespannt hören sie zu und haben immer wieder Fragen. Die meisten von ihnen beschäftigen sich schon länger mit Wildkräutern. Eine macht an diesem sonnigen Nachmittag schon ihre dritte Kräuterführung mit. An Tinkturen oder ähnliches habe sie sich aber noch nicht gewagt, erzählt sie. Eine andere kennt manch ein Gewächs schon als Dekoration vom Kränzebinden. Und die Dritte gibt zu, dass sie 27 Jahre lang in einer Apotheke gearbeitet habe, und jetzt endlich ihre erste Kräuterführung mitmache. Bei ihr soll es noch am selben Abend Kräuterquark aus den frisch gesammelten Kräutern geben, erzählt sie.
Waldrocher heißt diese Leckerei mit Brennnesselsamen und Douglasien-Nadel-Pulver. Foto: Marcus Merk
Sophie Bösel hat viele Rezepte parat, etwa für die schokoladigen Waldrocher mit gemahlenen getrockneten Douglasien-Nadeln, mit Datteln, Nüssen und Brennnesselsamen. Als sie den Deckel von der kleinen Tupperdose öffnet und die Waldrocher zum Probieren verteilt, staunen die Frauen. „Man schmeckt tatsächlich die Nadeln raus“, stellt eine von ihnen fest. „Aber sie dominieren nicht“, sagt eine andere Teilnehmerin. Die liebevoll angerichteten Tomaten, die mit Brennnesselsamen, Zwiebeln, Tomatenstückchen und Balsamico gefüllt wurden, hatten die Teilnehmerinnen schon wenige Meter weiter vorne zur Vorspeise bekommen.
Die heilende Wirkung von Schafgabe, Eisenkraut und Co.
Immer wieder geht es um die Brennnessel und ihre Samen. Die können ins Müsli, aufs Butterbrot oder in die Suppe, wenn sie dunkelgrün bis bräunlich gereift sind. Reifetest: Der Samen muss beim Reiben abfallen. Diese Samen seien den Winter über ihre natürlichen Vitaminpillen, erzählt Sophie Bösel. Ein Teelöffel am Tag genüge. Über die Wirkung der Schafgaben-Salbe bei Narben oder Hämorrhoiden und wie man die Pflanze von der Magen beruhigenden Wilden Möhre unterscheidet, erfahren die Teilnehmerinnen an einem wild bewachsenen Hügel. Hier findet die Kräuterpädagogin Wildes Eisenkraut, das für Wundauflagen geeignet ist, Spitzwegerich, aus deren Blättern sie sich eine Tinktur für Mückenstiche herstellt. Die Samen des Breitwegerich ersetzen ihr die Flohsamen.
Der Storchenschnabel soll die Fruchtbarkeit steigern.Foto: Marcus Merk
Die Zeit vergeht wie im Flug. Der Spaziergang ist schon fast zu Ende, als Sophie Bösel den Kräutersammlerinnen noch die wichtigsten Basics ans Herz legt: „Verwendet einfach nur die Pflanzen, die ihr ganz sicher erkennt“, sagt sie. Wer die Pflanzen nicht sicher bestimmen kann, sollte einen Experten fragen. Suchmaschinen und Apps kämen nicht immer zum richtigen Ergebnis. Die Wildkräuter außerdem immer nur in kleinen Mengen verzehren. „Macht einfach immer mal wieder Kräuterführungen und lernt die Pflanzen kennen“, rät die Kräuterpädagogin. „Aber Vorsicht, es besteht Suchtgefahr“. Weitere Infos gibt es unter www.kraeuterschneckle.de.
Der nächste Spaziergang im Rahmen der Heimatentdecker findet am Dienstag, 12. August, bei den Resten einer geheimen Flugzeugfabrik im Scheppacher Forst zwischen Burgau, Scheppach und Zusmarshausen statt.
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