In manchen Nächten, wenn man im Kloster Pielenhofen nur noch das Rauschen der Naab hören konnte, ließ Matthias Podszus jedes Geräusch erstarren. In dem Dorf in der Oberpfalz zogen die Regensburger Domspatzen ihren Elitenachwuchs heran, inzwischen weiß man: Hinter den Mauern des 750 Jahre alten Gebäudes wurde vielen Knaben nicht nur das Singen gelehrt, sondern auch das Fürchten. Unter dem berüchtigten Schuldirektor Johann Meier wurden zahlreiche Kinder missbraucht, auch Podszus zählt sich zu seinen Opfern. Vor Gericht will der frühere Domspatz nun Gerechtigkeit.
Per Video gibt der 43-Jährige ein Interview. Einen Großteil seiner Kindheit verbrachte er – wenn nicht im Internat der Domspatzen – in Augsburg und der Umgebung, sein Elternhaus steht in Dinkelscherben. Er stammt aus einer Musikerfamilie, ist über zwei Meter groß, hat dunkle Haare und einen üppigen Bart, inzwischen lebt er in Fürth. Er wolle kein Opfer sein. „Aber ich bin es“, sagt er. Noch immer beschäftigen ihn die Spätfolgen seiner Zeit in Pielenhofen, der gelernte Versicherungsmakler ist inzwischen in psychiatrischer Behandlung und arbeitsunfähig. Dabei ging nach seiner Schulzeit vieles erst einen scheinbar gewöhnlichen Gang.
Missbrauch bei den Domspatzen: Matthias Podszus fordert 1,2 Millionen Euro
Podszus erzählt seine Geschichte so: 1991 kommt er auf die Grundschule nach Pielenhofen. Schon zuvor lernt er Schuldirektor Meier kennen, als „extrem charmant nach außen“ beschreibt er den Geistlichen. Doch schon bald zeigen sich Podszus dessen pädophile und sadistische Neigungen. Er sei in Pielenhofen zu drakonischen Strafarbeiten wie stundenlangem Abschreiben gezwungen oder mit Stiften auf die Hand geschlagen worden, sagt er. Gar von „Folterhandlungen“ ist in der Klageschrift gegen das Bistum Regensburg die Rede, in der auch steht, was man sich unter sexuellem Missbrauch in der Schule vorstellen müsse: „Quetschen der Genitalien durch Direktor Meier“, steht dort. Oder „Einführen von Gegenständen (anal)“. Oder: „Oralsex erzwungen“.
Im Gespräch geht Podszus darauf nicht näher ein. „Es fällt mir schwer, darüber zu reden“, erklärt er. „Dass ich das vor Gericht vielleicht tun muss, macht mir Sorgen“. Podszus ist überzeugt, dass ihm Geld vom Bistum zusteht, dafür, dass Kirchenvertreter ihm so schweres Leid hinzugefügt haben. Insgesamt 1,2 Millionen Euro fordert er, aufgeteilt auf 350.000 Euro Schmerzensgeld und weitere Summen, mit denen die Kirche für seinen Verdienstausfall und die Rente über mehrere Jahre aufkommen soll, weil er nicht mehr arbeiten kann. „Warum soll auch die Allgemeinheit anstelle der Kirche dafür aufkommen?“, fragt Podszus. Transferleistungen, die er bislang erhalten habe, müsse er dann möglicherweise rückerstatten.
Es gehe nicht darum, mit seinem Trauma reich zu werden, betont er. Sondern um Fairness. „Mein Fall steht stellvertretend für viele andere“, sagt Podszus. Tatsächlich sind inzwischen mehrere Missbrauchsfälle aus dem vergangenen Jahrhundert in den Reihen der Domspatzen bekannt, sei es in der Grundschule oder am Gymnasium des ältesten Knabenchors der Welt. Viele davon sind Grundschuldirektor Meier anzulasten, auch Domkapellmeister Georg Ratzinger, der Bruder des verstorbenen Papstes Benedikt XVI., wusste davon. Freiwillige Entschädigungen wurden bereits gezahlt, Podszus sagt, in seinem Fall hat das Bistum 50.000 Euro festgelegt. Das reiche aber nicht einmal zuverlässig für Einzelmaßnahmen wie die Ausbildung eines Begleithundes, der ihm bei Panikattacken helfen könnte.
Landgericht Regensburg verschiebt Verhandlung zu Missbrauchsklage bei den Domspatzen
Ob seine Klage abgelehnt wird, es zu einem Verfahren kommt oder bereits ein Urteil gefällt wird, sollte sich am Donnerstag vor dem Landgericht Regensburg entscheiden. Dieser Termin wurde nun um drei Wochen verschoben. Zu einer außergerichtlichen Einigung der Parteien kam es bislang nicht. „Ich hatte nie vor, die Kirche zu verklagen, aber ihre Ignoranz hat mich aufgebracht“, sagt Podszus. Entschieden wird vor Gericht womöglich auch, welche Verjährungsfristen bei Fällen wie diesen gelten. Denn wie Podszus und sein Anwalt argumentieren, beginne diese erst mit der Retraumatisierung des Opfers. Über zwei Jahrzehnte lang war ihm gar nicht klar, dass er misshandelt wurde.
Dabei war er schon als Schüler Patient in der Kinder- und Jugendpsychiatrie des Bezirksklinikums Regensburg. In einem Bericht hielt der damalige Oberarzt bereits 1998 fest, dass während der Behandlung „ein sexueller Missbrauch durch einen früheren Schuldirektor“ aufgedeckt wurde. Doch die Feststellung hatte keine Konsequenzen. Podszus Mutter, zu der er bis heute wie zum Rest der Familie ein gutes Verhältnis hat, war alleinerziehend und häufig weit weg, bekam vom Missbrauch lange nichts mit. Und auch Podszus verstand über Jahrzehnte selbst nicht, was geschehen war. Die Misshandlungen im Kloster empfand er meist bloß als Strafe für seine eigenen Fehler. So war es ihm in der Schule eingetrichtert worden.
Missbrauch bei Domspatzen: Bistum Regensburg äußert sich nicht zu den Vorwürfen
„Das Erste, was uns ausgeprügelt wurde, war der Wille“, sagt Podszus. Auf Anfrage äußert sich das Bistum Regensburg zu den Vorgängen nicht, „da es sich um ein laufendes Verfahren handelt“. Für Podszus war das Internat eine zuverlässige „Produktionsstätte für Gesangsmaschinen“. Erst als andere ehemalige Domspatzen an die Öffentlichkeit gingen, begann er zu begreifen. Etwa auch, dass es nicht nur einen Haupt-, sondern viele Täter gab.
Wie etwa die Schwester, die die Nächte im Kloster zum Albtraum werden ließ. Sie verordnete den Schülern nachts totale Stille, obwohl die metallenen Lattenroste in den Betten bei jeder Bewegung knarzten. Sonst folgte die Strafe: Stundenlanges Stillstehen im Waschraum unter den strengen Augen der Schwester, die bei jedem Zucken die Strafzeit verlängerte.
„Als ich den Missbrauch verstanden habe, habe ich mich erst einmal völlig betrunken“, sagt Podszus. Er hatte Albträume, Erinnerungen kamen zurück, er begab sich in Therapie. 2021 versuchte er, sich umzubringen. „Weiterzuleben war das Beste, was passieren konnte“, weiß er heute. „Das Leben ist so schön“, findet er trotz allem. Das sagt er selbst über die Jahre, in denen er schließlich für die Domspatzen sang. Er schämt sich nicht dafür, ein Opfer zu sein. Und er werde sich nicht mürbe machen lassen.
In der Regel berichten wir nicht über Suizidgeschehen. Wenn Sie sich selbst betroffen fühlen oder sich in einer emotionalen Ausnahmesituation befinden, kontaktieren Sie bitte umgehend die Telefonseelsorge (www.telefonseelsorge.de). Unter der kostenlosen Rufnummer 0800-1110111 oder 0800-1110222 erhalten Sie jederzeit professionelle Hilfe von Beratenden, die in vielen Fällen Auswege aus schwierigen Situationen aufzeigen können. Eine Übersicht über weitere Hilfsangebote finden Sie hier.
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