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Schicksale jüdischer Familien im Landkreis Augsburg: Archiv von Gernot Römer gibt Einblicke

Fischach

„Die Mutter konnte nicht mehr nachkommen“: Familie Brühl und ihre Flucht vor den Nazis

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    Familie Brühl im Jahr 1939: In der Straße Am Judenhof in Fischach, zwischen Synagoge und Judenschule, stand einst ihr Haus, das Irma Brühl 1939 zu einem geringen Preis verkaufen musste. Das Schicksal der Familie ist exemplarisch für die jüdische Gemeinde in Fischach - und deshalb nicht weniger tragisch.
    Familie Brühl im Jahr 1939: In der Straße Am Judenhof in Fischach, zwischen Synagoge und Judenschule, stand einst ihr Haus, das Irma Brühl 1939 zu einem geringen Preis verkaufen musste. Das Schicksal der Familie ist exemplarisch für die jüdische Gemeinde in Fischach - und deshalb nicht weniger tragisch. Foto: Marcus Merk/Sammlung G. Römer

    Es waren schreckliche Bilder, die damals zum ersten Mal um die Welt gingen. Amerikanische, britische und russische Soldaten öffneten die Tore der Konzentrationslager und trafen auf die letzten Überlebenden der nationalsozialistischen Rassenverfolgung. Heuer jähren sich diese Tage zum 81. Mal. Auch Emanuel Brühl wird die Berichte und Bilder in den britischen Zeitungen und im Fernsehen mitverfolgt haben. Er hatte kurz vor Ausbruch des Zweiten Weltkriegs sein Leben und das seiner Töchter mit der Ausreise nach England retten können. Seine Frau Irma musste er in Fischach zurücklassen. Warum sie nicht mitkommen konnte, wie er versucht hat, sie nachzuholen, und was aus ihr geworden ist, steht in Dokumenten, die im Jüdischen Museum Augsburg Schwaben verwahrt werden und jetzt erschlossen wurden.

    Familie Brühl aus Fischach wollte gemeinsam nach Amerika auswandern. Doch es gelang nicht allen Vieren, aus Deutschland zu fliehen. Das Foto zeigt sie vor der Trennung 1939 in Fischach.
    Familie Brühl aus Fischach wollte gemeinsam nach Amerika auswandern. Doch es gelang nicht allen Vieren, aus Deutschland zu fliehen. Das Foto zeigt sie vor der Trennung 1939 in Fischach. Foto: Sammlung G. Römer, Jüdisches Museum Augsburg Schwaben

    Es sind persönliche Briefe und Aufzeichnungen, Stammbäume, Fotos und amtliche Vermerke. Sie stammen aus einem großen Nachlass, der in den vergangenen drei Jahren digitalisiert wurde und so in das Archiv des Museums integriert werden konnte. Es ist der Nachlass von Gernot Römer, der alles, was er gesammelt hatte, rechtzeitig vor seinem Tod persönlich an das Museum übergab. Es handelt sich dabei um den Inhalt aus 128 Ordnern sowie aus einer Personen- und Fotokartei. Gernot Römer war von 1971 bis 1994 Chefredakteur der Augsburger Allgemeinen und hat während dieser Zeit akribisch Informationen über Menschen eingeholt, die jüdischen Glaubens waren, in Bayerisch-Schwaben gelebt haben und in der Zeit des Nationalsozialismus verfolgt wurden. Um die Erinnerung wachzuhalten, hat er mit Überlebenden gesprochen und deren Nachfahren befragt. Bis zu seinem Tod im Jahr 2022 stand er in engem Kontakt zu jüdischen Familien in den USA, Israel und auch zu einer der Töchter von Emanuel Brühl in Großbritannien.

    Was erfährt man über Familie Brühl aus Fischach?

    Aus den Recherche-Unterlagen von Gernot Römer kann man herauslesen, wo die Familie Brühl in Fischach bis 1939 gewohnt hat: in einem Haus, das zwischen Synagoge und jüdischer Schule lag. Emanuel Brühl war Kaufmann für Spirituosen und Tabak, seine Frau Irma half ihm mit Schreibarbeiten im Geschäft. Im August 1938 ließ sich das Paar mit den beiden Töchtern auf dem amerikanischen Konsulat in Stuttgart für die Ausreise registrieren. Die Visa für die USA waren danach an eine Verwandte seiner Frau in Kentucky geschickt worden und lagen dort bereit. Das berichtet Emanuel Brühl in einem Brief, den er im Mai 1941 an den amerikanischen Auswanderungsdienst in New York schickte. In diesem Brief teilt er mit, dass er eine Ausbildung zum Metzger hat und seine Familie selbst versorgen kann. Für die Ausreise hätte er Geld hinterlegt, im Kitchener Camp. Dort war er als jüdischer Flüchtling nach seiner Einreise in England untergebracht worden. Das Kitchener Camp in der englischen Grafschaft Kent war ein Durchgangslager, das von Februar 1939 bis Mitte 1940 für jüdische Flüchtlinge aus dem Deutschen Reich genutzt wurde.

    Auf Emanuel Brühls Brief steht als Absendeort das Internierungslager auf der Isle of Man. 1941 war er also mit anderen Geflüchteten auf die kleine Insel zwischen England und Irland verlegt worden. Sein Ausreiseziel war zu diesem Zeitpunkt immer noch die USA. Auch das kann man seinem Brief entnehmen. Er bittet darin den amerikanischen Auswanderungsdienst händeringend um Unterstützung. Seine Frau sei immer noch in Fischach bei Augsburg, schreibt er. „Ich hoffe, Sie werden verstehen, dass es meiner Internierung geschuldet ist, dass ich wirklich hilflos bin, eine rasche Auswanderung meiner Frau voranzutreiben“, erklärt er in bestem Englisch und hofft, dass der Auswanderungsdienst in New York Kontakt mit dem Jüdischen Hilfsverein in München aufnimmt. Ob er in dieser Zeit Kontakt zu seiner Frau hatte, geht aus dem Brief nicht hervor.

    Welche Dokumente erzählen die Geschichte?

    Wie Emanuel Brühl die Ausreise seiner Töchter organisiert hat, steht in einem anderen Brief, den seine älteste Tochter Mella nach dem Tod des Vaters verfasst hat. Er ist auf Januar 1997 datiert und in Cambridge abgeschickt. In ihrem Brief kündigt Mella die beigelegten Familienfotos an und antwortet auf Gernot Römers Fragen. Ihr Vater hätte auf einer beruflichen Reise in der Schweiz zwei englische Damen kennengelernt. Sie hätten eine Familie im Norden von England, in Newcastle upon Tyne, zur Aufnahme der Kinder vermitteln können. Dort sei sie mit ihrer Schwester für ein Jahr untergekommen, bevor sie in die Nähe von Cambridge gebracht wurden.

    Im Nachlass von Gernot Römer findet sich auch eine Aufzeichnung von Irmas jüngerem Bruder, Justin Ackermann. Er war bereits 1934 nach Palästina ausgereist. 1991 notiert er, die beiden Mädchen Mella und Erika seien als Acht- und Vierjährige mit dem letzten Kindertransport nach Großbritannien ausgereist und bei einer Pflegefamilie auf dem Land bei Cambridge untergekommen. Auf diese Weise seien sie dem deutschen Bombenhagel in Englands Städten entgangen. „Die beiden Kinder mussten schwer arbeiten, wenn sie nach der Schule und einem langen Schulweg nach Hause kamen“, schreibt er. Sie seien dort christlich erzogen worden und gehörten auch später mit ihren Familien der anglikanischen Kirche an. „Die Mutter konnte nicht mehr nachkommen.“

    Emanuel Brühl hatte in Fischach nachgefragt, was mit seiner Frau Irma geschehen war. Diese Bestätigung erhielt er aus Fischach im Jahr 1954.
    Emanuel Brühl hatte in Fischach nachgefragt, was mit seiner Frau Irma geschehen war. Diese Bestätigung erhielt er aus Fischach im Jahr 1954. Foto: Sammlung G. Römer, JMAS (Sign.: JKM-SR-F-X-17.18_003)

    Warum Irma Brühl nicht nachkommen konnte, geht aus dem Brief ihrer Tochter Mella aus dem Jahr 1997 hervor. Bis September 1939 hätte ihre Mutter nicht die nötigen Dokumente für die Ausreise erhalten, schreibt Mella. Im Nachlass findet sich zum Verbleib der Mutter eine Bestätigung der Marktgemeinde Fischach. Emanuel Brühl hatte nach dem Krieg eine offizielle Anfrage gestellt. Die Gemeinde teilte ihm 1954 mit, dass sie am 1. April 1942 nach München deportiert worden sei. Wohin sie gebracht wurde, wäre unbekannt. Im Gedenkbuch des Bundesarchivs findet sich hinter Irma Brühls Namen als Todesort das Getto Piaski in Polen. Dorthin sind die letzten jüdischen Fischacher Bürgerinnen und Bürger gebracht worden. Irma Brühl muss unter ihnen gewesen sein.

    Gibt es das Haus von Familie Brühl in Fischach noch?

    Irmas Mann Emanuel blieb nach dem Krieg in England. Er zog zu seinen Töchtern nach Cambridge und arbeitete dort als Küchenchef in einem Hotel, wie Tochter Mella 1997 in ihrem Brief an Gernot Römer schreibt. Er starb 1965 im Alter von 68 Jahren. Seine Tochter, die in England geheiratet hatte, kam mit ihrem Mann nach dem Krieg mehrfach nach Fischach. Das erste Mal besuchte Mella Ball ihre alte Heimat 1959. Sie hätte dabei das Ehepaar angetroffen, das in ihrem Geburtshaus wohnte, berichtet sie. Dabei sei ihr ein Schreiben gezeigt worden, auf dem Mutter Irma bestätigt habe, dass sie das Haus an das Paar verkauft hätte. Für nur einen geringen Betrag habe es den Besitzer gewechselt, so Mella. Danach muss das Haus abgerissen worden sein. 1997 hält Mella fest, dass sich zuletzt in Fischach viel verändert habe und es das Haus nicht mehr gäbe.

    Dieses Foto entstand bei einem Besuch von Mella 1959 in Fischach. Damals stand das ehemlige Haus der Familie Brühl noch.
    Dieses Foto entstand bei einem Besuch von Mella 1959 in Fischach. Damals stand das ehemlige Haus der Familie Brühl noch. Foto: Sammlung G. Römer, JMAS (Sign.: JKM-SR-F-X-17.18_013)

    In Gernot Römers Nachlass ist der letzte Brief von Mella aus dem 2005 zu finden. Er wurde als Fax übermittelt. Darin verweist Mella auf ihr hohes Alter. Deshalb komme sie nicht mehr nach Deutschland, aber auch, weil niemand mehr leben würde, den sie kenne und den sie besuchen könnte. Sie lädt Gernot Römer nach Cambridge ein. Ob es zu dem Besuch noch kam, ist nicht bekannt. Sicher ist, dass Mella Ball im April 2022 im Alter von 97 Jahren starb, zwei Monate vor Gernot Römer.

    Das letzte Foto, das Mella an Gernot Römer geschickt hat, hier mit Schwerster Erika 1996. Wo es aufgenommen wurde, ist nicht bekannt.
    Das letzte Foto, das Mella an Gernot Römer geschickt hat, hier mit Schwerster Erika 1996. Wo es aufgenommen wurde, ist nicht bekannt. Foto: Sammlung G. Römer, JMAS (Sign.: JKM-SR-F-X-17.18_015)

    Info: Der Nachlass von Gernot Römer ist aus datenschutzrechtlichen Gründen nicht öffentlich zugänglich. Wer die Sammlungsbestände für Recherchen zur jüdischen Geschichte oder von Jüdinnen und Juden aus Bayerisch-Schwaben nutzen möchte, kann sich jederzeit an das jüdische Museum Augsburg-Schwaben wenden. Dank der digitalen Erschließung ist eine Schlagwortsuche durch die gescannten Dokumente und Fotografien möglich. Die vielen biografischen Bezüge sind weitestgehend ausgewertet. Einige der Lebensgeschichten, die bislang unbekannt waren, werden in einer neuen Dauerausstellung vorgestellt; sie wird voraussichtlich 2030 eröffnet, wenn die Generalsanierung der Synagoge abgeschlossen ist.

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