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Altenmünster

01.07.2019

Die Sehnsucht nach dem Alltäglichem

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Neun Jahre Spielte Ramona Strahl aus Altenmünster für den FC Bayern München.
Bild: Philipp Zirker

Neun Jahre spielte Ramona Strahl beim FC Bayern München und stand sogar in der U15-Nationalmannschaft. Warum heute für die 28-Jährige andere Dinge zählen

Vor drei Jahren stand Ramona Strahl zum letzten Mal im Trikot des FC Bayern auf dem Platz. Neun Jahre spielte die 28-Jährige in der zweiten Fußball-Damenmannschaft für die Münchner. Neun Jahre, in denen sie vier Mal die Woche Training, ihr Lehramtsstudium und ihren Nebenjob in einem Büro zeitgleich jonglierte.

Vor drei Jahren erreichte sie einen Punkt in ihrem Leben, an dem sie sich nach anderen Dingen sehnte. Kein abendliches Training, keine Spiele am Wochenende. Alltag, Freiheit, einfach mal nichts tun. „Auch wenn ich nur auf der Couch gelegen bin, ich wollte wieder selbst entscheiden, was ich tun möchte“, sagt die 28-Jährige rückblickend. Damals steckte sie noch mitten in der Prüfungsphase für ihr Studium und zog den Schlussstrich. Kein Fußball mehr, für ein halbes Jahr nahm sich die Studentin eine sportliche Auszeit, traf sich mit Freunden, spielte Beachvolleyball. „Ich bereue nichts“, sagt sie heute.

Ramona Strahl spielte aber nicht nur für den FC Bayern, drei Mal streifte die Altenmünsterin sich sogar das Trikot der deutschen Nationalmannschaft über. Ein Talentscout sichtete den Teenager damals bei einem Spiel der Bayernauswahl. „Häufiger habe ich nicht mehr gespielt, da ich zeitgleich meine Abschlussprüfungen in der Schule hatte“, sagt die großgewachsene Mittelfeldspielerin. Anders erging es fünf Mädchen aus der damaligen Auswahl. Almuth Schult, Alexandra Popp, Sarah Doorsoun, Turd Knaak und Svenja Huth spielten bis zum Samstag mit der deutschen Nationalmannschaft bei der Weltmeisterschaft in Frankreich um den Titel. „Es ist schon spannend zu beobachten: Die Fünf spielen da und ich liege auf der Couch. Ich bereue aber nichts.“

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Die 28-Jährige spricht gelassen über ihre ehemaligen Mannschaftskameradinnen und die doch so unterschiedlichen Karrierewege. „Dadurch habe ich heute Zeit für andere Dinge wie zum Beispiel eine Hochzeit, auf der ich vor kurzem war“, sagt sie. Vor wenigen Jahren wäre es schwierig gewesen, die Feier in ihren straffen Zeitplan zu integrieren. Vier Mal die Woche trainierte Strahl in der 2. Mannschaft des FC Bayern. Ein Jahr lang sogar in der ersten Mannschaft, die in der 1. Bundesliga spielt - was für Strahl noch mehr Aufwand bedeutete. „Das Niveau war deutlich höher, sechs bis sieben Mal pro Woche trainierten wir.“

Für die junge Spielerin, die am Wochenende gerne Zeit mit Familie und Freunden in ihrer Heimat Altenmünster verbringt, war das zu viel. „Der Sprung in die erste Mannschaft ist kaum jemandem gelungen“, sagt Strahl. „Es wurden erfahrenere Spielerinnen aus anderen Vereinen gesucht.“ Mit 22 Jahren erhielt Strahl dann die endgültige Absage. Ein Trainer sagte ihr, dass sie bei Bayern in der ersten Mannschaft keine Zukunft habe. „Das war im ersten Moment natürlich enttäuschend“, erinnert sich Strahl an den Moment zurück. „Mein Fokus lag aber sowieso nicht auf einer Profilaufbahn. Dafür war ich nicht gut genug.“

Der volle Fokus auf den Sport war den Spielerinnen des FC Bayern sowieso nie möglich. „Wir haben in der zweiten Mannschaft kein Gehalt bekommen“, sagt Ramona Strahl. „Maximal Fahrtgeld in Höhe von 100 Euro.“ Auch die Profispielerinnen erhalten monatlich lediglich ein Gehalt von wenigen Tausend Euro. Weit entfernt von den Millionengagen ihrer männlichen Kollegen. Wie finanziert man ohne Gehalt ein Leben in einer der teuersten Städte Deutschlands? Ihr Glück war ihre Ausbildung: Ramona Strahl ist gelernte Kauffrau für Bürokommunikation. Sie arbeitete zusätzlich in einem Büro als Aushilfe und erhielt so am Monatsende magere 450 Euro. Den Rest finanzierten ihre Eltern. Ohne ihre Hilfe hätte die 28-Jährige nie den Schritt nach München gewagt.

Angefangen hat Ramona Strahl als kleines Mädchen mit sechs Jahren in ihrem Heimatverein SC Altenmünster. „Mein Vater hat früher beim TSV Welden Fußball gespielt, da war ich immer mit dabei.“ Das junge Mädchen spielte anfangs noch mit den Buben zusammen. Bis sie in der D-Jugend zum TSV Pfersee in die Mädchenmannschaft wechselte. Drei Jahre spielte sie dort in der B-Jugend, als eine Trainerin des FC Bayern sie ansprach. „Sie fragte mich, ob ich nicht mal beim Training mitspielen möchte.“ Für die damals 15-Jährige bedeutete das einen großen Schritt. „Meine Eltern sagten schon, dass die Fahrt von Altenmünster nach Augsburg weit sei“, sagt Strahl. „Nach München waren es dann 100 Kilometer.“ Trotzdem hat ihre Familie sie in ihrer sportlichen Karriere unterstützt.

Mit Auto oder Zug pendelte die junge Frau anfangs zwischen Altenmünster und Neusäß, wo sie damals ihre Ausbildung absolvierte, nach München. Bis 2012. „Mit 21 Jahren bin ich zum Studium nach München gezogen. Das hat vieles erleichtert“, sagt Strahl. Sie begann ihr Studium für Realschullehramt mit der Fächerkombination Sozialkunde und Wirtschaft und Recht. Während ihres Studiums wohnte sie mit einer Mannschaftskollegin und anschließend mit einer Freundin aus Altenmünster in einer WG. 2018 schloss sie ihr Studium mit dem Staatsexamen ab, seit September vergangenen Jahres ist sie Referendarin an der Realschule in Abendsberg. Dort wohnt sie ruhig gelegen und abseits des Schulalltags auf einem Bauernhof. An den Wochenenden kommt sie dennoch weiterhin nach Hause. Aus privaten Gründen. „Ich wohne inzwischen mit meinem Freund zusammen in Altenmünster.“

Er war auch der Grund, wieso sie sich nach ihrer fußballerischen Karriere für den SC Mönstetten entschied. „Die Schwester meines Freundes spielt dort. Es hätte Ärger gegeben, wenn ich in einem anderen Verein gespielt hätte“, erzählt sie scherzend. Die Vereine haben sich um Strahl gerissen, Angebote gab es genügend. „Ich wollte aber nicht mehr in so einer hohen Liga spielen. Der Trainingsaufwand wäre noch immer der gleiche, das wollte ich einfach nicht mehr.“

Ihren ehemaligen Mannschaftskameradinnen aus der U15 drückt Ramona Strahl die Daumen. „Im Frauenfußball hat sich in den vergangenen Jahren viel getan“, sagt sie. „Die Trainingsmethoden sind professioneller geworden, das Niveau höher und es steht mehr Geld zur Verfügung.“ Veränderungen, von denen die junge Nationalspielerinnen profitieren. Vor dem Schweden-Spiel zeigte sich die Altenmünstererin optimistisch: „Ich glaube, dass sie im Finale stehen werden.“ Doch es sei dumm gelaufen, meinte Ramona Strahl nach der 1:2-Niederlage. „Bis zum 1:1 ist alles nach Plan gelaufen, doch dann hat die deutsche Mannschaft den Faden verloren. In der Pause hat man sich wohl nochmals viel vorgenommen, doch das schnelle 1:2 hat alle über den Haufen geworfen. Schade, dass man nicht zu dem gekommen ist, was man sich vorgenommen hat.“

Trotz des WM-Aus stehe der Frauenfußball zu Unrecht abseits des öffentlichen Interesses. „Der Sport müsste sich nur anders vermarkten“, rät Strahl und lobt den aktuellen Werbespot der Fußballerinnen, die ihre fehlende Bekanntheit auf die Schippe nehmen.

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