1. Startseite
  2. Lokales (Augsburg)
  3. 10.482 Schritte um Augsburgs Befestigung

Augsburger Geschichten

05.06.2019

10.482 Schritte um Augsburgs Befestigung

Copy%20of%20Wehrgang_3.tif
3 Bilder
Seit mehr als einem halben Jahrtausend steht die trutzig wirkende hohe Stadtmauer am Stadtgraben mit der Kahnfahrt beim Oblatterwall (links).
Bild: Sammlung Häußler

Ab 1417 war die gesamte Stadt von Mauern und Gräben umschlossen. Der damalige Stadtumfang umfasste 7650 Meter.

Anno 1417 sei das befestigte Augsburg mit 10.482 Schritt zu umrunden gewesen, schrieb ein Chronist. Ein „Schritt“ war zu dieser Zeit in Augsburg die Maßeinheit für 73 Zentimeter. 7650 Meter betrug also vor 600 Jahren der Außenumfang der befestigten Reichsstadt. Dazu zählte bereits die Jakobervorstadt, deren „Eingemeindung“ um 1340 begonnen hatte. Die Handwerker-Siedlung um die St.-Jakobs-Kapelle wurde nach und nach in die Stadtbefestigung einbezogen.

Im Jahr 1375 seien lediglich „ein schlechter Zaun und ein grasigs Gräblein“ beidseits des Jakobertors als „Befestigung“ vorhanden gewesen. Als Verteidigungsanlage, die gegen Angriffe Schutz bot, reichte das nicht aus. Die Armbrust wurde in dieser Epoche allmählich von der Pulverbüchse abgelöst. Über die Entwicklung der Waffentechnik wusste man Bescheid: In Augsburg ist im Jahre 1340 vermutlich Deutschlands erste Pulvermühle nachweisbar und Anno 1370 waren 20 „Donnerbüchsen“ auf Wällen oder Türmen schussbereit.

Eine Schwachstelle blieb jahrzehntelang die Jakobervorstadt

Potenzielle Angreifer verfügten ab dieser Zeit ebenfalls über Feuerwaffen. Wollte die Reichsstadt nicht wehrlos sein, war sie gezwungen, in eine der waffentechnischen Entwicklung gerecht werdende Befestigung zu investieren. An vielen Stellen wurde nachgebessert. Eine Schwachstelle blieb jahrzehntelang die Jakobervorstadt. Erst zwischen 1415 und 1417 habe man Lücken in der Befestigung um die Vorstadt geschlossen, berichten Chroniken.

Lesen Sie jetzt: Die heutige Ausgabe Ihrer Tageszeitung als E-Paper.
Lesen Sie jetzt: Die heutige Ausgabe Ihrer Tageszeitung als E-Paper.

Diese sogenannte Befestigung bestand lediglich aus einer niedrigen Mauer und einem schmalen Wassergraben. Wirklich verteidigungsfähig war die Jakobervorstadt also anno 1417 nicht. Deshalb wurde die Vorstadt-Befestigung ausgebaut. Dazu zählte anno 1430 eine Großaktion: Die Vertiefung und Verbreiterung der Stadtgräben. Alle männlichen Vorstädter waren verpflichtet, selbst eine Schaufel in die Hand zu nehmen oder einen von ihnen bezahlten „Graber“ zu schicken.

Als im Jahr 1444 Augsburg in den Verteidigungszustand versetzt wurde, bekam die Stadtmauer ums Jakobsviertel einen Umgang aus Brettern unterhalb der Zinnen. Das Provisorium blieb und bewährte sich 1462: Bayern-Herzog Ludwig der Reiche belagerte die Stadt vergeblich! Die nächste Bauaktion begann 1469: Die Stadtmauern um die Jakobervorstadt wurden erhöht, daran Bogen gemauert und darauf ein mit Ziegeln gedeckter Wehrgang angelegt. Anno 1489 war diese Aktion abgeschlossen. Dass die schriftlichen Aufzeichnungen stimmen, haben Bauforscher bestätigt.

Umgang aus Brettern unterhalb der Zinnen

Sie untersuchten im Auftrag des Hochbauamtes Stadtmauerabschnitte, an denen Sanierungsarbeiten bevorstehen. Wurde Holz verbaut, ist die Altersbestimmung durch das Ermitteln des Fälldatums (Fachbezeichnung: „Dendrochronologie“) die sicherste Möglichkeit für die Datierung der Bauzeit. Anhand von Jahresringen kann meist das Fälljahr festgestellt werden. Selbst die Herkunft der Stämme ist in Augsburg oftmals nachweisbar. Die meisten Stämme kamen als Flöße in die Stadt.

Ein aufschlussreiches Beispiel ist die 145 Meter lange Stadtmauer entlang der Kahnfahrt beim Oblatterwall. 93 Meter davon verfügt sie über die ursprüngliche Höhe und einen gedeckten Wehrgang. Er verläuft über 16 Mauerbogen, die an der Stadtseite angefügt sind. Dass diese Mauer anno 1488 erhöht und neu verputzt wurde, fand der Bauforscher Thomas Schwarz heraus. Er entdeckte die in nassen Kalkmörtelputz eingeritzte Jahreszahl „1488“. Bei der dendrochronologischen Untersuchung des Wehrgangs ergaben sechs Holzproben als Fälldatum der Tannen und Fichten das Jahr 1486. Auch typische Spuren für „Floßholz“ konnte der Bauforscher nachweisen.

Stadtpläne von 1514 und 1521 dokumentieren diese damals neue Mauer mit Wehrgang westlich des Oblatterwalls. Nach einem halben Jahrtausend sieht sie noch genauso aus. Beim Eingangstor zur Kahnfahrt führt eine Holztreppe auf den überdachten Wehrgang. Sie führte noch in den 1930er-Jahren zum Arbeitsplatz von Seilern. Sie benutzten den Gang zum Drehen von langen Stricken und Seilen als wettergeschützte „Seilerbahn“. Fotos überliefern die handwerkliche Technik beim Drehen von Seilen aus langfaserigem Flachs und Hanf. Die Bohrlöcher für Arbeitsgeräte und Auflieger für die Seile sind noch sichtbar.

Frühere Folgen des Augsburg-Albums zum Nachlesen finden Sie im Online- Angebot unserer Zeitung unter

www.augsburger-allgemeine.de/augsburg-album

Die Diskussion ist geschlossen.

Das könnte Sie auch interessieren