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Fotografie

08.05.2015

1024 x 768

Solche Ausdrucke von Bildern, die seine „Bildmaschine“ erzeugt hat, zeigt Johannes Franzen in Ausstellungen. In Augsburg ist die Maschine zu sehen.
Bild: Franzen

Warum man eine vom Zufall gesteuerte Bildmaschine manchmal am liebsten abwürgen würde

Vielleicht jetzt. Vielleicht kommt jetzt einmal etwas Wiedererkennbares. Eine Landschaft. Ein Gesicht. Ein Auto. Was man halt so fotografiert, digital. Das muss ein Apparat, der aus winzigen Puzzleteilchen jedes Bild der Welt zusammenfügen könnte, doch mal herbringen.

Aber nichts da. Rauschen. Farbnebel. Noch ein flimmerndes Wimmelbild und noch eines, Farbschlieren, ein Tanz bunter Pünktchen, eine vor den Augen schwimmende amorphe Suppe mit fliehenden Farbfettaugen. Nichts zu erkennen, nur monotone, abstrakte Variationen. Jede Sekunde wirft die Bildmaschine von Johannes Franzen ein anderes Motiv auf die Leinwand – bestehend aus 1024 x 768 Pixeln, der Standardauflösung eines Digitalbildes. Das kann meditativ sein, macht aber auch ungeduldig und sogar aggressiv. Abwürgen möchte man den Zufallsgenerator, der Bildmaschine den Saft abdrehen. Ein fester Tritt gegen den Beamer, und die Sache hätte sich. Schluss mit der Endlosschleife, die nichts als Nicht-Bilder hervorbringt, nur Fleckerlteppiche.

Die von Johannes Franzen, Absolvent der Hochschule der Bildenden Künste in Frankfurt, mit einer Zufallssoftware programmierte Bildermaschine steht zur Zeit im Ausstellungs-Pavillon von Christof Rehm in Augsburg-Göggingen. Rehm, der als Künstler selbst mit dem Medium arbeitet, lädt in seiner Atelier-Galerie zum „Fotodiskurs“, er will mit Ausstellungen und Diskussionen das Nachdenken über Fotografie anregen.

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Die Maschine läuft und läuft. Die Menge aller Bilder, die sie aus 1024 x 768 Pixeln in 16,7 Millionen möglichen Farbtönen erzeugen kann, ist berechnet. Es ist eine Zahl mit einer 8 vorne – und 96 Millionen Stellen dahinter. Franzens Bildprogramm, dem der Betrachter vertrauensselig ausgeliefert ist, ordnet bei jedem Wechsel, also jede Sekunde, jedem Pixel eine neue Farbe zu – per Zufall. Das bedeutet: Es kann jedes Mal jedes mögliche Bild entstehen. Theoretisch. Eine Denkfigur. Praktisch aber, wie gesagt, wird man irgendwann mürbe im Farbnebel, sucht den Haken an der Sache – und es kitzelt im Fuß, ein Tritt, und aus.

Das Jonglieren mit dem Pixelzufall ist ein Spiel mit Erwartung und Wahrnehmung. Die Maschine mixt emotionslos Pixel, aus denen sich heute jedes digital erzeugte und betrachtete Bild zusammensetzt. Während wir aber eine Vorstellung haben, was ein Bild ist, ist für die Maschine jede Zusammensetzung gleichwertig. Sie löscht und erschafft stoisch. Der Betrachter sucht ein Abbild, der Beamer liefert eine von unendlich vielen Formeln. Da prallen zwei gegensätzliche Sehwelten aufeinander, nicht kompatibel.

Der Bausatz für alle möglichen Bilder der Welt ist, das glauben wir mal, in der Maschine enthalten – doch sie erfüllt den Wunsch nach Wiedererkennbarkeit nicht, sondern erschöpft sich und die Betrachter mit Millionen wahllosen Pixelkombinationen, die keinem Wunsch nach Sinngebung unterliegen.

So bleibt diese Demonstration der Unwägbarkeit unserer technisch konstruierten Bildwelten ein anregendes Experiment. Man kann daran glauben, dass alles, was je Digitalfoto war oder wird, in der Pixelwundertüte von Johannes Franzen enthalten ist – aber alle Zuseher eben einfach nur Sekunde für Sekunde Nieten ziehen, so wie man auch im Lotto lebenslang nicht die sechs Richtigen hat, obwohl da nur 49 Kugeln drin sind in der Trommel.

bis 31. Mai. Pavillon am Berghof, Bergstraße 12, Donnerstag bis Samstag 17-19 Uhr. Katalogheft (5 ¤)

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