1. Startseite
  2. Lokales (Augsburg)
  3. 16.000 Volt änderten sein Leben

Augsburg

26.07.2013

16.000 Volt änderten sein Leben

Wolfgang Sacher fährt trotz Behinderung erfolgreich Rad.
Bild: Ulrich Wagner

Der arm-amputierte Paralympics-Sieger Wolfgang Sacher besucht die Mittelschule Bärenkeller und berichtet über seinen Unfall und seine große Radsport-Karriere.

Wolfgang Sacher bringt sein Spezial-Rad gleich mit ins Klassenzimmer der 8a in der Mittelschule Bärenkeller. An dem von seinem Bruder speziell gefertigten Sportgerät erklärt der 46-jährige Behindertsportler, wie er ohne linken Arm bei den Paralympics 2008 in Peking die Goldmedaille eingefahren hat. Mehr als eine Stunde berichtet Wolfgang Sacher über sein Leben und seine Karriere als behinderter Profifahrer. Er erzählt davon, wie ihm als 16-Jährigem nach einem Unfall der Arm und einige Zehen amputiert werden mussten und beantwortet ohne Umschweife alle Fragen der Schüler.

Auch in schwierigen Situationen Perspektiven

Sacher besucht im Auftrag des SV Zukunft die Schulklasse. Das ist ein Projekt, an dem seit 2007 viele Profi-Sportler und erfahrene Managementtrainer mitwirken, um Jugendliche zu zeigen, dass sich auch in schwierigen Situationen Perspektiven eröffnen. Die prominenten Gesprächspartner sollen den jungen Menschen zeigen, dass man es auch mit geistigen oder körperlichen Handicaps weit bringen kann.

16.000 Volt durch den Körper

Wie bei Wolfgang Sacher. Eine unüberlegte Aktion hat sein Leben am 13. April 1983 mit einem Schlag verändert: 16 000 Volt schossen dem jungen Wolfgang Sacher damals durch den Körper, als er mit seinen Freunden im Penzberger Güterbahnhof von Waggon zu Waggon sprang und dabei eine Hochspannungsleitung mit seinem linken Arm berührte. „Es hat mich weggeschleudert, als würde mir ein Riese eine Watsch‘n geben“, erinnert er sich noch gut an den Vorfall. Noch heute, erzählt er, verspüre er Phantomschmerzen. Er fühlt den amputierten Arm, obwohl dieser gar nicht mehr da ist. Sacher gesteht den Schülern, dass er nach dem Unfall begann, sehr viel Alkohol zu trinken, um die Situation ertragen zu können. Außerdem habe er 57 Kilo zugenommen, von 50 auf später 107 Kilo. Erst als er seine Frau kennen lernte, beschloss er, sein Leben zu ändern. Mit 23 Jahren heirateten die beiden, sie haben mittlerweile zwei Kinder. „Ich bin einfach nur froh, dass ich überlebt habe“, sagt Sacher.

Lesen Sie jetzt: Die heutige Ausgabe Ihrer Tageszeitung als E-Paper.

Durch seinen neuen Lebensmut hätten sich sich viele neue Türen für ihn geöffnet. Die Liebe zum Radsport entdeckte er allerdings erst, als er begann, mit dem Fahrrad zur Arbeit zu fahren. „Vor meinem Unfall, hatte ich nie an Fahrradfahren gedacht. Ich wollte eher Motorradfahrer werden“, erzählt Sacher. Da er aber die meisten Sportarten aufgrund des einen fehlenden Arms nicht ausüben konnte, begeisterte er sich schließlich doch immer mehr fürs Radfahren. „Außerdem bin ich wahnsinnig gern in der Natur“, sagt Sacher. Viele Jahre als Hobby-Radfahrer vergehen, bis er 2004 aufgrund seiner guten Leistungen in den Landeskader Radsport des Behinderten- und Versehrtensportverband Bayern aufgenommen wird.

Jedes Jahr einen Meistertitel

Die Karriere nimmt ihren Lauf. Bis 2009 holt Wolfgang Sacher jedes Jahr den deutschen Meistertitel im Straßenrennen und Einzelzeitfahren. Doch den Höhepunkt seiner Karriere erlebt er, als er bei den Sommer-Paralympics 2008 in Peking mit seinem Spezial-Rad drei Medaillen gewinnt: die Silbermedaille in der Bahn-Einerverfolgung über 4000 m, die Bronzemedaille im Bahn-Zeitfahren über 1000 m und die Goldmedaille im Einzelzeitfahren auf der Straße. Einen kompletten paralympischen Medaillensatz.

Für ihn sei durch den fehlenden linken Arm die Beschleunigung auf den ersten tausend Meter am schwierigsten und anstrengsten, erzählt Sacher, während er die gewonnenen Medaillen der Klasse präsentiert. Auf die Frage der Schüler, was das für ein Gefühl sei Gold, Silber und Bronze zu gewinnen, bezeichnet Wolfgang Sacher diesen Moment als „unbeschreiblich. Aber eigentlich geht es mir mehr um die Emotionen als um die Medaillen.“

Biografie schon geschrieben

Seine Biografie („Der einarmige Bandit“) hat Wolfgang Sacher schon geschrieben, doch auch nach seiner Karriere als Radsportfahrer hat er große Pläne – mittlerweile mehr politische als sportliche. Zurzeit kandidiert er als Bürgermeister für seine Heimatstadt Penzberg. Außerdem will er den Behinderten-Sport weiterhin unterstützen – auch durch seine Gespräche und Vorträge in den Schulen.

Themen Folgen

Sie haben nicht die Berechtigung zu kommentieren. Bitte beachten Sie, dass Sie als Einzelperson angemeldet sein müssen, um kommentieren zu können. Bei Fragen wenden Sie sich bitte an moderator@augsburger-allgemeine.de.

Bitte melden Sie sich an, um mit zu diskutieren.

Lesen Sie dazu auch
Copy%20of%20_WBG_007.tif
Wohnen

Plus Augsburg braucht mehr günstige Wohnungen

WhatsappPromo.jpg

Alle News per WhatsApp

Die wichtigsten Nachrichten aus Augsburg, Schwaben
und Bayern ganz unkompliziert auf Ihr Smartphone.

Hier kostenlos anmelden