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Justiz

01.09.2011

19-Jährige in Augsburger Luxusbordell ausgebeutet?

Bild: Silvio Wyszengrad

Der Fall einer 19-jährigen Prostituierten aus Rumänien kratzt am Ruf des Augsburger Luxusbordells „Colosseums“.

Madeleine, 27, beschreibt sich als „anschmiegsam und zärtlich“. Leona, 24, sagt sogar, sie habe in ihrem Beruf ihre Erfüllung gefunden. Die beiden Frauen arbeiten als Prostituierte im Colosseum, dem Großbordell nahe des Gaskessels. Es ist ein Club der Oberklasse, der mit Sauna und Pool einer Wellnessoase gleicht. Mehr als 20 Frauen warten dort auf Freier. Offiziell bieten alle ihre Liebesdienste freiwillig und auf eigene Rechnung an. Doch immer wieder zeigt sich: Auch hinter der schicken Fassade der neuen Wellnessbordelle gelten die alten, mitunter ruppigen Gesetze des Rotlichtmilieus.

Aktueller Fall: Ein 25-jähriger Zuhälter soll Frauen aus Rumänien, die im Colosseum arbeiteten, unter Druck gesetzt und ausgebeutet haben. Der 25-Jährige gehört nach Ansicht der Ermittler einer Bande von Menschenhändlern an, die junge Frauen aus Rumänien an FKK-Clubs in Deutschland vermittelte. Als FKK-Club firmieren inzwischen in vielen Städten Bordelle wie das Colosseum. Gegen eine Gebühr – in Augsburg sind es regulär 65 Euro – erhalten die Kunden Eintritt in den Club. Dort können sie, zwischen Palmen und Pool, Kontakt zu den Frauen aufnehmen und die Preise für Sex aushandeln.

Der Nachschub kommt vorallem aus Osteuropa

Die Clubs leben davon, dass es bei den Prostituierten einen ständigen Wechsel gibt. „Viele Kunden erwarten, dass sie immer wieder neue Frauen treffen“, sagt ein Ermittler. Der Nachschub kommt vor allem aus Osteuropa. Nur noch eine Minderheit der rund 700 Huren in Augsburg stammt aus Deutschland, heißt es bei der Kripo. Die Ermittler gehen davon aus, dass viele der osteuropäischen Frauen nicht eigenständig arbeiten, sondern Druck und teils auch Gewalt ausgesetzt sind. Nachzuweisen ist das oft nicht. „Viele schweigen gegenüber der Polizei“, sagt ein Ermittler.

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Im aktuellen Fall war der Kontaktmann in Rumänien, der die Frauen anwarb und nach Deutschland vermittelte, ausgerechnet ein Polizist. Der 36-Jährige arbeitete bei der rumänischen Polizei im Bereich organisierte Kriminalität und Menschenhandel. Er wurde im Juni festgenommen und von Rumänien an Deutschland ausgeliefert. Er wartet jetzt in Untersuchungshaft auf den Prozess. Seinen Ausgangspunkt nahm der Fall in einem Großbordell im Raum Stuttgart. Dort begann die Kripo zu ermitteln, weil der rumänische Polizist eine „seiner“ Frauen verprügelte. Die Prostituierte hatte nicht genug Geld geliefert. Nach Polizeiangaben mussten die Frauen die Hälfte der Einnahmen abtreten und einen „Mindestumsatz“ erzielen. Einer erst 19 Jahre alten Rumänin und einer weiteren jungen Frau, die zuletzt beide im Colosseum in Augsburg arbeiteten, erging es wohl ähnlich. Ihr 25-jähriger Zuhälter wurde Ende Juni in Augsburg verhaftet. Hinter Gittern sitzt auch seine 23-jährige Freundin, die selbst im Colosseum arbeitete und zugleich aufpasste, dass die anderen Frauen „spuren“.

Die Führung des Colosseums will von all dem nichts gewusst haben. Eine Strafe droht dem Bordellboss nicht, weil ihm die Ermittler nichts nachweisen können. Immer wieder hatte die Kripo das Bordell in den vergangenen Jahren im Visier. „Wir sind davon ausgegangen, dass die Frauen nicht eigenständig arbeiten, sondern sehr genau vorgegeben wird, was sie tun müssen“, sagt Augsburgs Kripochef Klaus Bayerl. „Da geht es auch um die Menschenwürde.“ Vor Gericht kassierten die Ermittler aber mehrere herbe Niederlagen. Das seit dem Jahr 2002 gültige Prostitutionsgesetz hat Lockerungen gebracht, von denen laut Bayerl vor allem Zuhälter und Clubbetreiber profitieren.

Immer wieder gelang aber der Nachweis, dass Frauen, die in dem Luxusbordell arbeiteten, von Zuhältern mit Gewalt gefügig gemacht wurden. 2007 schnitt sich eine junge Rumänin im Colosseum die Pulsadern auf. Sie wurde gerettet. Ihr Zuhälter soll sie danach aber, außer sich vor Wut, abgeholt und verprügelt haben. Ein Jahr später knüpfte sich Zuhälter Gunther H. eine „seiner“ Frauen direkt vor dem Gebäude vor. Er würgte sie und zerrte an ihren Haaren. Fahnder, die auf der Lauer lagen, filmten die Szene.

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