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Augsburger Geschichte

18.01.2021

3D-Bilder faszinierten die Augsburger schon im 19. Jahrhundert

Kaiser-Panorama mit 25 Plätzen. Die Besucher sitzen vor Guckern, durch sie die im 20-Sekunden-Takt wechselnden Bilder plastisch wahrnehmen.
Foto: Stadtarchiv

Plus "Doppelfotos" lockten Tausende in "Salons du Stereoscopie" – auch wegen erotischer Aufnahmen. Heute hat die Virtual-Reality-Brille den Stereo-Betrachter abgelöst.

„VR-Brillen“ sind Verkaufsschlager. Der Umsatz im Jahr 2020 wird weltweit auf 3,2 Milliarden Dollar geschätzt. Die Wirkungsweise einer VR-Brille ist schwierig zu beschreiben – man muss sie erleben. Sie vermittelt eine vom Computer simulierte virtuelle Realität (Kürzel „VR“). Die elektronische Brille mit zwei hochauflösenden Minibildschirmen löst scheinbar die natürliche Wahrnehmung auf, indem sie eine künstliche realitätsgetreue Räumlichkeit vorgaukelt. Sie ermöglicht es, virtuell über die Erde zu fliegen, durch Wände zu gehen, sich in einem Rundum-Panorama zu bewegen.

Wenn zwei Fotos ineinander verschmelzen

Das ist weit mehr Illusion, als es 3-D-Filme zu vermitteln vermögen. Eine „VR-Brille“ hat allerdings mit der für Filme mit Stereoeffekt benötigten simplen Brille nichts zu tun. Das Hightech-Gerät erfordert immense Rechenleistungen für die spezielle Hard- und Software. Wie bei den meisten technischen Entwicklungen stand am Anfang eine Erfindung, deren Funktionsweise uns heute simpel erscheint: das „plastische Bild“, erzeugt durch zwei ineinander verschmelzende Fotos.

Stereofotos von der Jakoberstraße um 1860. Durch einen doppeläugigen Betrachter erscheint die Szenerie dreidimensional
Foto: Sammlung Häußler

1839 ist das Geburtsjahr der Fotografie, bereits 1844 war der Stereo-Effekt von zwei scheinbar gleichen Fotos bekannt. Nebeneinander durch einen doppeläugigen Betrachter mit speziellen Linsen gesehen, vereinigen sich die zwei Fotos zu einem Bild, das dreidimensional zu sein scheint. Diese neuartige Sehensweise faszinierte in einer Weise, wie heute der Blick durch eine VR-Brille.

In Augsburg fanden Stereoschauen häufig statt

Ab etwa 1850 nutzten Fotografen die Euphorie für „plastische“ Fotos. Sie reisten mit Stereobildern von Stadt zu Stadt und luden in Gasthöfen zu Stereoschauen ein. Auch Augsburg war ein lohnendes Ziel. In einer Zeitungsanzeige wurde am 18. November 1855 ein „Salon du Stereoscopie mit Ansichten transparent aus Glas“ im Gasthof zur Goldenen Traube angekündigt. Einige Wochen später zog der Augsburger Optiker Anton Schwaiger nach und zeigte in seinem Geschäft Stereobilder von italienischen Städten, vom Rhein und anderen attraktiven Landschaften.

Um 1865: Eisenbahnbrücke bei Hochzoll über den Lech. Eine Draisine und eine nahende Lokomotive beleben die Momentaufnahme mit einer Stereokamera.
Foto: Sammlung Häußler

1858 lud in Augsburg ein Frankfurter Fotograf zur Stereoschau „Die Wunder der Optik“ ein: „Merkwürdigkeiten von Paris sowie die reizendsten Ansichten der deutschen und der französischen Schweiz, Amerika und Russland“ seien zu sehen. Nur für Erwachsene war der Zyklus „Academien“ und „Nuditäten“ zugelassen. Es waren erotische Stereobilder.

Komfortable und dekorative Stereo-Betrachter für den Hausgebrauch ermöglichten das dreidimensionale Sehen der auf Karton geklebten Doppelbilder.
Foto: Rudolf Morbitzer

Ortsansässige Fotografen beteiligten sich ab Ende der 1850er Jahre mit eigenen Aufnahmen am lukrativen Geschäft mit Stereofotos für den privaten Hausgebrauch. Bei ihnen gab es nicht nur eingekaufte Bilderserien und die dazu nötigen Betrachtungsgeräte, sondern sie fertigten selbst „plastische“ Augsburg-Aufnahmen. Vor allem sehr frühe „doppelte“ Fotos sind von Sammlern weltweit gesucht

Das Stadttheater im Jahre 1904. Auch die Pferde im Vordergrund wirkten plastisch.
Foto: Sammlung Häußler

Ab 1894 gab es in Augsburg dauerhafte Stereo-Salons. Die Faszination von Stereo-Schauen konnte lange nicht von „lebenden Fotografien“ – so hießen Kinofilme anfangs – verdrängt werden. 1896 gastierte der erste „Kinematograph für bewegte Bilder“ in Augsburg, noch im November 1918 luden Anzeigen zur Stereoschau „Königsschloss Neuschwanstein“ im „Kaiser-Panorama“ ein. Mit „Cyclen künstlerischer Glasstereos“ werde „alles Edle, Interessante und Schöne der Erde naturwahr und in wunderbarer Plastik“ gezeigt. Ein von dem Berliner August Fuhrmann entwickeltes „Kaiser-Panorama“ gab es auch in Augsburg.

Im "Kaiser-Panorama" konnten bis zu 25 Menschen gleichzeitig schauen

Bis zu 25 Personen konnten in einem abgedunkelten Raum rund um das hölzerne „Kaiser-Panorama“ vor fernglasähnlichen Okularen Platz nehmen. In Serien von jeweils 50 Bildern waren die Bilder thematisch geordnet. In dem von innen beleuchteten Rundkabinett befand sich ein Mechanismus, der die kolorierten Stereobilder wechselte. Alle 20 Sekunden erschien das nächste Doppelfoto.

Werbung Anno 1918: Die billigsten und bequemsten Reisen bietet das Kaiser-Panorama!
Foto: Stadtarchiv

Um 1910 kursierten rund 650 Bilderzyklen zu je 50 handkolorierten Glasdias zwischen den rund 250 Standorten von „Kaiser-Panoramen“. Die Themen reichten von der „Interessanten Tour durch Bayern“ über „Amerika. Californien“ bis „Italien. Vesuvausbruch“. Man konnte Palästina, Russland, Norwegen und Südamerika bereisen, Städte wie Rom oder Kairo besichtigen. Als „Schaufenster zur Welt“ bezeichnen Historiker diese Einblicke in ferne Länder und Kulturen. Pädagogen nutzten den Bildungseffekt, den „Kaiser-Panoramen“ boten. Zur Förderung der Länder-, Völker- und Heimatkunde kamen sie klassenweise.

Augsburg-Serie mit ungewöhnlichen Motiven

Um 1920 verlieren sich die Spuren von Stereo-Salons in Augsburg. Wer Augsburg und die Welt auf Bildern zu Hause dreidimensional betrachten wollte, konnte bereits um 1900 aus einem riesigen Angebot an hervorragenden Stereo-Bildern auswählen. Zu dieser Zeit stellten Großverlage in Deutschland und in Frankreich Stereokarten mit tausenden Motiven her. Es war ein weltweites Geschäft: Sogar aus den USA kam 1903 eine Deutschland-Reise auf über 100 Stereokarten. Der Augsburger Fotograf Gustav Kühn brachte 1904 eine Augsburg-Serie mit teils ungewöhnlichen Motiven auf den Markt, ein Berliner Fotoverlag folgte 1906 mit den üblichen Stadtansichten. Auch Fotoamateure fertigten Stereobilder.

Frühe Stereoaufnahmen von Augsburg werden vom Stadtarchiv, den Kunstsammlungen sowie der Staats- und Stadtbibliothek verwahrt. Photographica-Sammler besitzen neben Stereo-Bilderserien historische Stereo-Betrachter unterschiedlichster Bauarten.

Weitere stadthistorische Exkursionen von Franz Häußler finden Sie hier.

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