Vor 40 Jahren explodierte 1500 Kilometer von Augsburg entfernt der Kernreaktor im Atomkraftwerk Tschernobyl. Vier Tage später, am 30. April 1986, fielen bei einem Frühjahrsgewitter kontaminierte Regentropfen auf die Fuggerstadt. Es herrschte Ausnahmezustand: frisches Gemüse wurde gemieden, Schulen täglich gereinigt, Spielplätze gesperrt. Prof. Dr. Constantin Lapa, Direktor der Klinik für Nuklearmedizin an der Uniklinik Augsburg, spricht über die Folgen der Nuklearkatastrophe.
Wo in den Tagen nach dem Vorfall Regen fiel, war die Kontamination höher
Regen sei in den Tagen nach der Katastrophe entscheidend gewesen. Denn dort, wo es regnete, lagerten sich radioaktive Partikel verstärkt im Boden ab, wie Lapa erklärt. In Bayern waren verschiedene Gebiete daher unterschiedlich stark belastet. „Besonders betroffen waren Gebiete südlich der Donau sowie Regionen im und um den Bayerischen Wald. Auch im Raum Augsburg wurden radioaktive Einträge gemessen“, sagt Lapa. Die Werte lagen im bayerischen Vergleich jedoch auf einem moderaten Niveau und variierten lokal.
Trotzdem schreckte der Vorfall, dessen Ausmaß zu Beginn noch nicht abgeschätzt werden konnte, die Bevölkerung Augsburgs auf. Die Stadt bildete einen Krisenstab und setzte Schutzmaßnahmen um. „Die Sache hat uns völlig kalt erwischt“, sagte damals Oberbürgermeister Hans Breuer. Hunderte besorgte Bürgerinnen und Bürger riefen beim Gesundheitsamt und bei der Feuerwehr an und baten um Rat. Auf dem Stadtmarkt wurde aus Angst vor Kontamination kaum noch frisches Obst und Gemüse gekauft. Stattdessen griffen die Menschen zu Tiefkühlkost. Wegen des Regens wurde zeitweise in Erwägung gezogen, den Sand auf Spielplätzen auszutauschen. Nach wenigen Tagen wurden die Vorsichtsmaßnahmen wieder gelockert.
Auch Constantin Lapa spricht von einer „erheblichen Verunsicherung in der Bevölkerung“. Die nachhaltigen Folgen der Katastrophe liegen laut ihm vor allem in strukturellen Entwicklungen. „Dem Ausbau von Mess- und Überwachungssystemen, der Weiterentwicklung gesetzlicher Grundlagen im Strahlenschutz sowie der Etablierung klarer Notfall- und Krisenmechanismen“, erklärt der Klinikdirektor. „Diese Strukturen sind bis heute Bestandteil des gesundheitlichen Bevölkerungsschutzes und werden auch in medizinischen Einrichtungen kontinuierlich angewendet und weiterentwickelt.“
Radioaktive Stoffe sind 40 Jahre nach der Katastrophe weiterhin nachweisbar
Das langlebige Radionuklid Caesium-137, welches bei der Reaktorexplosion in großen Mengen freigesetzt wurde, hat eine Halbwertzeit von etwa 30 Jahren und ist laut Lapa auch heute noch in der Umwelt nachweisbar. „In Deutschland betrifft das vor allem Waldböden“, so der Facharzt. Während landwirtschaftliche Erzeugnisse nur noch in sehr geringem Maße betroffen seien, könnten in bestimmten Bereichen weiterhin erhöhte Werte in Wildfleisch – insbesondere bei Wildschweinen – sowie in wild wachsenden Pilzen auftreten. „Dieses Phänomen ist auch in Teilen Bayerns, einschließlich Schwaben, bekannt“, sagt Lapa.
Die heutige Strahlenexposition infolge von Tschernobyl sei in Deutschland sehr gering. „Der zusätzliche Beitrag liegt aktuell bei etwa 0,015 Millisievert pro Jahr und damit unter einem Prozent der natürlichen jährlichen Strahlenbelastung von etwa zwei bis drei Millisievert“, erklärt der Facharzt. Die Zusatzdosis, die ein Mensch über die Lebenszeit aufnehme, bewege sich in der Größenordnung der jährlichen natürlichen Strahlenexposition durch etwa Radon oder kosmische Strahlung. „Nach derzeitigem wissenschaftlichem Kenntnisstand gibt es keine belastbaren Hinweise darauf, dass die Tschernobyl-Katastrophe in Deutschland zu nachweisbaren gesundheitlichen Schäden in der Bevölkerung geführt hat, insbesondere nicht zu einer erhöhten Krebsinzidenz“, erklärt Lapa.
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