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Augsburg

17.01.2021

400 Jahre Augsburger Rathaus: Das "vergessene" Jubiläum

Das Augsburger Rathaus steht seit 400 Jahren. Gefeiert wird das aber erst später.
Foto: Silvio Wyszengrad

Plus Augsburgs Rathaus steht seit 1620 - und damit seit 400 Jahren. Eigentlich wollte die Stadt das feiern. Von neuen Plänen, alten Ideen - und nackten Tatsachen.

Viele deutsche Städte haben ältere Rathäuser als Augsburg, nur wenige haben größere. Was Baumeister Elias Holl ins Augsburger Zentrum stellte, sucht in ganz Mitteleuropa seinesgleichen. Tatsächlich steht der Renaissancebau heute vor allem wegen eines Konkurrenzkampfs da: Die Handelsfamilie Fugger hatte im 16. Jahrhundert mit einigen Bauten im italienischen Stil von sich reden gemacht. Augsburgs Patrizier konnten und wollten sich das nicht bieten lassen. So setzten sie Fuggerhäusern und Fuggerkapelle kurzerhand ein neues Rathaus entgegen. Ein Gebäude, über das man viele Geschichten erzählen kann - auch skurrile.

Das Augsburger Rathaus wurde im Jahr 1620 fertiggestellt.
Foto: Felicitas Macketanz (Archivbild)

Im Jahr 1620 war der Bau fertig, ihn "hochzuziehen" hatte nur fünf Jahre gedauert, allerdings auch Opfer gefordert: Das vorherige, gotische Rathaus musste erst abgerissen werden. Nicht etwa, weil es baufällig gewesen wäre. "Es entsprach einfach nicht mehr dem Zeitgeist", sagt der Augsburger Autor Martin Kluger, der vor Kurzem ein Geschichtsbuch über das Augsburger Rathaus verfasst hat.

Vergangenes Jahr hätte der Holl-Bau, der in jedem Augsburg-Reiseführer zu finden ist, sein 400-Jähriges feiern können. Hätte, denn wie aus so vielen Veranstaltungen wurde auch aus dieser wegen der Corona-Pandemie nichts. Die Stadt hatte zwar einen Festakt samt Begleitausstellung geplant, als vergangenen März aber der erste Corona-Fall in Augsburg bekannt wurde, legte man die Pläne schnell auf Eis. Was blieb, waren eine Mini-Ausstellung im Unteren Fletz, bei der unter anderem das erste Sitzungsprotokoll aus dem Jahr 1620 zu sehen war, und eine Sonderbriefmarke der Logistic-Mail-Factory. Alles aber nicht so schlimm, heißt es aus der Verwaltung. 1620 habe ohnehin nur die "Hülle" des Rathauses gestanden. "Der Innenausbau war erst vier Jahre später abgeschlossen", sagt Hauptamtsleiter Bernhard Maurmeir.

Augsburger Rathaus und Elias Holl: Auch 2021 wäre ein Jubiläumsjahr

Nun könnte auch dieses Jahr 2021 ein Holl-Jubiläum gefeiert werden, immerhin jährte sich Anfang Januar der Todestag des Augsburger Baumeisters zum 375. Mal. Doch die Stadt hat auch dieses Ereignis hintangestellt. Wichtiger ist erst einmal der 500. Geburtstag der Fuggerei, der im August gefeiert wird - wahrscheinlich mit einem Festakt im Rathaus. Holl muss also weiter warten, genau gesagt noch zwei Jahre: 2023 steht sein 450. Geburtstag an. Dann werde es, sagt Maurmeir, "wohl einen Festakt, Vorträge und Ausstellungen geben". Genaueres steht noch nicht fest.

Tausende von Touristen kommen in normalen Jahren ins Augsburger Rathaus, was sie vor allem anzieht ist der Goldene Saal samt seiner Fürstenzimmer. Über 32 Meter ist er lang, über 17 Meter breit und gut 14 Meter hoch. "Adäquat genutzt wurde der Saal letztlich nie", sagt Autor Martin Kluger. Denn der eigentliche Plan der Augsburger Patrizier, sich mit dem Neubau auch wieder die Reichstage zu sichern, ging nicht auf. Nur noch einmal, 1713, rief der Kaiser zu dieser wichtigen Versammlung nach Augsburg, danach lief Regensburg der Fuggerstadt den Rang ab.

Die prunkvolle Decke des Goldenen Saals.
Foto: Alexander Kaya (Archivbild)

Wer heute aufmerksam durch den Goldenen Saal geht, kann dort viele Hinweise auf die Geschichte der Stadt entdecken. Gemälde zeigen die fünf Augsburger Hauptgewässer Lech, Wertach, Singold, Brunnen- und Senkelbach. Sie verherrlichen das Haus Habsburg und die römischen Kaiser. Besonders amüsiert ist Autor Kluger aber über eine Darstellung an einer der östlichen Fensterlaibungen. Ein strammer Putto streckt dort seinen nackten Po in Richtung des Lechviertels. Die Augsburger Stadtwache sprengte dort am Ostersonntag des Jahres 1528 eine geheime Versammlung der reformatorischen Täuferbewegung.

Ein Putto streckt dem Betrachter im Goldenen Saal den nackten Po entgegen.
Foto: Martin Kluger

Ob der nackte Po im Goldenen Saal tatsächlich ein Bild gewordener Beleg für damalige Auseinandersetzungen über den vermeintlich wahren Glauben sind, kann Martin Kluger nicht sagen. "Über Schriftquellen ist das kaum zu belegen." Aber vielleicht ist das eine Frage, die bis zum nächsten Jubiläumsjahr erforscht werden kann.

Info: Das Buch "Das Renaissancerathaus und der Goldene Saal in Augsburg" von Martin Kluger ist im Context-Verlag erschienen. Es kostet 6,90 Euro. 

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