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Augsburg

26.06.2017

99 Nachfahren verfolgter Juden in der Stadt

Die Familie Einstein (im Bild) ist mit vier Generationen aus aller Welt in Augsburg zusammengekommen. Zum 100-jährigen Bestehen der Augsburger Synagoge gab es am Montag auch einen Empfang im Rathaus mit Oberbürgermeister Kurt Gribl (rechts) und Nachfahren jüdischer Holocaust-Opfer.
Bild: Ruth Plössel

Familienangehörige von Holocaust-Opfern sind aus aller Welt zusammen gekommen, um nach Spuren ihrer Vorfahren zu suchen. Diese sind nicht nur in der Synagoge zu finden. 

Es sind Schicksale wie dieses: Das Ehepaar Paul und Hedwig Englaender bekam zwei Kinder und wohnte in der Augsburger Annastraße 6, wo Paul Englaender auch eine Zahnarztpraxis hatte. Unter den Nationalsozialisten nahm das bis dahin geordnete Leben der jüdischen Familie eine schlimme Wende. Zwar konnten die Englaenders ihre beiden Kinder noch in den USA vor Verfolgung in Sicherheit bringen. Die verzweifelten Eltern nahmen sich jedoch das Leben – einen Tag vor der von den Nazis angeordneten Deportation.

Synagoge besteht seit 100 Jahren

Das Schicksal der jüdischen Bevölkerung im Nationalsozialismus stand am Montag im Augsburger Rathaus im Mittelpunkt. Oberbürgermeister Kurt Gribl begrüßte 99 Nachfahren von jüdischen Holocaust-Opfern, die nun aus aller Welt nach Augsburg gekommen sind. Sie wurden vom Jüdischen Kulturmuseum eingeladen, um das 100-jährige Bestehen der Augsburger Synagoge mit zu feiern. Denn dieses Jubiläum ist etwas Besonderes.

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Die Augsburger Synagoge ist die einzige Großstadtsynagoge in Bayern und eine der wenigen in Deutschland, die bis heute erhalten geblieben ist. Fast alle dieser Gotteshäuser wurden unter Hitler geschändet und zerstört oder nach dem Krieg abgerissen. Auch in Augsburg wurde die Synagoge von den Nazis 1938 in Brand gesteckt. Nur weil auch Nachbarhäuser Feuer zu fangen drohten, ließ der damalige NS-Gauleiter das Feuer löschen.

Die Zahl ist ein Zufall

Von den über 1000 jüdischen Bürgern in Augsburg zu Beginn der 1930er Jahre haben nur etwa 600 den Holocaust überlebt. Daran erinnerte Gribl beim Empfang im Goldenen Saal des Rathauses. Zeitzeugen leben heute kaum noch. Deshalb wurden 99 Angehörige der nachfolgenden Generationen nach Augsburg eingeladen. Warum 99? Die Zahl sei ein Zufall, sagt Benigna Schönhagen, die Leiterin des Jüdischen Kulturmuseums. Eingeladen worden seien alle Nachfahren der Opfer, zu denen ein Kontakt hergestellt werden konnte. So gut wie alle hätten zugesagt und viele eine weite Reise auf sich genommen. „Das zeigt das große Interesse“, sagt Schönhagen.

Gribl hieß die Gäste jüdischen Glaubens mit allem Nachdruck willkommen. „Augsburg empfängt Sie mit offenen Armen“, sagte er. Ihre Vorfahren hätten Augsburg und Deutschland mit Kraft und Ideen mitgestaltet und mit aufgebaut. Durch die Nazis sei das damalige Miteinander der Glaubensgemeinschaften jedoch brutal und grausam zerschlagen worden. Juden wurden verfolgt, als Zwangsarbeiter ausgebeutet und in Vernichtungslager deportiert. „All das kann man nicht vergessen, all das darf man nicht vergessen. Sie nicht und wir nicht“, sagte Gribl. Der Oberbürgermeister blickt aber auch nach vorne. Obwohl die jüdische Gemeinde in Augsburg nach 1945 nicht mehr existierte, sei sie heute beinahe wie durch ein Wunder wieder aufgeblüht und abermals ein lebendiger Teil der Stadtgesellschaft. Die Synagoge wird nach wie vor genutzt. Sie sei eine der großen Sakralbauten in der Stadt, gleichwertig mit dem Dom, St. Anna oder St. Ulrich und Afra. Gribl zufolge sind Erinnerung, aber auch Aussöhnung und Annäherung von Juden und Nichtjuden in Augsburg ein fest verankerter Teil im Leben der Stadt.

Erinnerungsbänder werden angebracht

Nachkommen der Holocaust-Opfer sagten am Rande des Empfangs, sie seien sehr froh über diese Einladung nach Augsburg. Ein Beispiel: Chava Scheps, geborene Einstein, ist mit Verwandten aus vier Generationen da. Sie kommen aus aller Welt zusammen, um sich auf die Spuren ihrer Vorfahren in Augsburg zu begeben. Im Programm ist unter anderem vorgesehen, am Mittwoch und Donnerstag sogenannte Erinnerungsbänder für NS-Opfer der Familien Englaender, Steinfeld und Einstein in Kriegshaber anzubringen. Das Staatliche Textil- und Industriemuseum zeigt ab Dienstag eine Sonderschau über die jüdischen Unternehmerfamilien Kahn und Arnold. Der Festakt für die Synagoge findet am Mittwoch statt. Mit dabei ist Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier.

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