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Standortwechsel

22.06.2016

Allen Widerständen zum Trotz

Zeugnis seiner Zusammenarbeit mit Herbert Achternbusch ist das bei Oberländer gezeigte Ölbild „Herbert beim Schreiben“. Heinz Braun hat es 1978 gemalt.
Bild: hks

Galerie Oberländer ist von der Innenstadt an den Stadtrand gezogen. Neue Ausstellung

Das bedeutet eine Zäsur für die Augsburger Kunstszene: Die Atelier-Galerie Oberländer ist nicht mehr dort, wo sie seit 1970 (!) als unbeirrte Förderin unangepasster Bildkunst logierte. Sie ist nahe Königsplatz nicht mehr fast 50 Treppenstufen hoch im Färbergäßchen Nr. 5 – so steil kommt Galerist Konrad Oberländer nach Verlust eines Beines nicht mehr hinauf. Er hat deshalb sein Wohnhaus in der Schloßstraße Nr. 52 von Leitershofen zur neuen Galerie-Adresse gemacht. Zwei Räume bieten dort Platz für feine Kabinett-Ausstellungen. Den Beginn besorgt ein Künstler, der 1986 früh an Kehlkopfkrebs gestorben, aber für Viele noch immer ein Novum ist: Heinz Braun.

Dessen Sohn Alexander hatte schon vor einigen Jahren den Kontakt mit der Galerie aufgenommen. Doch nähere Pläne blieben aus. Oberländers schmerzvolle Erkrankung an Polyarthritis, deretwegen er 1996 sein eigenes malerisches Schaffen aufgeben musste, verschlimmerte sich so, dass eine Beinamputation notwendig wurde. Zwar konnte er noch im Mai 2015 eine Ausstellung des Künstlers Martin Paulus im Färbergäßchen einrichten, doch zur Eröffnung schaffte er es nicht mehr. Ein Jahr später ist er, allen Widrigkeiten zum Trotz, wieder präsent – nun also in der Leitershofer Schloßstraße. Das heißt, seine Galerie ist vom Zentrum an die Peripherie gerückt. Das heißt aber nicht, die gezeigte Kunst wäre peripher. Erster Beweis ist das Schloßstraßen-Debüt mit dem Oberländer-Debütanten Heinz Braun.

Diesen kennen die Cineasten, hat er doch zwischen 1974 und 1979 in sechs Filmen seines damaligen Freundes Herbert Achternbusch prägende Rollen verkörpert (darunter „Andechser Gefühl“, „Der Atlantikschwimmer“, „Servus Bayern“, „Komantsche“) und lange gebraucht, sich von diesem Subversivkünstler (auch malerisch) zu befreien: „Ich will nicht immer der von Herbert sein. Ich bin Heinz.“

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Ein anderer Filmemacher und Maler, Vlado Kristl, hat den Autodidakten Braun gefördert, der vor allem Lovis Corinth und Jean Dubuffet für sich entdeckte. In der Pose des Corinth-Porträts vom Walchensee 1924 hat Braun sich 1978 selbst dargestellt. Das Motiv ist Titelbild des Katalogs, der 1988 die große Braun-Ausstellung im Stadtmuseum München und in der Kunsthalle Emden begleitete. Einen gewissen Ruhm als Maler errang Braun 1982 (Jahr seiner ersten Krebsoperation) durch eine Reportage im „Stern“-Magazin. Ihr Titel „Lieber Idiot als Beamter“ zitiert die Devise, mit der Braun 1979 seinen 28-jährigen Dienst bei der Deutschen Bundespost quittierte – mit einem pensionsberechtigten Fußleiden. Er hatte sich als Postbote gewissermaßen wund gelaufen, zuletzt für das Postamt 1 in Germering. Die an Land und Leuten gemachten Wahrnehmungen dieses hünenhaften Mannes, der auch bei den Neuaubinger Ringern aktiv war, müssen geradezu einen Überdruck, einen zum Bild drängenden Kraftstrom ausgelöst haben. Acryl, Erde, Sand, sogar Kuhmist werden auf die Malfläche geschichtet, überkrusten die Szenerie wie bei etlichen der 25 von Oberländer ausgewählten Bilder.

Eines, ein Stillleben, heißt nach seinem Entstehungsort „Schusterhäusl“. Es ist der Name einer Waldgaststätte zwischen Germering und Alling. Dort hatte Heinz Braun 1980 auf dem Dachboden einer Scheune sein Atelier eingerichtet – ein Eigenbrötler, ein Faun, ein Zweifler, ein Rebellierender (auch gegen seine Krankheit), ein an der Welt und an der Heimat Leidender („Heimatschluchzen“ hieß 1985 die Braun-Ausstellung in der Münchner Galerie Thomas). Sein Antrieb wurde auch als „Malerei der gelebten Ohnmacht“ bezeichnet. Tatsächlich hat Braun, 1938 in ärmlichen Münchner Verhältnissen geboren, wohl durchs Malen mit 20 Jahren sein Stottern überwunden und seine künstlerische Stärke in einer stark am bayerischen Idiom haftenden Ursprünglichkeit entwickelt. Beim „neuen“ Oberländer ist das zu entdecken.

mit der neuen Adresse Schloßstraße 52 in Leitershofen: Bilder von Heinz Braun, bis 1. Juli, Freitag und Samstag 15-18 Uhr und nach Vereinbarung (Tel. 0821/431859).

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