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Flughafen Memmingen

24.06.2017

Allgäu-Airport kämpft auch nach zehn Jahren noch mit Problemen

Im Juni 2007 startete der erste Linienflug ab Memmingerberg. Verbindungen in die Hauptstadt sucht man heute am Allgäu-Airport vergeblich.
Bild: Ralf Lienert (Archiv)

Im Juni 2007 startete der erste Linienflug von Memmingerberg nach Berlin. Verbindungen in die Hauptstadt sucht man heute am Allgäu-Airport vergeblich - und es gibt mehr Probleme.

Heinrich Schneider sitzt im Biergarten des Allgäu-Airports. Der 68-Jährige trägt ein schwarzes Shirt und beiges Sakko, er hat eine Cola bestellt. Ein ganz normaler Gast. Früher war er hier in Bundeswehr-Uniform unterwegs und alles hörte auf sein Kommando. Früher gab es hier auch noch keinen Zivilflughafen, die Gemeinde Memmingerberg war die Heimat des "Jagdbombergeschwaders 34 Allgäu". Der einstige Kommodore Schneider deutet auf das Gebäude vor sich: "Hier wurden Flugzeuge repariert." Heute checken dort die Passagiere ein, die sich etwa auf den Weg in den Urlaub machen. Es gibt eine Cafeteria, Reisebüros, Mietwagen-Firmen. Jetzt feiert der Allgäu-Airport seinen ersten runden Geburtstag: Vor zehn Jahren hat hier der erste Linienflug stattgefunden. Seither wurden acht Millionen Passagiere gezählt.

Als Schneider im Jahr 1973 zum ersten Mal nach Memmingerberg versetzt wird, hätte sich keiner eine solche Entwicklung vorstellen können. Das 250 Hektar große Gelände vor den Toren der Stadt Memmingen ist fest in der Hand der Militärs. Es ist die Zeit des Kalten Kriegs. Um im Ernstfall sofort reagieren zu können, "waren ständig vier Maschinen mit Waffen beladen", erinnert sich Schneider. In Memmingerberg lagern zu dieser Zeit auch US-amerikanische Atombomben.

Der Pilot verlässt die Unterallgäuer Gemeinde 1980 wieder, 1996 kehrt er als Chef des Jagdbombergeschwaders zurück. 2500 Menschen sind dort beschäftigt. Diesmal bleibt der Oberst für drei Jahre. In dieser Zeit kommen Gerüchte auf, der Bundeswehr-Standort könnte geschlossen werden. Und tatsächlich: Memmingerberg ist von der Reform des Verteidigungsministers Rudolf Scharping betroffen. 2001 verkündet der SPD-Politiker das Aus für den Standort, 2003 ist Schluss.

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Marcel Schütz verfolgt all das aus der Ferne. Der Ulmer wusste von der Bundeswehr in Memmingerberg nur deshalb, "weil ich das auf Hinweisschildern gelesen hatte". Doch dann führt ihn ein Zeitungsbericht nach Memmingerberg. Darin steht, dass der frühere Militär-Standort anderweitig genutzt werden soll. Im Mai 2002 gründen heimische Unternehmer eine Gesellschaft und bekommen zwei Jahre später die Genehmigung für den zivilen Flugbetrieb. Allerdings sind sie nicht die einzigen, die einen schwäbischen Airport planen: Eine zivile Mitnutzung des Militärflugplatzes Lagerlechfeld südlich von Augsburg wird diskutiert. Doch das Projekt scheitert letztlich an der Finanzierung.

Allgäu-Airport: Im Juni 2007 begann neues Kapitel in der schwäbischen Luftfahrt

Schütz studiert zu dieser Zeit Betriebswirtschaftslehre und sucht ein Unternehmen, bei dem er den praktischen Teil seines dualen Studiums absolvieren kann. Er stellt sich bei Ralf Schmid, dem Geschäftsführer des Allgäu-Airports, vor. "Sie können gerne mitmachen", erinnert sich Schütz an dessen Antwort. Doch Schmid habe ihn auch darauf hingewiesen, "dass das Projekt auf unsicheren Füßen steht".

Der juristische Streit um den Airport ist da noch in vollem Gange. Flughafen-Gegner klagen gegen die behördliche Genehmigung. Vor dem Bayerischen Verwaltungsgerichtshof haben sie keinen Erfolg, doch das Bundesverwaltungsgericht in Leipzig lässt eine Revision gegen dieses Urteil zu. Schütz fängt trotzdem beim Airport an: "Ich wollte einfach in diese Branche." Ursprünglich träumte der Ulmer davon, Pilot zu werden. Schon, weil er als Kind mehrmals zu den Großeltern ins kanadische Ottawa geflogen war. Nach einem Praktikum bei der Schweizer Fluggesellschaft Edelweiß Air sah er das anders: "Ich durfte im Cockpit mitfliegen und sah, wie langweilig der Alltag eines Berufspiloten sein kann."

Schütz hat es beim Allgäu-Airport bis zum Prokuristen gebracht. Der 32-Jährige sitzt neben Schneider im Flughafen-Biergarten, beide blicken in Richtung Rollfeld. Dort beginnt am 28. Juni 2007 ein neues Kapitel in der schwäbischen Luftfahrt. Eine Boeing 737 der Gesellschaft Tuifly hebt ab in Richtung Berlin – der erste Linienflug ab Memmingerberg. "Als ich zum Terminal gefahren bin, ist mir ein kleiner Schauer über den Rücken gelaufen", erzählt Gerhard Pfeifer, Gründungsgesellschafter der Flughafen-Betreiberfirma, an diesem Morgen. "Ich empfinde große Freude und ein bisschen Stolz." Auf dem Rückweg bringt die Tuifly-Maschine die ersten Passagiere aus Berlin ins Allgäu. Die Gäste werden mit Blasmusik, Brezen und Weißwürsten empfangen. "Haben die noch nie ein Flugzeug gehen?", fragt eine Berlinerin und lacht.

Der pensionierte Oberst Schneider kann sich damit anfreunden, was aus dem früheren Bundeswehr-Standort geworden ist: "Ich war froh, dass es endlich weitergeht und etwas Sinnvolles passiert." Auch, wenn damals in Memmingerberg eine lange Bundeswehr-Tradition zu Ende gegangen ist: Die Nationalsozialisten hatten 1935 mit dem Bau eines Militärflughafens begonnen, zwei Jahre später landeten dort die ersten Flugzeuge. Damals und Heute kommen sich an diesem 28.Juni 2007 ganz nah. Nur einen Steinwurf von der Boeing 737 entfernt steht ein Relikt aus Militärzeiten: Eine Me 109, die im Zweiten Weltkrieg eingesetzt wurde. Ein Verein hatte sie für ein Fest organisiert.

2014 geriet der Flughafen in eine schwierige Lage

Bei aller Freude über den ersten Linienflug – der Rechtsstreit um den Airport ist da immer noch nicht beendet. Den Schlussstrich zieht das Bundesverwaltungsgericht erst im Dezember 2007: Es weist die Revision der Kläger zurück. Das habe für gute Stimmung bei der Weihnachtsfeier gesorgt, erzählt Schütz. Manche Airport-Gegner würden einem das Gefühl vermitteln, "dass sie schadenfroh wären, wenn man den Arbeitsplatz verlieren würde. Das sorgt für eine persönliche Betroffenheit. So fühlen viele Kollegen."

Proteste gegen die Flughafen-Pläne gibt es von Anfang an. 2004 demonstrieren 3500 Menschen in der Memminger Innenstadt. Ein Städteplaner moniert, dass alle Regionalflughäfen "streng defizitär" seien. Er hält es für ein "Unfugsprojekt", auf dem früheren Militärgelände einen Zivilflughafen eröffnen zu wollen.

Beim Allgäu-Airport summieren sich die Schulden bis zum Jahr 2014 auf 17 Millionen Euro. Der Flughafen gerät in eine schwierige finanzielle Lage. Unter anderem wird die Ukraine-Krise zum Problem: Die Zahl der Flüge dorthin sinkt um 70 Prozent, gleichzeitig müssen Kredite bedient werden. Und der Airport braucht Geld, um Ausbau-Pläne zu realisieren. So soll die Start- und Landebahn verbreitert werden.

Um den Allgäu-Airport am Leben zu erhalten, wird die Struktur des Unternehmens verändert: So soll es künftig eine Gesellschaft geben, die Gewerbeflächen beim Flughafen kauft und sich um deren Vermarktung kümmert. Bei Bürgerentscheiden stimmen Memminger und Unterallgäuer dafür, dass sich Stadt und Landkreis an diesen Grundstücksgeschäften beteiligen. Daraus entwickelt sich ein Projekt der gesamten Region, als Koordinator tritt der frühere Landrat Gebhard Kaiser (Oberallgäu) auf. Alle kreisfreien Städte und Landkreise im Allgäu sowie der Kreis Neu-Ulm machen mit – das wird über sechs Millionen Euro in die Kasse des Airports spülen. Zudem beteiligen sich Banken mit zwei Millionen Euro an den Gewerbeflächen. Demnächst will der Flughafen keine Schulden bei Kreditinstituten mehr haben und nur noch bei Gesellschaftern in der Kreide stehen. "Das erspart uns eine Zinslast von 25.000 Euro pro Monat", sagt Kaiser.

Flughafen-Gegner sehen Ziel des Allgäu-Airports verfehlt

Für Dieter Buchberger hat der Flughafen trotzdem "sein Klassenziel komplett verfehlt. Das ist eine glatte Sechs." Der Vorsitzende des Vereins "Bürger gegen Fluglärm" sagt, die Begründung für den Allgäu-Airport sei einst gewesen, dass die Wirtschaft innerdeutsche Verbindungen brauche. Solche Flüge habe er nicht zu bieten: "Er ist jetzt halt einer von 15 deutschen Billigflughäfen." Zudem kritisiert er die "ungeheure Umweltverschmutzung" durch den Flugbetrieb.

In der Öffentlichkeit würden innerdeutsche Verbindungen als "Schicksalsfrage für den Flughafen" betrachtet, sagt Schütz. "Und damit werden sie überbewertet", meint Schneider. "Für den Flughafen ist es viel entscheidender, wie viele Euro er pro Passagier verdient", betont Schütz. Zudem gebe es Allgäuer Firmen, die in Bulgarien produzieren oder in Rumänien eine Niederlassung betreiben. Für sie seien eben Verbindungen dorthin interessant. Innerdeutsche Flüge hatten mehrere Airlines angeboten, aber bald wieder eingestellt. Als Begründungen wurden beispielsweise eine mangelnde Auslastung und die Einführung der deutschen Luftverkehrssteuer genannt.

GRAFIK: Fluggastzahlen Allgäu Airport

Für Schütz ist der zehnte Geburtstag des Flughafens Anlass, in die Zukunft zu blicken. "Ich wünsche mir, dass sich die weltpolitische Lage wieder entspannt. Auch das hat einen Einfluss auf die Fliegerei." Derzeit wolle etwa kaum jemand in der Türkei Urlaub machen. Für den Airport, der Flüge nach Antalya anbietet, ein Problem. Zudem hofft Schütz, dass sich der Flughafen mit Unterstützung "aller Interessensgruppen" weiterentwickeln kann. "Wir sind auch auf Dritte angewiesen. Auf die Öffentlichkeit, die Kommunen, den Tourismus." Und vor allem auf die EU: Am Airport wartet man sehnsüchtig auf eine Nachricht aus Brüssel, ob der Freistaat den Flughafen-Ausbau mit 12,2 Millionen Euro fördern darf. Erst dann kann das Projekt starten, das 17,7 Millionen Euro kostet.

Heinrich Schneider wird aus nächster Nähe verfolgen, wie es mit dem Flughafen weitergeht. Er ist heute Vorsitzender der "Traditionsgemeinschaft Jagdbombergeschwader 34", die im Süden des Allgäu-Airports ihre Räume bezogen hat. Dort stehen auch Flugzeuge aus der Militärzeit wie ein Starfighter und ein Tornado. Für den früheren Bundeswehr-Piloten ist das wie eine Reise in die eigene Vergangenheit.

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