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Augsburger Geschichte

22.11.2018

Als noch jeder Wirt sein Bier selbst braute

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Eine Werbetafel der 1973 stillgelegten „Prügelbrauerei“ ist heute eine Rarität.
Bild: Sammlung Häußler

Vor 200 Jahren gab es noch 98 Brauereien in Augsburg. Dann schluckten „Bierfabriken“ die großen und kleinen Brauereien. Heute gibt es nur noch wenige Standorte in der Stadt.

98 Brauereien in Augsburg listet ein Verzeichnis von 1818 mit Namen und Besitzer auf. Auch die jährliche Sudmenge ist zu erfahren und ob zur Brauerei ein Gasthof mit Fremdenzimmern und Stallungen gehörte. Eine Gaststätte oder zumindest ein Bräustüble mit Speis und Trank war selbstverständlich. Viele Wirte brauten lediglich für den Eigenbedarf. 53 der 98 im Jahr 1818 aufgeführten Brauereien betrieben einen Gasthof. „Gasthof“ war einst die Bezeichnung für „Hotel“.

Vor 200 Jahren gab es in der Gastronomie noch weitere Klassifizierungen: „Platzwirte“, „Schankwirte“ oder „Zapfenwirte“. Das hieß: Diese Gastronomen brauten nicht selbst, sondern ließen sich von einer Brauerei mit Bier beliefern. Sie „zapften“ es nur und schenkten es aus! Anno 1818 waren es innerhalb der Stadtmauern lediglich neun, außerhalb der Befestigung dagegen 19 „Platzwirtschaften“. Dazu zählten die Ausflugslokale auf dem Spickel, am Hochablass, die Siebentischwirtschaft sowie Vereinslokale im heutigen Beethovenviertel. Dieser Bereich lag anno 1818 außerhalb des Mauerrings.

Es gab 98 Brauereien in Augsburg

Augsburg war nicht nur eine Bierstadt, hier wurde stets auch Wein getrunken. Das verdeutlicht der Blick in den Adresskalender für 1824. Damals zählte Augsburg rund 30000 Einwohner. Unter ihnen waren 98 Bierbrauer und 27 Platzwirte, 24 Branntweinbrenner, zwei Branntwein- und acht Kaffeeschenken sowie 28 Weinwirte.

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Im Jahr 1866 war die Einwohnerzahl auf 44000 gestiegen, die Anzahl der Brauereien aber auf 82 gesunken. Der Grund: Im Brauwesen hatte eine Konzentration eingesetzt. Kleine Brauereien wurden von größeren „geschluckt“. Gleichzeitig stieg der Bierumsatz gewaltig. Die Industriestadt Augsburg boomte und hatte einen enormen Zuzug zu verzeichnen. Von 1865 bis 1900 verdoppelte sich die Einwohnerzahl auf fast 90000. Die Zahl der Brauereien hatte sich bis 1900 auf 66 reduziert. Die Wirtschaften hielten mit dem Bevölkerungswachstum Schritt: Ihre Zahl war auf 305 gestiegen. Dazu kamen 77 Weinhändler und Weinrestaurants. Das deutet auf einen gestiegenen Wohlstand hin.

1910 begann die Eingemeindungswelle. Meringerau bildete den Anfang. Daraus wurde der Stadtteil Siebenbrunn. Pfersee und Oberhausen folgten am 1. Januar 1911, Lechhausen und Hochzoll kamen 1913 zu Augsburg. Dadurch wuchs die Stadt auf 145000 Einwohner. Im Adressbuch für 1914 ist der „eingemeindete“ Zuwachs im Bereich der Gastronomie dokumentiert. In „Groß-Augsburg“ gibt es nun trotz der vorausgegangenen Konzentration im Brauwesen 40 Brauereien, 433 Bier-, Gast- und Platzwirte, 17 Weizenbierschenken, 14 Branntwein-Schenken, 5 Gasthöfe, 7 Hotels, 50 Weinstuben sowie 27 Café-Restaurants. Die Wirtschaftskrise und die Inflation nach dem Ersten Weltkrieg überstanden zahlreiche Brauereien nicht. 1932 gab es nur mehr 15 Brauereien in Augsburg. Konkurrenz für Augsburger Bier hatte sich breitgemacht: 39 Flaschenbierhandlungen verkauften 1932 „Importbier“ von auswärtigen Brauereien. Gleichzeitig wurde Augsburger Bier exportiert. „Hasenbräu“ besaß neben 24 Lastkraftwagen und einem Pferdefuhrpark sogar Eisenbahn-Kühlwaggons.

Hasenbräu "schluckte" zahlreiche Brauereien

Im Jahr 1890 war die Aktiengesellschaft „Hasenbräu“ gegründet worden. Dieses kapitalkräftige Unternehmen „schluckte“ im Laufe von 100 Jahren reihenweise Augsburger Brauereien. 1899 musste eine Kapitalerhöhung durchgeführt werden, um die über eine Million Goldmark zum Kauf von „Schnapperbräu“ stemmen zu können. Als 1920 „Hasenbräu“ mit „Kronenbräu“ fusionierte, hatte „Kronenbräu“ zuvor zehn Brauereien erworben. In der Wirtschaftskrise 1920 ging auch die große „Exportbrauerei Lorenz Stötter“ in der Jakobervorstadt in „Hasenbräu“ auf. „Stötter“ hatte zuvor bereits fünf Konkurrenten aufgekauft.

Die Abläufe bei solchen Übernahmen waren stets die gleichen: Die Sudhäuser aufgekaufter Brauereien wurden stillgelegt, das Bier für die übernommenen Gaststätten braute künftig die Großbrauerei. Auf diese Weise verschwanden Brauereien mit jahrhundertelanger Tradition. Von „Schnapperbräu“, „Stötter“, „Schuler“, „Vogtherr“ zeugen nur mehr Postkarten, Bilder, Flaschen-etiketten, Bierkrüge und Biermarken in Sammlerbesitz.

Nach dem Zweiten Weltkrieg setzte sich die Konzentration im Brauwesen fort. Die „Prügelbrauerei“ an der Alten Gasse ging 1973 an „Hasenbräu“, 1975 folgte die „Fortuna-Brauerei“. „Bürgerbräu“ ist noch am ehesten geläufig: 1992 übernahm Hasenbräu das Familienunternehmen, 1997 wurde bei Bürgerbräu die Bierproduktion stillgelegt. 2011 wurde das Sudhaus der 1346 gegründeten Brauerei „Zur goldenen Gans“ abgebrochen. Das Areal am Kitzenmarkt ist inzwischen mit einem Wohnkomplex überbaut. Dasselbe soll mit der Augusta-Brauerei (Gründungsjahr: 1488) am Lauterlech geschehen. Dort wird seit 2011 kein Bier mehr gebraut.

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