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Buch

03.01.2017

Als sich die Konfessionen abstießen

Ein Fresko im Goldenen Saal der einstigen Universität Dillingen verunglimpft Martin Luther als „Sau aus Eisleben“, die das Kirchenrecht zerfleddert.
Bild: Martin Kluger

Die Kirchen gingen nicht immer fein miteinander um. Martin Kluger beschreibt die Konflikte seit der Reformation

Man ist nicht immer fein miteinander umgegangen, seit sich in der Reformation der christliche Glaube in verschiedene Konfessionen aufgespalten hat. Gerade in Augsburg und Schwaben begann ab 1517/1518 eine an Spannungen reiche Zeit. Mal nicht nur von der Zuckerseite zeigt Martin Kluger, der Hausautor der Regio Tourismus, in seinem neuen Buch „Glaube. Hoffnung. Hass“ die Region in kontrovers-religiöser Hinsicht von Luthers Thesenanschlag 1517 über den Dreißigjährigen Krieg hinaus bis zur „Sau aus Eisleben“, die 1762 ins Deckenfresko des Dillinger Goldenen Saales als Konfessionspolemik gemalt wurde.

„Dieses Buch ist kein Angriff auf Luther oder die Reformation“, unterstrich Kluger bei der Präsentation seines 330 Seiten starken Werks im Fugger- und Welser-Erlebnismuseum. Ihm sei jedoch bei seinen Recherchen aufgefallen, dass es eine katholische und eine evangelische Geschichtsschreibung gibt – „und jede Seite versuchte, die Vorgänge schöner darzustellen, als sie wirklich waren“. Das gilt ganz besonders für die Gräuel des langen Kriegs, der im Streit um die bessere Religion 1618 angefangen hatte. Übrigens unter tatkräftiger Mitwirkung des Augsburger Bischofs Heinrich von Knöringen, der eifrig die Katholische Liga unterstützte. Diese wurde 1609 in München gegründet, nachdem im Jahr zuvor in Auhausen am äußersten Rand des Rieses sich die Protestantische Union gebildet hatte.

Kluger erzählt davon in chronologischer Abfolge und verweilt, unverkennbar mit touristischer Zielsetzung, immer wieder an einzelnen Orten in Schwaben, die zu historischen Brennpunkten wurden. Donauwörth spielt hier eine besondere Rolle, auch Kempten, Dillingen und vor allem Augsburg, wo 1518 Luther von Kardinal Cajetan als Ketzer verhört wurde. Auf seinen Reichstagen wurde sodann Reformationsgeschichte geschrieben, während sich in der Stadt selbst sechs „Sekten“ die Seelen abspenstig machten.

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Das Buch geht breit auf die neuen Sakralbauten ein, die künstlerisch in konfessioneller Abgrenzung – und den jeweiligen Bräuchen und Bedürfnissen folgend – gestaltet wurden. Denn alsbald wogte ein Ringen um die rechte Religion, die katholischerseits mit den reformeifrigen Jesuiten neuen Aufschwung erfuhr.

Der zeitliche Rahmen des Buches folgt ebenfalls touristischen Anlässen, nämlich den Jubiläen 500 Jahre Luthers Thesenanschlag (1517), 400 Jahre Dreißigjähriger Krieg (1618) und nicht zuletzt Luthers Verhör in Augsburg (1518). Nach oben ließ Kluger die Grenzen offen: von der Erneuerung der Orte und ihrer Kirchen nach dem großen Krieg bis zur konfessionellen Polemik in Bildprogrammen und Brauchtum. Mehrmals stürzen in Fresken neugläubige Prediger in den Abgrund (Fischach, Dillingen; fündig wird man auch in Mering) und das Turamichele sticht auf den wüsten Satan ein. Etwas Grusel darf auch sein; so erinnert in Wemding der Folterturm an den Hexenwahn und der Stoinerne Ma an Hunger bis zum Kannibalismus im belagerten Augsburg. Wie immer ist Klugers Buch reichlich illustriert und übersichtlich gegliedert.

Zum womöglich anstößigen Titel fiel Candida Sisto, Klugers Mitarbeiterin, Versöhnliches ein: Vom ersten Brief des Apostels Paulus an die heillos zerstrittenen Korinther („Für jetzt bleiben Glaube, Hoffnung, Liebe; diese drei. Doch am größten unter ihnen ist die Liebe“) schlug sie den Bogen bis zum Streben nach Einheit der Kirchen.

Martin Kluger: Glaube. Hoffnung. Hass. Von Martin Luther in Augsburg (1518) über den Dreißigjährigen Krieg (1618–1648) bis zur „Sau aus Eisleben“ (1762), Context Verlag, 336 Seiten, 18,90 Euro.

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