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Die Schöpfung

25.03.2015

Alte Geschichte, fesselnd erzählt

Joseph Haydns Musik über den Ursprung der Welt hat nichts von ihrem Zauber eingebüßt – wenn sie so kundig und engagiert aufgeführt wird wie im jüngsten Sinfoniekonzert

Mehr als drei Jahrzehnte ist es her, dass Bruno Weil, damals Generalmusikdirektor in Augsburg, seine erste „Schöpfung“ überhaupt dirigierte. Seither hat ihn Haydns kapitales Oratorium über die Entstehung der Welt nicht mehr losgelassen. Als Weil zu Beginn der 90er Jahre das Originalklang-Festival Klang & Raum ins Leben rief, setzte er dort nicht nur viel Haydn, sondern jahrelang immer wieder die „Schöpfung“ aufs Programm. Der in Augsburg lebende Dirigent und Haydn wurden regelrecht zum Synonym: Musik, der der Zopf vom „Papa Haydn“ abgeschnitten worden war, die alles Altväterliche abgelegt hatte und statt dessen nun frisch und voller Pep erklang.

Bruno Weil hat immer wieder bekannt, dass ihm (neben Mozart) vor allem Haydn am Herz liege, und so ist er am Pult inzwischen unbestreitbar eine Koryphäe, wenn es ums Anliegen des Ahnvaters der Wiener Klassik geht. Insofern war man gespannt darauf, wie der Dirigent an alter Wirkungsstätte, in der Kongresshalle mit den Philharmonikern und großem Chor, angehen würde.

Gespannt vor allem auch deswegen, weil dem erklärten Bekenner historisch informierten Musizierens – der freilich nie einen Bogen um modernes Instrumentarium gemacht hat –, jetzt in Augsburg ein traditionelles Sinfonieorchester und kein Originalinstrumenten-Ensemble gegenüberstand. Wobei die Philharmoniker, höchst ungewöhnlich für ihresgleichen, in dieser Frage einen Zwischenweg beschreiten, indem sie für Werke wie die „Schöpfung“ einen kompletten „historischen“ Blechbläsersatz aufbieten.

Man merkte es gleich bei der orchestralen Einleitung zur „Schöpfung“, dass es da anders klang als mit herkömmlicher Besetzung. Das „Chaos“ des noch ungeordneten Weltzustandes war nicht mit Hochglanz-, sondern mit kontrastreichen Fresko-Farben gemalt, zumal auch die Streicher ohne Vibrato spielten und somit das gesamte Klangbild nicht herbe Prägnanz aufwies. Schon in diesen ersten „Schöpfungs“-Minuten stellte sich aber auch ein, was sich im Folgenden noch an manch weiterer Stelle bemerkbar machen würde: Hie und da ist Weil überlegter geworden, formuliert er nun breiter aus, was er in früheren Interpretationen eher stürmisch an sich gerissen hatte.

All die Tongemälde, die sich durch Haydns Partitur ziehen, die Naturschilderungen von brüllenden Löwen und listig schleichenden Tigern, ließ sich Weil natürlich nicht entgehen, präsentiert sie vielmehr mit angemessener Drastik und einem Hauch Ironie. Die Szenen pastoraler Unbeschwertheit bildeten das Gegengewicht, waren anrührend gestaltet in ihrer schlichten Ursprünglichkeit. Und immer wieder gelangen herausragende instrumentale Abschnitte, etwa die harmonisch wie klanglich auf einen weiten Bogen gespannte, von strahlendem Blech gekrönte Schilderung des Sonnenaufgangs gegen Ende des ersten „Schöpfungs“-Teils. Je weiter die Aufführung voranschritt, desto mehr wurde spürbar, wie überlegt Weil das Riesenwerk zu disponieren vermochte: wo die Akzente zu setzen sind, an welchen Stellen sich Gelegenheit für den breiteren Malstrich bietet, wann um der musikantischen Dramatik willen der Knoten zu schürzen ist.

Die solistischen Partien der drei Erzengel waren Gastsängern anvertraut. Alexandra von der Weth, Corby Welch und Simon Tischler besaßen alle drei die gebotene Beweglichkeit für die anspruchsvollen Partien – der Sopranistin etwa gelang feinfühlig das turtelnde und flügelschlagende „zarte Taubenpaar“ der Arie Nr. 15. Das latente Augenzwinkern, das beim Vortrag so mancher Passage des Gottfried-van-Swieten-Textes aus heutiger Sicht zwingend notwendig scheint, hatte jedoch nur Bassist Tischler im Ausdrucksrepertoire. Die erstaunlichste Leistung hinsichtlich des Gesangs kam jedoch vonseiten des Chors. Der, eine Kombination aus Philharmonischem und Opern-Chor (Einstudierung Wolfgang Reß/Katsiaryna Ihnatsyeva-Cadek), erwies sich nicht nur als dynamisch flexibel, vom Quasi-Geflüster des „Chaos“ bis zum „Und es ward LICHT“-Fortissimo, sondern überzeugte vor allem durch Agilität und Standfestigkeit in den zahlreichen Fugen.

„Schöpfungs“-Tage sind besondere Tage, auch im Konzertkalender. Ein Glücksfall – dispositorisch klug herbeigeführt –, wenn eine „Schöpfungs“-Aufführung dann auch noch in die Hände eines Kenners und Könners wie Bruno Weil gerät. Augsburgs Musikfreunde scheinen darum gewusst zu haben, beide Aufführungen am Montag und Dienstag waren lange vorher ausverkauft. Gereut dürfte es keinen haben. Begeisterter, ungewöhnlich langer Applaus am Ende.

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