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Augsburgs Fotografen

10.04.2015

Altes Atelier macht Wohnheim Platz

Auf einem Fotokärtchen ließ um 1880 Xaver Haas sein Haus mit dem angebauten Atelier abbilden.
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Auf einem Fotokärtchen ließ um 1880 Xaver Haas sein Haus mit dem angebauten Atelier abbilden.

Von 1862 bis 1969 entstanden im Haus Jesuitengasse 8 Hundertausende Fotos

Das ehemalige Fotografenhaus Jesuitengasse 8 ist abgebrochen. Das Gebäude mit Einfamilienhausgröße gehörte seit 1996 der Kolping-Stiftung. Sie hatte es gekauft, um ihr Areal zu arrondieren. Das kleine Grundstück mit dem unbewohnten Haus neben der Einfahrt zur Tiefgarage ragte wie eine „Insel“ ins Gelände der Stiftung an der Frauentorstraße. Das Wohnheim Jesuitengasse 6 war 1957 bereits an das Fotografenhaus angebaut worden. Die langfristigen Planungen des Kolpingwerks sahen die Schließung der Baulücke an der Jesuitengasse bis zum Gebäude mit dem Kleinen Goldenen Saal vor. Dies soll jetzt mit der Errichtung eines Wohnheims für Jugendliche in Ausbildung geschehen.

Im November 2014 waren die Bagger angerollt, um das Baugrundstück frei zu räumen. Das ehemalige Fotografenhaus verschwand. Eine Aufnahme von 2003 dokumentiert aus besonderem Grund die Hausrückseite. An der Nordseite war für Insider noch ein ursprünglich verglastes Tageslichtatelier erkennbar, wie es vor 100 Jahren Fotografen benötigten. Wie das Atelier um 1880 aussah, ist auf einem Fotokärtchen festgehalten. In diesem typischen Tageslichtatelier des 19. Jahrhunderts entstanden Hunderttausende Fotos.

Zum Fotografenhaus war das Gebäude Litera F 414½ (Jesuitengasse 8) im Jahre 1862 geworden. Am 14. Mai 1862 kaufte es der Fotograf August Baur für 6000 Gulden. Die Lage beim ehemaligen Jesuitenkolleg war günstig: Dessen Gebäude dienten bis 1882 als Infanteriekaserne. Vom Kolleg beziehungsweise von der Kaserne ist nur noch der Trakt mit dem Kleinen Goldenen Saal erhalten.

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Die Jesuitengasse war bereits die zweite Adresse des Fotografen August Baur: Er besaß schon 1858 ein Studio neben der Hofapotheke am Hohen Weg nahe dem Dom und dem Bischofspalais. Baur blieb im „Pfaffenviertel“, denn der katholische Klerus frequentierte August Baurs Atelier rege. Selbst Bischof Pankratius von Dinkel ließ von sich kurz nach der Weihe im Jahre 1858 bei Baur ein Standfoto anfertigen.

August Baur starb am 4. November 1868. Seine Witwe Josepha verkaufte im Juni 1870 das Haus an eine Bräuerswitwe. Für sie war die Immobilie lediglich ein Spekulationsobjekt. Sie veräußerte das Haus mit dem Atelieranbau am 11. Januar 1872 an den Fotografen Max Anzinger. Er hatte das Geschäft nach dem Tod August Baurs weitergeführt. Doch Anzinger übernahm sich offenbar mit dem Hauserwerb finanziell: Am 5. Juli 1873 wurde der Fotograf Xaver Haas neuer Besitzer.

Der im Stadtarchiv verwahrte Hausbogen „Jesuitengasse 8“ verzeichnet alle Ein- und Auszüge von Bewohnern. Er belegt, dass etliche Fotografen vermutlich auf beruflicher Wanderschaft im Laufe der 1880er Jahre für zwei bis sechs Monate im kleinen Haus in Domnähe wohnten und bei Xaver Haas arbeiteten. Im März 1890 zog der 27-jährige Fotograf Michael Alber aus dem nahen Oberhausen ein. Bei ihm ist kein Auszugsdatum zu finden. Er blieb und erwarb sieben Jahre später bei einer Zwangsversteigerung für 23250 Mark das Anwesen mit einem idyllischen kleinen Garten an der Hausrückseite. Die Gründe für den Konkurs seines Vorgängers Xaver Haas liegen im Dunkeln. Das Geschäft hatte offenbar floriert. Die höchste Plattennummer auf einer Sammlung von Haas-Fotos liegt über 73000.

Das Atelier an der Jesuitengasse war ein ausgesprochenes Porträtstudio. Andere Motive sind den Inhabern nicht zuzuordnen. Durch Aufdrucke auf Fotorückseiten und Prägungen sind alle Atelierbetreiber belegbar: August Baur (1858 bis 1868), Max Anzinger (1868 bis 1873), Xaver Haas (1873 bis 1897), Michael Alber (1897 bis 1933) und Herbert Alber (1933 bis 1969). Bereits in den 1930er Jahren war das große Atelier zu einer Wohnung umgebaut. Elektrische Lampen ersetzten in einem kleinen Studio im Parterre das Tageslicht.

Nach dem Tod des „Berufslichtbildners“ (so auf seinem Grabstein) Michael Alber gingen Haus und Geschäft 1933 auf den 35-jährigen Sohn Herbert über. Er war als „Photomeister“ im Adressbuch verzeichnet. Nach 36-jähriger Tätigkeit meldete Herbert Alber am 12. März 1969 sein Gewerbe ab. Damit endete die Geschichte des Hauses Jesuitengasse 8 als Fotoatelier. Das Gebäude ist jetzt verschwunden, doch in vielen Familienalben sind die Namen der einstigen Fotografen auf Porträts, Familienaufnahmen und Hochzeitsbildern präsent. Auch im Führerschein des Autors, einem „grauen Lappen“ von 1959, ist das Passfoto mit der Prägung „Alber Augsburg“ versehen.

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