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Brecht

05.04.2012

Am Abend, da es kühle war

In diesem Zustand kannte Brecht die Augsburger Barfüßerkirche, die im Februar 1944 zerstört und nach dem Krieg wiederaufgebaut wurde.
Bild: Sammlung Häußler

Welchen Einfluss ein Hörerlebnis von Bachs Matthäus-Passion in der Barfüßerkirche auf den Dichter gehabt haben muss, wird in seiner „Ballade von des Cortez Leuten“ deutlich

Bertolt Brecht wurde in der Barfüßerkirche getauft und konfirmiert, darüber hinaus ist eine affektive Erfahrung dokumentiert, die mit diesem Augsburger Gotteshaus in Zusammenhang steht: eine Aufführung der Matthäus-Passion Johann Sebastian Bachs. Wann genau diese war, ist unbekannt, noch 1944 allerdings spricht Brecht dem Komponisten Hanns Eisler gegenüber von „Stupor und wildem Koma“, die das Werk Bachs, dessen gestische Musik Brecht schätzte, bei ihm hervorgerufen habe.

Eisler war es, der die Musik zum 1930 entstandenen Lehrstück „Die Maßnahme“ geschrieben hatte. Dabei verwendet er Material aus der Matthäus-Passion, um einen bestimmten Deutungshorizont herzustellen: Es wird eine Verbindung gezogen zwischen Leiden und Sterben Jesu und dem Schicksal des „jungen Genossen“, der der Parteiräson geopfert wird. War dies eine Idee des Komponisten oder geht sie auf Brecht zurück, auf das Hörerlebnis seiner Jugendzeit? Dann hätte er erst nach eineinhalb Jahrzehnten die Wirkung, die die Bach’sche Passion auf ihn ausübte, in eine Inspiration für ein eigenes Werk verwandelt.

Mehrere konkrete Anlehnungen an die Bibel

Am Abend, da es kühle war

Doch sie beeinflusste nachweislich ein anderes, die bereits 1919 entstandene „Ballade von des Cortez Leuten“, eines der bekanntesten Gedichte der „Hauspostille“ – und zwar in ähnlicher Weise wie „Die Maßnahme“: Material aus dem Oratorium Bachs „präludiert“ den Text, wenn auch ohne Musik, und lässt die naturmagische Ballade in einem anderen Licht erscheinen. Hernán Cortez war ein Konquistador der spanischen Eroberungskriege, seine „Leute“ sind Soldaten, die im Aztekenreich rauben und missionieren. Sie führen Krieg, bis die Natur zurückschlägt. Mehrere konkrete, stets unbemerkt gebliebene Anlehnungen an die Bibel, die in einem Bezug zur Matthäus-Passion kulminieren, sind am Beginn geradezu komprimiert: „Am siebten Tag“ ruht Gott nach seinen Schöpfungswerken (Gen 2, 2f.). Die Soldaten bei Brecht erholen sich im ersten Satz der Ballade „am siebten Tage“ von ihren Untaten. Ihr Treiben beginnt „um die neunte Stunde“. In dieser gipfelt die Passion im Tod Jesu: „Und um die neunte Stunde schrie Jesus laut […] und verschied“ (Mt 27, 46–50). Diese Szene kommentiert in der Matthäus-Passion ein Bass-Rezitativ: „Am Abend, da es kühle war, ward Adams Fallen offenbar.“ Brechts Soldaten beginnen mit den Vorbereitungen zu ihrer Feier in wörtlicher Übereinstimmung „gen Abend. Als es kühl ward“ – eine eindeutige philologische Entsprechung.

Der Schöpfungsakt als Beginn fortwährenden Leids

Brecht antizipiert mit diesen Zitaten den bevorstehenden Tod der Männer, den er als Passion deutet. Gleichzeitig wird diejenige ihrer Opfer, der Azteken, indirekt thematisiert, denn der Untergang von „des Cortez Leuten“ zeichnet sich ab, nachdem sie innehielten, um auszuruhen vom Morden. Der Autor konterkariert so die biblische Überlieferung durch deren eigenes Wort: Eine Welt, in der solches geschehen kann, ist nicht „die beste aller möglichen Welten“ (Leibniz), sondern das Inferno, der Schöpfungsakt Beginn fortwährenden Leids, in dem die Rollen zwischen Tätern und Opfern verschwimmen. Ihnen gemeinsam ist, dass sie gesellschaftlichen Mechanismen unterworfen sind, die sie nicht durchdringen.

Brechts Zitat aus der Matthäus-Passion ist eindeutig. Da diese die Sterbestunde Jesu „um die neunte Stunde“ dem Matthäus-Evangelium wortgleich wiedergibt, ist sogar davon auszugehen, dass der Autor auch dieses Zitat aus dem Oratorium übernahm und nicht auf dessen Quelle, die Bibel, direkt zurückgriff. Seine Ballade schätzte er selbst hoch ein. Nach ihrer Erstveröffentlichung im Dezember 1922 in der Zeitschrift Der Feuerreiter wurde sie, gleichfalls bisher unbemerkt, am 9. 6. 1923 im Erzähler, der literarischen Beilage der Augsburger Neuesten Nachrichten, als „Empfehlung“ wieder abgedruckt: innerhalb eines Beitrags, der auf den jungen Autor aufmerksam machen wollte. Es war die letzte Veröffentlichung eines Brecht-Textes in der Augsburger Presse in dieser frühen Zeit.

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