1. Startseite
  2. Lokales (Augsburg)
  3. Amerika durch die Windschutzscheibe

Fotografie

17.01.2015

Amerika durch die Windschutzscheibe

Copy%20of%20TH_2027-a.tif
2 Bilder
Ein erleuchtetes Fenster: Was geht da drinnen vor sich?

Todd Hido ist weltweit gefragt. Der Kunstverein Augsburg präsentiert erstmals die Arbeiten des US-Künstlers in einer Einzelausstellung in Deutschland – ein großer Wurf

Der Blick auf die Welt durch die Windschutzscheibe: Das ist eine sehr amerikanische Perspektive. Todd Hido fotografiert so – aus dem Auto heraus. Die Scheibe zwischen sich und dem Draußen, der Landschaft, der Straße ist häufig regennass oder beschlagen, was viele Fotos in eine malerische Unschärfe taucht.

Der 1968 in Kent, Ohio geborene Hido fährt viel herum mit dem Auto. Er sucht seine Motive im unspektakulären Nirgendwo des riesigen Landes. Eine schlammige Landstraße, mehr ein Feldweg, dunkler Wolkenhimmel, ein Strommast, Leitungen, die sich über menschenleeres Land spannen. Schmutzige Farben, eine dreckige Leere, ein vergilbtes Licht, das gar nichts Strahlendes hat, sondern sich über die Szenerie legt wie ein Schleier.

Im Regen wird das Auto wie eine Raumkapsel in einer unwirtlichen Landschaft. Wir sehen Bäume, Strommasten, Brückengeländer, Pfützen, Gestrüpp, ödes Brachland. Das Draußen vor der Windschutzscheibe: Das sind Orte, die man passiert, keine Orte, um zu bleiben. God’s Own Country? Hier gibt es keine Verheißung. Wichtiger als der Kompass ist Todd Hido, dem Fotosuchfahrer, die Wetter-App. Denn wo es regnet oder Nebel hat, findet er sein Licht – und die Windschutzscheibe wird als eine Art Vorsatzlinse, so, wie er es sich wünscht. Die Fotografien von Todd Hido sind rätselhaft aufgeladen mit einer Aura der unbestimmten Erwartung.

Lesen Sie jetzt: Die heutige Ausgabe Ihrer Tageszeitung als E-Paper.

Der Blick aus dem Auto nach vorne: Da ist nichts – aber es könnte etwas kommen. Das erleuchtete Fenster in dem schäbigen Haus: Was geht da drinnen vor sich? Die Frau, die sich am offenen Beifahrerfenster in ein Auto beugt: Was will sie? Todd Hidos Fotografien erscheinen wie Momente aus einer Erzählung, wie Film Stills. Hidos Fotos sind Kippbilder, sie zeigen Anwesenheit und Abwesenheit, Leere und Expressivität zugleich, die innere Spannung löst sich nicht auf, wir sind Voyeure. Es ist besser, du bleibst im Auto.

Die Ausstellung gibt einen guten Überblick über das Werk

Seine Arbeit an der Ikonografie Amerikas hat Todd Hido zu einem der international gefragtesten Fotografen gemacht. Seine Bilder hängen in vielen großen Museen und Sammlungen. Der Kunstverein Augsburg zeigt nun unter dem Titel „Drive by Shooting“ (etwa: Im Vorbeifahren „schießen“) die erste institutionelle Einzelausstellung des bei San Francisco lebenden Fotografen in Deutschland. Mit 33 zum Teil großformatigen Fotos gibt die Ausstellung einen guten Überblick über das Werk Hidos. Am 7. März kommt er zum Ausstellungsende nach Augsburg und spricht im Kunstverein über seine melancholisch-düsteren Bilder. Er wolle außerdem ein bisschen herumfahren und hoffe auf Nebel, ließ Hido vorab schon einmal wissen.

Obgleich viele seiner Motive – einsame Landstraßen, menschenleere Landschaften ohne besondere Eigenschaften, austauschbare Vorstadthäuser bei Nacht, vor denen Autos parken, Motels, Frauen in kargen Interieurs – in gewisser Weise typische Sujets aus dem Kanon der amerikanischen Kunst wie Populärkultur sind, hat Hido eine unverkennbare, eigene visuelle Sprache. Wer seine Fotos betrachtet, ruft unwillkürlich Bilder aus dem Gedächtnis auf, aus Filmen (David Lynch, aber auch Hitchcock), von Fotografen wie Gregory Crewdson oder William Eggleston – aber eben auch Gemälde: Turner, Spitzweg, Edward Hopper. Diese Verdichtung und das den Bildern eingeschriebene erzählerische Konzentrat machen die einzigartige Qualität von Hidos Fotoarbeiten aus.

Der Amerikaner arbeitet analog. Er hat sich mit Filmen der pleitegegangenen Firma Kodak eingedeckt. Seine berühmten Nachtaufnahmen von Suburb-Häusern (Serie „Househunting“), in denen Licht brennt, ohne dass irgendwo ein Mensch zu sehen ist, erfordern Belichtungszeiten von zehn Minuten und länger. So etwas macht einen in den Vororten der USA, die Idyll und Albtraum zugleich sind, schnell verdächtig. Hido hat deshalb immer Visitenkarten und Fotobücher im Auto, um sein Tun und seine Anwesenheit im Zweifelfalle zu erklären.

Die traurigen Plätze, die Heimat sind für jemanden – dem Betrachter erscheinen sie als trostlose Orte im gelblichen Licht von Straßenlaternen, die Nacht wirkt imprägniert wie mit Nikotin. Haus, Straße, Auto: Stille liegt über den Tableaus amerikanischen Durchschnittslebens, eine rätselhafte Zeitlosigkeit. Tatsächlich sucht Hido Bilder, die ihn an seine Kindheit in einem typischen Vorort von Ohio erinnern.

Dem Kunstverein Augsburg ist ein großer Wurf gelungen.

Themen Folgen

Die Diskussion ist geschlossen.

Lesen Sie dazu auch
Copy%20of%20Portrait2_Annelie_Dr._Ulrich_Bauhofer_%c2%a9Christian_M._Weiss.tif
Vortrag

Wie man in Licht baden kann

WhatsappPromo.jpg

Alle News per WhatsApp

Die wichtigsten Nachrichten aus Augsburg, Schwaben
und Bayern ganz unkompliziert auf Ihr Smartphone.

Hier kostenlos anmelden