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Vom Saulus zum Paulus

19.05.2008

An Heiligabend das Messer gezogen

Die Vorwürfe der Anklage sind gravierend: verbotener Waffenbesitz, Bedrohung, vorsätzliche Körperverletzung, Diebstahl mit Waffen, Sachbeschädigung, Beleidigung. Da könnte man sich einen Gewalttäter par excellence vorstellen, einen muskelbepackten "Brutalo" mit Bomberjacke und Springerstiefeln. Doch den Sitzungssaal betritt das genaue Gegenteil.

Von Klaus Utzni

Die Vorwürfe der Anklage sind gravierend: verbotener Waffenbesitz, Bedrohung, vorsätzliche Körperverletzung, Diebstahl mit Waffen, Sachbeschädigung, Beleidigung. Da könnte man sich einen Gewalttäter par excellence vorstellen, einen muskelbepackten "Brutalo" mit Bomberjacke und Springerstiefeln. Doch herein in den Sitzungssaal zu Amtsrichter Roland Fink kommt ein eher schmalbrüstiger junger Mann, der sich als freundlich, redegewandt und einsichtig entpuppt und der vor lauter Höflichkeit den Richter stets beim Namen anspricht. Die Wandlung vom Saulus zum Paulus.

Man kann's kaum glauben, dass dieser scheinbar nette Typ, wie ihn sich manche Schwiegermutter wünscht, um das Weihnachtsfest 2007 derartig ausgerastet ist, dass gleich drei Anklagen auf dem Tisch liegen. Am Nachmittag des Heiligen Abends pöbelte er auf dem Rathausplatz wahllos einen Passanten an, beschimpfte ihn mit "Hurensohn" und "Missgeburt", zog ein verbotenes Butterfly-Messer und drohte: "Ich stech dich ab." Auch gegen einen herbeieilenden Mitarbeiter eines Sicherheitsdienstes richtete er die Waffe.

Wenige Tage später suchte er grundlos Streit in einer Tram der Linie 1 beim Schlössle. Er beschimpfte in übler Weise einen Fahrgast, hielt ihm ein Klappmesser vor die Nase, drohte mit "Abstechen" und setzte zu einem Kopfstoß an. Auch bei einem Diebstahl in einem Geschäft in der Augsburger Fußgängerzone hatte er ein Messer bei sich.

An Heiligabend das Messer gezogen

Der 25-Jährige macht im Prozess sofort reinen Tisch: "Ich gebe alles zu. Es war totaler Mist. Ich bin kein Unschuldsengel." Seine Aggressivität erklärt er mit seiner damaligen Situation. Früher schwer heroinabhängig, saß er wegen Drogenhandels schon im Gefängnis. Nach der Entlassung hat er eine Friseurlehre durchgezogen, wurde mit einem Preis ausgezeichnet, hat die Bewährung sauber durchgestanden. Dann gab's Stress mit der Freundin, er trank, wurde höchst aggressiv, suchte ständig Streit.

Jetzt, da das Damoklesschwert eines weiteren Gefängnisaufenthalts über ihm schwebt, ist der 25-Jährige an einem Punkt angekommen, wo er sein junges Leben noch einmal ändern will. Er ist clean und trinkt, wie er beteuert, "keinen Tropfen mehr".

So finden am Ende sein Verteidiger Marco Müller, Oberstaatsanwalt Matthias Nickolai und Richter Fink eine Lösung, die Strafe und Chance zugleich ist. Eine Freiheitsstrafe von neun Monaten wird zur Bewährung ausgesetzt, der junge Mann muss 160 Stunden gemeinnützige Arbeit leisten und einen Anti-Aggressions-Kurs besuchen. Zudem bekommt er einen Bewährungshelfer zur Seite gestellt.

Und alle hoffen, dass das "letzte Wort" des Angeklagten in Richtung des Gerichts für die Zukunft gilt: "Ich bin sicher, dass wir uns nicht wieder sehen."

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