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Augsburg

06.05.2015

Andreas H.: Wer ist der mutmaßliche Chef der rechten Terrorgruppe?

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Die Polizei hat den mutmaßlichen Chef der Gruppe, Andreas H., in Augsburg festgenommen.
Bild: Silvio Wyszengrad

Die Polizei hat den mutmaßlichen Chef einer rechten Terrorgruppe in Augsburg festgenommen. Andreas H. teilt sich mit Adolf Hitler nicht nur die Initialen - sondern auch Ansichten.

Alles geht ganz schnell. Mittwochvormittag, 11.20 Uhr, in Bergheim, einem ländlichen Stadtteil von Augsburg. Die Tür eines Mehrfamilienhauses öffnet sich. Polizisten in Zivil führen einen Mann in Handschellen die Treppe hinunter. Sie setzen ihn in einen dunklen BMW. Der Wagen braust davon, mehrere unauffällige Kleinbusse starten die Motoren und folgen.

Es ist Andreas H., 56, von Beruf Maler, den die Beamten da gerade abgeführt haben. In der Garage steht sein alter Mercedes. Auf der Heckklappe prangt ein Aufkleber mit einem Reichsadler und den Initialen „A. H.“ in Frakturschrift. Steht das Kürzel für Adolf Hitler? Oder meint er damit sich selbst, als selbst ernannten Anführer einer neuen rechten Gruppe?

Andreas H. soll, so der Verdacht, Kopf einer mutmaßlichen rechtsextremen Terrorgruppe sein. Die Bande soll Anschläge auf bekannte Salafisten, Moscheen und Asylbewerberunterkünfte geplant haben. Sie hat sich dafür offenbar bereits Sprengstoff besorgt. Wer ist dieser Andreas H., der am Rand der Großstadt ein relativ unauffälliges Leben führte? Und wie gefährlich ist er?

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H. ist keine bekannte Szenegröße. Als Anführer der überschaubaren rechtsextremen Szene in der Region war er den Staatsschutz-Ermittlern der Augsburger Kripo zuvor nicht aufgefallen. Offensichtlich lebte Andreas H. seinen Hass auf Ausländer, den Islam und den Staat vor allem im Internet aus. Dort bezeichnet er sich als Kopf einer Gruppe, die sich „Oldschool Society“ – kurz OSS – nennt. Das Wappen der Gruppe zeigt einen Totenkopf, zwei blutige Fleischerbeile und Runen.

Waren konkrete Anschläge geplant?

Es ist offenbar Andreas H., der die Idee für die Gruppe entwickelt. Im Sommer 2014 veröffentlicht er im sozialen Netzwerk Facebook erstmals das martialische OSS-Logo. Dazu der Aufruf: „Wenn auch Du bereit bist, mit uns Seite an Seite für unser Vaterland zu stehen, und Kameradschaft für dich mehr ist, als nur ein Wort, dann schließe dich uns an.“ Andreas H. findet Mitstreiter. Wie es heißt, gibt es im November vorigen Jahres ein Treffen von neun Rechtsextremisten im sächsischen Frohburg südlich von Leipzig. Dort soll die Gründung der „Oldschool Society“ besiegelt worden sein.

Es ist offiziellen Angaben zufolge der im NSU-Skandal schwer in die Kritik geratene Verfassungsschutz, der auf die neue Gruppe aufmerksam wird. Der Generalbundesanwalt übernimmt die Ermittlungen. Am frühen Mittwochmorgen schlagen rund 250 Beamte in fünf Bundesländern zu.

In Augsburg-Bergheim wacht eine Nachbarin, die im selben Haus lebt, gegen 4 Uhr auf. Die Frau hört Lärm aus der Wohnung daneben, lautes Rumpeln. Spezialkräfte der Bundespolizei stürmen die Wohnung von Andreas H. im ersten Stock. Angeblich ist es die Spezialeinheit GSG 9. Danach räumen Polizisten Kisten und Säcke mit Beweismaterial nach draußen.

Noch am Vormittag zieht der Generalbundesanwalt eine erste Bilanz. Neben Andreas H. sind zwei weitere Männer und eine Frau festgenommen worden – jedoch nicht in der Region. Ermittelt wird gegen insgesamt neun Personen. Einer der Festgenommenen ist Markus W., 39, mit Wohnsitz in Sachsen. Er wird im oberbayerischen Mühldorf am Inn von Beamten gestellt. Markus W. fungierte, ähnlich wie bei Rockern, als „Vizepräsident“ der Gruppierung.

Im Unterschied zum Augsburger Andreas H. ist er den Behörden offensichtlich schon länger ein Begriff. Der Spiegel zitiert aus einem vertraulichen Papier des Bundeskriminalamts. Demnach soll der Mann bis vor wenigen Jahren zum „festen Personengebilde“ der „Kameradschaft Aachener Land“ gehört haben, einer berüchtigten Neonazi-Truppe, die im August 2012 verboten wurde. Die Kameradschaft soll in Nordrhein-Westfalen wiederholt mit Gewaltdelikten aufgefallen sein.

Wie konkret die Anschlagspläne der „Oldschool Society“ waren, ist bisher nicht bekannt. Aus Sicherheitskreisen sickert am Mittwoch aber durch, dass die mutmaßlichen Rechtsterroristen womöglich schon in naher Zukunft ausländerfeindliche Anschläge verüben wollten. Möglicherweise habe die OSS bereits für das kommende Wochenende ein Attentat geplant.

Entsprechende Hinweise gebe es aus der internen Kommunikation von Mitgliedern, die abgehört worden seien. Mit den von der Gruppe geplanten Bomben hätten demnach Menschen verletzt oder getötet und Gebäude stark beschädigt werden können. Der Generalbundesanwalt teilt mit, bei den Razzien in mehreren Wohnungen seien „pyrotechnische Gegenstände mit großer Sprengkraft“ gefunden worden.

Andreas H. drohte im Internet immer wieder Muslimen

Der selbst ernannte „Präsident“ Andreas H. hat in den vergangenen Wochen im Internet immer wieder relativ offene Drohungen ausgesprochen. Über den bei Salafisten populären Prediger Pierre Vogel schreibt er im September 2014: „Gehe, bevor Du geholt wirst.“ Er veröffentlicht das Foto eines Imams, der in einer Talkshow aufgetreten ist, und bezeichnet ihn als „Dreck“ und „Saukopf“. An anderer Stelle fabuliert Andreas H. wirr davon, man kenne die Feinde. „Sie haben Gesichter, Adressen, den Rest kann ich hier nicht sagen“, schreibt er.

Es gibt, heißt es in Ermittlerkreisen, erstaunliche Parallelen zwischen der „Oldschool Society“ und denen, die die rechte Gruppe als ihre ärgsten Feinde ansieht, nämlich salafistische Gruppen. Salafisten nutzen immer stärker das Internet, um Unterstützer anzuwerben und zu radikalisieren. Auch die Rechtsextremen der OSS haben sich wohl vor allem über das Internet gefunden und über das Netz Kontakt gehalten. Echte Treffen soll es bislang nur selten gegeben haben, heißt es. Im Netz allerdings agierte die Gruppe relativ offen. Sie zeigte sich dort mit einer eigenen Facebook-Seite, die über 3000 Unterstützer findet. Seit dem gestrigen Nachmittag ist die Seite nicht mehr erreichbar.

In Bergheim ist Andreas H., der dort seit einigen Jahren mit seiner Frau und mehreren Katzen wohnt, den Nachbarn schon länger aufgefallen. „Er wirkte etwas verrückt“, sagt eine Frau. Nachbarn erzählen, Andreas H. sei öfter beim Rauchen draußen gestanden. Er soll auch mal damit geprahlt haben, Waffen zu besitzen.

Es gibt ein Foto, das ihn bei Übungen an einem Schießstand mit einer Neun-Millimeter-Pistole zeigt. Allerdings ist bisher nicht davon die Rede, dass bei den Durchsuchungen auch Schusswaffen gefunden wurden. Andreas H.s rechte Gesinnung blieb den Nachbarn nicht verborgen. Er habe gelegentlich über Ausländer gewettert, erzählen sie. Sie sahen seine Tätowierungen und den Nazi-Aufkleber an seinem Mercedes mit dem Kürzel A. H. „Das ist ja doch relativ eindeutig“, sagt eine Frau.

Die Oldschool Society sollte schlagkräftiger als die NPD sein

Kontakte in die rechte Szene in der Region hatte Andreas H. zwar. Bei Facebook ist er unter anderem mit Manfred Waldukat befreundet, dem Vorsitzenden der örtlichen NPD und Vize-Chef in Bayern. Doch allzu eng dürfte der Kontakt zuletzt wohl nicht gewesen sein. Er sei früher einmal mit Begeisterung in der NPD aktiv gewesen, schreibt Andreas H. an anderer Stelle.

Doch zufrieden mit der Arbeit der Partei war er offensichtlich nicht. „Ich hatte immer das Gefühl, dass da was fehlt und nix geht.“ Auch die Grabenkämpfe in der Partei waren ihm offenbar zuwider. Seine OSS sollte anders sein. Geschlossen und schlagkräftiger.

Die Polizei hat Andreas H.s obskuren Visionen einer neuen rechten Kameradschaft erst einmal einen Riegel vorgeschoben. Den Ermittlern geht es nun auch darum, zu prüfen, wer mit der Gruppe sympathisiert und welche Kontakte die OSS zu anderen Rechtsextremen unterhielt. Womöglich, sagt Bundesinnenminister Thomas de Maizière (CDU), sei sogar eine rechtsradikale Organisation nach dem Vorbild des NSU verhindert worden.

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