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Gedenken

25.02.2014

Anstoß an den „Stolpersteinen“

Symbolische Stolpersteine sollen in Augsburg an die Opfer des Nationalsozialismus erinnern. Die Pläne haben nicht nur Befürworter. Es gibt auch harte Kritik vonseiten der jüdischen Gemeinde.
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Symbolische Stolpersteine sollen in Augsburg an die Opfer des Nationalsozialismus erinnern. Die Pläne haben nicht nur Befürworter. Es gibt auch harte Kritik vonseiten der jüdischen Gemeinde.

Eine Initiative will Steine als Mahnmale für die Opfer des Naziterrors im Augsburger Pflaster verlegen. Der Landesrabbiner wehrt sich vehement gegen die Pläne.

Stolpersteine im Pflaster als Denkmal gegen Opfer des Naziterrors? Richard Mayer, Nachkomme einer jüdischen Familie aus Augsburg, findet diese Form des Gedenkens falsch. Er kam aus den USA, um sich die „Stolpersteine“ in Nördlingen anzusehen. Dort sah er auch, wie ein Passant mit schlimm verschmutzten Schuhen achtlos über das Mahnmal lief. Das hat ihm gereicht. „Ich will nicht, dass die Erinnerung an die Opfer mit Füßen oder gar mit verdreckten Stiefeln getreten wird“, sagt er.

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Stolpersteine gibt es europaweit, darunter in mehr als 50 Kommunen in Bayern, allerdings nicht auf städtischem Pflaster in München. Nun will auch ein Initiativkreis in Augsburg diese Erinnerungssteine verlegen lassen, und zwar von dem Kölner Künstler Gunter Demnig. Unterstützt wird die Initiative von einem parteiübergreifenden Antrag der Stadtratsfraktionen. Am Donnerstag soll das Thema im Stadtrat beraten werden.

„Ich gehe davon aus, dass es einen Beschluss für die Stolpersteine geben wird“, sagt Thomas Hacker vom Initiativkreis. Er spricht von einer breiten gesellschaftlichen Unterstützung für das Projekt. Viele Opfergruppen seien dafür, in dieser Form an politisch und religiös Verfolgte der Nazizeit zu erinnern. Auch im Ausland genießen die Stolpersteine nach seinen Worten hohes Ansehen. „Ich kenne nur einen, der sich persönlich gegen die Steine ausgesprochen hat, das ist Rabbiner Henry Brandt“, sagt Hacker.

Anstoß an den „Stolpersteinen“

Der Landesrabbiner meldet sich nun auch als Kritiker zu Wort. „Ich bin kategorisch gegen die Stolpersteine und werde mich mit allem dagegen wehren, dass sie in Augsburg eingesetzt werden“, kündigt er an. Brandt findet es unerträglich, dass überhaupt und speziell in Deutschland auf Namen von Holocaust-Opfern herumgetrampelt werden könnte. Auch die Beschmutzung der Steine durch Hunde sei zu erwarten. „Namen haben im Judentum einen besonderen Stellenwert.“

Der Landesrabbiner ist nicht der einzige Kritiker. Er sei sich mit dem Präsidenten der israelitischen Kultusgemeinde Schwaben-Augsburg, Alexander Mazo, und Charlotte Knobloch von der Israelitischen Kulturgemeinde München und Oberbayern einig, sagt er. Auch viele Gemeindemitglieder würden die Stolpersteine als einen Bärendienst an den jüdischen Opfern sehen. Die jüdische Gemeinde in Augsburg hat rund 1800 Mitglieder, die meisten von ihnen mit Wurzeln in postsowjetischen Staaten.

Kritisch sieht die Aktion auch Dieter Münker, Vorsitzender der Deutsch-Israelischen Gesellschaft, Arbeitsgemeinschaft Augsburg-Schwaben. „Nicht alles, was gut gemeint ist, muss auch gut sein.“ Nach Münkers Eindruck gibt es bei Überlebenden des Holocaust und auch Juden von heute in zunehmendem Maß Vorbehalte gegen die Stolpersteine. Gerade in Augsburg seien sie auch nicht notwendig. Im Rathaus gebe es schon eine zentrale und würdige Gedenkstätte für die jüdischen Opfer des Nationalsozialismus. Bei Bedarf könne dieser Gedenkort durch einen weiteren Raum ergänzt werden. Diesen könne man politisch Verfolgten und weiteren Opfern widmen.

Auch das politische Vorgehen des Initiativkreises kommt nicht bei allen gut an. Hacker hatte in einer Presseerklärung darauf gepocht, der Stadtrat müsse noch vor der Kommunalwahl im März ein Zeichen setzen und in der kommenden Sitzung den Antrag für die Stolpersteine verabschieden. Die Wähler müssten erfahren, welche Stadträte das Projekt unterstützen. „Damit wird das Thema zum Politikum gemacht“, kritisiert der frühere AZ-Chefredakteur Gernot Römer, Autor zahlreicher Bücher über das Schicksal der Juden in Schwaben. „Kandidaten werden unter Druck gesetzt.“

Oberbürgermeister Kurt Gribl will eine breite Einigung. Erinnerungskultur müsse im gesamtgesellschaftlichen Konsens erfolgen, teilte er mit. Dies sei bei der Ausdrucksform der Stolpersteine noch problematisch, weil es in Augsburg unterschiedliche Haltungen dazu gebe. Gribl möchte, dass betroffene Gruppen und insbesondere jüdische Vertreter vor einer Stadtratsentscheidung angehört werden: „Es kann nicht sein, dass aufrichtiges Erinnern in der inhaltlichen Ausgestaltung bleibende Konfliktlagen oder sozialen Unfrieden begründet.“

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