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Logistikzentrum

28.11.2011

Arbeitsagentur zahlt für Amazon-Aushilfen

Der Internetversandhandel Amazon baut sein neues Logistikzentrum in Graben bei Schwabmünchen. Der bayerische Wirtschaftsminister Martin Zeil kam zum Spatenstich direkt an der Amazonstraße.
Bild: Nina Schleifer

Ein Großteil der Mitarbeiter in Graben musste vor der Anstellung bis zu zwei Wochen Probe arbeiten. Für den Versandhändler war ihr Einsatz kostenlos.

Für den 42-Jährigen war es die Chance auf die Rückkehr in den Beruf: Drei Monate war Norbert Wittner (Name von der Redaktion geändert) arbeitslos, als er das Jobangebot der Arbeitsagentur bekam. Er könne im Lager des Amazon-Logistikzentrums in Graben (Kreis Augsburg) anfangen. Der Vertrag sollte zwar nur bis Jahresende laufen, aber Norbert Wittner war zufrieden: „Ein so großes Unternehmen – da glaubt man, dass alles richtig läuft.“

Inzwischen sieht der 42-Jährige die Sache anders. Er fühle sich von dem Internet-Versandhändler „ausgenutzt und betrogen“, sagt er. Denn wie sich später herausstellte, musste Wittner in den ersten beiden Wochen eine Art Praktikum absolvieren. Er bekam zwar Geld – allerdings von der Arbeitsagentur, nicht von Amazon. „Dabei habe ich doch ganz normal im Lager mitgearbeitet“, wundert sich Wittner.

Der 42-Jährige ist kein Einzelfall im Logistikzentrum Graben. Nach Angaben der Arbeitsagentur sind derzeit knapp 2250 Menschen bei Amazon beschäftigt. Nahe zu alle wurden über die Arbeitsagentur vermittelt. Davon haben fast 1300 wie Norbert Wittner eine Art Praktikum über eine oder zwei Wochen absolviert – für Amazon kostenlos. Stattdessen bekamen die Mitarbeiter in dieser Zeit Bezüge von der Arbeitsagentur oder den Jobcentern, bestätigt Reinhold Demel, Chef der Agentur in Augsburg. Das sei rechtens, betont er. „Maßnahme beim Arbeitgeber“ (MAG) nennt sich das bundesweit angewandte Instrument der Arbeitsagentur. Ziel sei es, Menschen mit Vermittlungshemmnissen wieder an das Berufsleben heranzuführen, so Demel weiter.

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Thomas Gürlebeck von der Gewerkschaft Verdi hält die Praxis bei Amazon für „moralisch fragwürdig“. Das eigentliche Ziel der Maßnahme – nämlich die Erprobung von Langzeitarbeitslosen im Job – werde hier klar verfehlt. „Das sind Aushilfen im Lager“, sagt Gürlebeck. „Letztlich werden sie einen Tag eingearbeitet, dann arbeiten sie normal mit.“ Zudem hätten viele wie Wittner nur einen bis zum Jahresende befristeten Vertrag. „Die muss man nicht zwei Wochen prüfen oder auf das Berufsleben vorbereiten.“ Laut Gürlebeck steckt „Methode dahinter“. Amazon habe dank der MAG die Arbeitsleistung von fast 1300 Mitarbeitern über mehrere Tage kostenlos nutzen können.

Amazon will sich zu den Vorwürfen nicht äußern

Amazon selbst wollte sich zu den konkreten Vorwürfen nicht äußern. Das Unternehmen verweist in einer schriftlichen Stellungnahme auf die Gesetzeslage, die dieses Vorgehen ermöglicht. „Da das Training die Wiedereingliederungsaussichten in den Arbeitsmarkt verbessert, erhalten Mitarbeiter, die auf diesem Weg zu uns kommen, für eine kurze Trainingszeit weiterhin ihre Bezüge von den Jobcentern und den Agenturen für Arbeit“, teilt Amazon mit.

Auch der Chef der Arbeitsagentur will sich seine gute Arbeitsmarktbilanz von den Vorwürfen nicht trüben lassen. „Man schießt sich gerade auf Amazon ein“, sagt Demel. „Wir müssen doch froh sein, dass ein Arbeitgeber wie Amazon in unsere Region gekommen ist.“ In dem Logistikzentrum, das im September in Betrieb gegangen ist, sollen langfristig 1000 Menschen Arbeit finden. Zusätzlich will Amazon in Hochzeiten 2000 Saisonkräfte beschäftigen. Vor allem an- und ungelernte Mitarbeiter sind für die Lagerarbeiten gefragt. Jeder zweite Arbeitslose in Augsburg gehört zu dieser Gruppe. „Wir haben durch Amazon eine Anhebung des unteren Lohnniveaus um 15 bis 20 Prozent“, sagt Demel. Und dazu habe auch die „Maßnahme beim Arbeitgeber“ beigetragen. 80 Prozent der Leute, die zunächst das „Praktikum“ absolviert haben, seien hinterher bei Amazon weiterbeschäftigt worden. In 248 Fällen sei die MAG abgebrochen worden.

Auch Verdi-Vertreter Gürlebeck will nicht Amazon allein den Schwarzen Peter zuschieben. Es gebe immer wieder Fälle, in denen Unternehmen Leistungen der Arbeitsagentur ausnutzten. „Aber in diesem Ausmaß wie bei Amazon haben wir zum ersten Mal davon erfahren“, sagt er. Auch aus den anderen Logistikzentren in Werne und Bad Hersfeld gibt es immer wieder Klagen. Dort soll Amazon laut Medienberichten Saisonkräfte gleich mehrfach über MAG beschäftigen.

Agentur-Chef Demel will nicht ausschließen, dass es in Einzelfällen zu Missbräuchen bei MAG kommt, denen gehe man aber nach. Den Online-Händler nimmt er aus der Schusslinie. „Amazon ist ein Unternehmen wie jedes andere. Und jeder kann diese Maßnahme nutzen.“

Wittner durfte nach seiner Trainingsmaßnahme bleiben – vorerst allerdings nur bis Ende Dezember. Auch damit ist er kein Einzelfall.

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