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Artensterben: Augsburg hat aus einer Panne gelernt

Artensterben: Augsburg hat aus einer Panne gelernt
Kommentar Von Eva Maria Knab
15.02.2020

Plus Vor zwei Jahren stand die Augsburger Umweltverwaltung wegen einer radikalen Mähpraxis in der Kritik. Inzwischen läuft vieles anders. Was verbessert wurde.

Die Ergebnisse der Forscher zum Insektensterben waren alarmierend und lösten 2017 eine bundesweite Debatte aus. Ausgerechnet in der „Umweltstadt“ Augsburg gab es danach einen öffentlichen Aufschrei von Naturschützern. Was war passiert?

Ein Forscherteam aus Krefeld hatte nachgewiesen, dass die Biomasse von Fluginsekten in Deutschland innerhalb von drei Jahrzehnten um fast 80 Prozent zurückgegangen war. Kurz gesagt: Es ist ein dramatisches Insektensterben im Gang, das sich zunehmend auf die Tierwelt und auf den Menschen auswirkt. Insekten sind nicht nur Futter für viele andere Tierarten in der Nahrungskette, sie bestäuben Nutzpflanzen wie Obstbäume oder Gemüse. Fehlen Insekten, gerät auf Dauer das gesamte Ökosystem aus den Fugen. Die öffentliche Debatte war voll in Gang, als im Frühjahr 2018 das Amt für Grünordnung in Augsburg für einen Eklat sorgte.

Augsburg: Mähen trägt zum Insektensterben bei

Naturschützer warfen den Verantwortlichen vor, durch radikales Mähen des innerstädtischen Grüns massiv zum Insektensterben beizutragen. Hintergrund: Die Verwaltung hatte gerade neue Verträge mit Firmen nach der bisherigen, kostengünstigen Methode geschlossen. Damit wurde die Chance vertan, schnell umzusteuern und die Überlebensprobleme für Wildbienen, Hummeln, Käfer und Co. mit einem einfachen und effektiven Schritt zu lindern: mit einem jahreszeitlich abgestuften Mähplan.

Schön für’s Auge und wohlschmeckend für die Insekten - allerdings nicht, wenn gemäht wird.
Bild: Berthold Veh

Ja, es war eine peinliche Panne. Aber sie wurde inzwischen behoben. Man muss der städtischen Umweltverwaltung auch bescheinigen, dass sie seit Langem nah dran ist am Thema Artenschutz. Sie kann ein übergreifendes Konzept und auch viele Projekte in der Praxis vorweisen. Positiv ist darüber hinaus, dass aus der Insektenschutz-Panne umfangreiche Konsequenzen gezogen wurden. Die Ergebnisse können sich sehen lassen.

Blühflächen: Landschaftspflege reagiert rasch

Der städtische Landschaftspflegeverband hat es geschafft, in kurzer Zeit ausgedehnte Flächen im bebauten Stadtgebiet zu organisieren, auf denen Insekten neue Lebensräume finden werden. Insgesamt ist es ein Areal, etwas größer als der Augsburger Kuhsee. Die Flächen sind über die ganze Stadt verteilt. Damit wird ein weites Netz mit neuen Blühwiesen gespannt – und mit Totholz, Brutwänden, Sand und Wasserstellen und allem, was Insekten so brauchen. Zusammen mit den Biotopen in den Augsburger Schutzgebieten ist diese Vernetzung ein echter Fortschritt im Kampf gegen das große Insektensterben, auch wenn das Problem natürlich nicht allein auf lokaler Ebene zu lösen ist.

Ein weiterer Pluspunkt: Die Landschaftspflege stellt ihre neue Offensive zum Artenschutz auf eine breite Basis. Sie hat auf Anhieb elf größere Partner zusammengebracht, die sich mit Blühflächen beteiligen: angefangen bei städtischen Ämtern, über Firmen, Kirchen und Vereine bis hin zur städtischen Wohnbaugruppe, der Abfallverwertungsanlage, den Stadtwerken sowie Universität und Uniklinik. Weitere Interessenten sind willkommen.

Naturschutz: Die Augsburger werden mitgenommen

Damit bestätigt sich eine Beobachtung, die man schon nach dem erfolgreichen Volksbegehren „Rettet die Bienen“ im vergangenen Jahr machen konnte: Es gibt in Augsburg eine wachsende Bereitschaft in der Bevölkerung, aktiv mitzuwirken, damit die Natur vor der eigenen Haustüre intakt bleibt.

Der einzelne Bürger tut sich aber oft schwer mit den richtigen Schritten. Sogenannte Blühbomben aufs Grün zu werfen, bringt nichts. Und mancher Firmenchef fürchtet vielleicht, dass mit einer Blumenwiese auf seinem Grundstück ein Biotop entstehen könnte, das er später nicht mehr los wird.

Deshalb hat es die Landschaftspflege richtig gemacht: Sie holt Akteure zusammen, um gemeinsam, effektiv und langfristig für mehr Artenschutz zu sorgen. Schaut man auf diesen gelungenen Vorstoß, lässt auch ein Großprojekt der Landschaftspflege zusammen mit der Stadt hoffen – die neue Umweltbildungsstation, die am Botanischen Garten gebaut wird.

Der Schutz von Natur, Umwelt und Klima muss hinein in möglichst viele Köpfe. Breite Bevölkerungsschichten davon zu überzeugen, geht aber nicht so schnell. Es ist eine Generationenaufgabe, an der man kontinuierlich arbeiten muss. Immer neue Alarmmeldungen von Forschern werden nicht ausreichen, um wirklich jedem klar zu machen, dass es Fünf vor Zwölf ist.

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