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Augsburg-Stadt

21.06.2015

Asylbewerber garteln gegen die Verzweiflung

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Amir Rezae, Alireza Nazari, Muhamed Emini und Izat Hasan Karo (von links) an einem Gemüsebeet, dass die Flüchtlingsfamilien in der Windprechtstraße (Antonsviertel) angelegt haben.

In der Windprechtstraße leben Flüchtlinge eigentlich gut. Trotzdem sind viele unglücklich. Zwei Roma-Familien erzählen ihre Geschichte.

Die Familien Rama und Emini gehören zu einem Volk, das am Rand steht: Sie sind Roma, aus dem Kosovo. Zurzeit wird viel diskutiert über Flüchtlinge aus diesem Land, die als reine Wirtschaftsflüchtlinge gelten. Muhamed Emini und Gzim Rama erzählen, warum sie alles aufgaben und in Deutschland Asylantrag stellten, der ihnen seit viereinhalb Jahren verwehrt wird. „Roma haben im Kosovo keine Rechte“, sagen sie. Ihre Kinder dürften nicht in die Schule, sie würden nicht vom Arzt behandelt. Man dürfe nicht mal an der Straße stehen. Eminis Vater sei deshalb von Albanern verprügelt worden. Eine Woche später sei er gestorben. Auch einen Onkel und einen Cousin hätten Albaner umgebracht.

Das Diakonische Werk hat für die Familien, die sieben bzw. vier Kinder haben, eine Petition eingereicht. Berater Matthias Schopf-Emrich nennt die Situation wegen der Kinder, die praktisch hier aufgewachsen sind, einen „humanitären Härtefall“, zumal Emini, der gezwungen wurde, für die serbische Polizei zu arbeiten, traumatisiert sei. Der Petitionsausschuss gewährte jedoch nur, dass die Familie Rama bleiben darf, bis der Älteste den Schulabschluss hat. Rama weiß nicht weiter. Seine Kinder sprechen fließend Deutsch, ein bisschen Roma, aber keine Sprache, in der sie auf dem Balkan dem Unterricht folgen könnten. Sein Haus ist zerstört. Er hat Angst um seine 16-jährige Tochter.

Ihr Wunsch: Arbeiten

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Solche Gedanken gehen den Männern und Frauen durch den Kopf, wenn sie die Tage in der Gemeinschaftsunterkunft Windprechtstraße verbringen. Arbeiten dürfen sie nicht, was sie frustriert. „Ich will das nicht geschenkt“, sagt Rama, gelernter Maler. „Ich habe einen Kopf, Hände – ich habe alles zum Arbeiten.“ Inzwischen hat er chronische Migräne, seine Frau Depressionen. Ablenkung soll ein Gemüsegarten bringen. Im Gegensatz zu den meisten anderen Einrichtungen ist genug Platz da. Die Menschen wohnen in Häusern, die 1991 eigens für Migranten errichtet wurden: Aussiedler, die damals zu Tausenden die Ex-Sowjetunion verließen. Inzwischen wohnen dort 165 Asylbewerber sowie 70 Aussiedler und Kontingentflüchtlinge, letztere vor allem Ex-Mitarbeiter der Bundeswehr in Afghanistan, die vom Tod bedroht sind. Zwischen den Häusern liegen Grünflächen. Die sorgten aber auch für Ärger. Im Sommer verlassen die Leute ihre Wohnungen, die sich aufheizen. Nachbarn beschwerten sich über den Lärm spätnachts. Es gab Gespräche, Security kontrollierte, letzten Sommer rückte die Polizei an. Dann war Ruhe. Auch Zeiten, als Flüchtlingskinder mit Steinen auf die Nachbarn warfen, sind vorbei.

Hilfe von Pfarrgemeinden

Nun sind zehn Beete angelegt. Die Kirchengemeinden St. Anna und St. Anton gaben Geld für Geräte und Pflanzen. „Die Menschen erleben sonst nicht oft, dass etwas wächst“, sagt Pfarrer Thomas Hegner. Mitglieder kümmern sich auch sonst um Asylbewerber, geben etwa afrikanischen Frauen „Unterricht“ in Familienplanung. Bei einem „Running Dinner“ essen Augsburger und Migranten gemeinsam – jeder Gang bei einer anderen Familie. Flüchtlinge tun sich nicht leicht, Augsburg und die Augsburger kennenzulernen. „Viele sind schüchtern“, sagt Kathrin Holly, die nebenan wohnt. Sie versteht das Arbeitsverbot nicht: „Man stellt eine Parallelwelt her mit eigenen Werten, einem eigenen Rhythmus. Und wenn die Leute dann nach Jahren rausdürfen, sollen sie funktionieren.“ Rama, selber Moslem, war einmal in der Annakirche, ein Gemeindemitglied hat sie ihm gezeigt. Sonst kennt er keine Sehenswürdigkeiten. Aber es sei schön hier. „Deine Kinder sind sicher. Super.“

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