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Kunst

28.05.2015

Asylbewerber im Nobelquartier?

Für Verwirrung sorgt dieser fiktive Immobilienflyer, auf dem Flüchtlinge unter anderem per Boot im Textilviertel anlanden.
Bild: Anne Wall/Flyer: Rose Stach

Ein vermeintlicher Immobilien-Werbeflyer mit einem Flüchtlingsboot in Augsburg sorgt für Verwirrung. 

Ein volles Flüchtlingsboot treibt auf dem Schäfflerbach, Menschen auf der Flucht stranden in einem schicken neuen Augsburger Wohnviertel: Ein Faltblatt mit ungewöhnlichen Bildern aus dem Textilviertel sorgt für Verwirrung. „Wir dachten zuerst an einen geschmacklosen Scherz“, sagen Besucher, die den so bebilderten Flyer nach einem Restaurantbesuch im Textil- und Industriemuseum (tim) mitnahmen.

Auf den ersten Blick sieht das Faltblatt aus wie die übliche Immobilienwerbung. Und tatsächlich werden auf dem Gelände der früheren Augsburger Kammgarn-Spinnerei gerade neue Wohnungen vermarktet. Allerdings nicht die, die auf dem Prospekt zu sehen sind.

Eine Firma namens „Plebeia Immobilien“ bietet auf dem Flyer vielmehr längst bezogene Apartments an – unter dem Titel „Willkommen daheim“. Im Werbetext fallen emotionale Schlagworte wie Ehrlichkeit, Qualität und Lebensfreude. Aber was hat das Alles mit den Flüchtlingen auf den Bildern vor den Gebäuden zu tun? Gibt es vielleicht einen ausländerfeindlichen Hintergrund, wie andere Besucher im Museum vermuteten?

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Die Lösung des Rätsels: Das Faltblatt zählt zu den Ausstellungsstücken der aktuellen Schau mit dem Titel „Kunst/Stoff“. Der Ständer mit den Flyern im Foyer sei am Boden deutlich als Exponat markiert, sagt Museumschef Karl Borromäus Murr. Einen erklärenden Text gebe es für Besucher der Ausstellung zusammen mit der Eintrittskarte. Allerdings: Nicht alle im Museum gehen in die Schau. Auch Restaurantgäste kommen an dem Ständer vorbei und sind zum Teil irritiert, wenn sie den Flyer in die Hand nehmen. Murr sagt, Beschwerden habe es aber noch nicht gegeben.

Hinter der Aktion steckt die Münchner Multi-Media-Künstlerin Rose Stach. „Ich habe den Standort für die Flyer gezielt ausgewählt“, sagt sie. Ihr geht es darum, zunächst Verwirrung zu schaffen, um dann die volle Aufmerksamkeit des Betrachters zu bekommen. In ihrer Arbeit „Willkommen daheim“ hat sich Stach mit dem Umfeld des Textilmuseums auseinandergesetzt: „Ich habe mich gefragt, wer dort willkommen ist“. Stach greift vor allem das aktuelle Flüchtlingsdrama auf. In ihrer Montage stellt sie die heile Welt der deutschen Immobilienwerbung dem Elend der Menschen gegenüber, die aus ihrer Heimat fliehen müssen und letztlich hier anlanden.

Sie wünscht sich, dass ein Nachdenken einsetzt über das Luxusproblem, eine schöne Wohnung in einem guten Wohnquartier zu bekommen, während Menschen in vielen anderen Regionen der Welt in nackter Existenzangst leben. Stach versichert: „Ich wollte keine Firma durch den Kakao ziehen, wir Bürger müssen aber eine Haltung zum Flüchtlingsproblem finden.“ Gezielte Provokation ist aus ihrer Sicht ein Mittel, dass Besuchern die Schau im tim in Erinnerung bleibt.

Kunst/Stoff im Textilmuseum an der Provinostraße 46 läuft bis 29. November. 17 Künstler haben das Museum ästhetisch auf den Kopf gestellt. Mit der Schau wagt das Landesmuseum fünf Jahre nach seiner Eröffnung eine neue kulturelle Positionsbestimmung.

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