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Augsburg

14.11.2018

Asylhelfer erzählen: Was ist geblieben von der Willkommenskultur?

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Willkommenskultur in Augsburg: Mit großen Lettern „Welcome to Augsburg“ wurden Flüchtlinge im Herbst 2015 in der Turnhalle der Reischleschen Wirtschaftsschule empfangen. Sie nahmen auf den Bänken Platz und warteten auf ihre medizinische Untersuchung. In der Notunterkunft blieben sie nicht lange: Von dort aus ging es in andere Einrichtungen in der Region.

Im Herbst 2015 war die Hilfsbereitschaft groß. Und jetzt? Fünf Augsburger Flüchtlingshelfer erzählen offen von Erfolgen, Dankbarkeit - und auch Enttäuschungen.

Frau Dabbelt, Sie haben sich im Herbst 2015 beim Augsburger Verein „Tür an Tür“ als Ehrenamtliche gemeldet. Seither geben Sie dort Deutschkurse. War die Flüchtlingswelle der Grund dafür, dass Sie dort eingestiegen sind?

Evita Dabbelt: Nein. Ich habe das eigentlich gar nicht so mitbekommen. Ich hatte sowieso vor, mich in der Flüchtlingsarbeit zu engagieren. Ich habe im Internet vom Verein „Tür an Tür“ gelesen. Das war für mich mit ein Grund, für das Studium nach Augsburg zu gehen. Ich hatte auch schon vorher, bei mir zuhause, einem Mädchen aus Armenien geholfen.

Margot Laun: Es gab damals, vor allem im Herbst 2015, ein sehr großes Interesse an der Flüchtlingshilfe. Ich hatte zeitweise pro Woche 30 Anrufer, die bei uns im Verein „Tür an Tür“ mithelfen wollten. Die meisten wollten eigentlich Tee kochen und Brote schmieren. Sie haben gesehen, was in München am Bahnhof passiert, und haben gesagt, das wollen wir in Augsburg auch machen. Es war gar nicht so einfach, den Interessenten deutlich zu machen, dass die Menschen, die hier nach Augsburg kommen, eigentlich etwas anderes brauchen. Es gab manche, die im Gespräch mit mir dann festgestellt haben, dass sie eigentlich gar keine Zeit haben. Aber es war einfach eine Bewegung damals, viele wollten was machen und mit dabei sein.

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Wie groß ist das Interesse heute?

Margot Laun: Das hat sich komplett geändert. Wenn sich heute ein Interessent pro Woche meldet, ist es schon super. Diejenigen, die sich jetzt bei uns melden, haben sich aber schon konkrete Gedanken gemacht. Sie wissen, was sie zeitlich leisten können und was sie inhaltlich machen möchten. Meistens entscheiden sich die Menschen dann für ein Engagement, wenn sie neu in die Stadt ziehen oder sich etwas in ihrem Leben ändert, zum Beispiel beim Eintritt in den Ruhestand.

Wie viele Helfer, die im Jahr 2015 dazu gekommen sind, sind heute noch dabei?

Margot Laun: Es ist ein beachtlicher Teil hängen geblieben. Ich würde sagen, dass heute etwa ein Viertel derer, die 2015 dazu gekommen sind, auch noch dabei sind.

Birgit Ritter: So sehe ich es auch. Es haben sich in den Stadtteilen damals 13 Helferkreise gebildet. Sie sind alle nach wie vor aktiv. Teils läuft deren Arbeit jetzt gerade aus, weil viele Flüchtlinge nun schon seit mehreren Jahren hier sind und einfach weniger Unterstützung brauchen. Teils geht es aber auch gerade wieder los, weil über den Familiennachzug neue Menschen kommen, die zum Beispiel Deutsch lernen müssen. In Haunstetten waren es im Helferkreis zeitweise bis zu 80 Personen, davon sind heute etwa 20 geblieben. Teilweise werden auch Helfer wieder reaktiviert, etwa in Inningen und Kriegshaber, wo jetzt die Ankerzentren eingerichtet worden sind. Bei einer Infoveranstaltung in Inningen kamen kürzlich 40 Leute.

Flüchtlingshelfer im Gespräch (von rechts): Margot Laun, Evita Dabbelt, Baraa Morad, Isabella Geier und Birgit Ritter treffen sich mit den AZ-Redakteuren Miriam Zißler (links) und Jörg Heinzle.
Bild: Silvio Wyszengrad


Isabella Geier: In unserem Helferkreis in der Hammerschmiede sind auch etwa ein Viertel der Helfer geblieben. Aber wenn man etwas Bestimmtes sucht, zum Beispiel Einrichtungsgegenstände für eine Wohnung, dann kommt aus allen möglichen Ecken noch Unterstützung. Auch von jenen, die heute nicht mehr so aktiv sind.

Frau Geier, sie sind seit den 1980er-Jahren in der Flüchtlingsarbeit engagiert. Wie haben sie das Jahr 2015 erlebt?

Isabella Geier: Das war schon etwas Außergewöhnliches. Einfach von der Masse der Menschen, die plötzlich zu uns gekommen ist. In den 1980er-Jahren, als ich mit der Flüchtlingsarbeit begonnen habe, habe ich mich mehr um Einzelne gekümmert. Es gab damals ein Flüchtlingsheim nahe dem Lech. Wir hatten dann zum Beispiel eine Kinderspielgruppe und eine Frauengruppe. Und man war damals als Helfer auch mehr auf sich alleine gestellt. Dass überall Helferkreise entstanden sind, das war auch etwas Neues im Jahr 2015.

Birgit Ritter: Durch diese Helferkreise ist auch in den Stadtteilen viel passiert, das ist vielen gar nicht so bewusst. Es sind dabei viele Bekanntschaften und Freundschaften unter den Bewohnern der Stadtteile entstanden. Das bereichert viele. Man kennt jetzt andere, die ähnlich denken und mit denen man auch mal reden kann. So kann man sich auch gegenseitig stützen, wenn es Probleme gibt. Das finde ich für den sozialen Zusammenhalt und den gesellschaftlichen Frieden in unseren Stadtteilen sehr wichtig.

Wie kamen Sie damals überhaupt zur Flüchtlingshilfe, Frau Geier?

Isabella Geier: Ich habe vier Kinder. Als sie klein waren, bin ich am Lech spazieren gegangen und habe das Flüchtlingsheim gesehen. Ich bin einfach mal rein und habe einen Betreuer gefragt, ob ich helfen kann, zum Beispiel mit Deutschunterricht. Dann hat er mich tatsächlich gefragt: Warum wollen Sie das machen? Sind Sie unglücklich verheiratet? Das war 2015 nicht mehr so. Da hat keiner gefragt, warum man helfen will.

Sie opfern für die Arbeit viel Freizeit. Was motiviert Sie dazu?

Isabella Geier: Man bekommt mit der Zeit ein großes interkulturelles Verständnis. Das ist eine Bereicherung. Und man lernt auch tolle Menschen kennen. Der erste Flüchtling, den ich intensiv begleitet habe, kam aus dem Iran. Er ist inzwischen schon lange Ingenieur bei einer Firma in München. Er ist verheiratet, hat Kinder, ein Haus. Wir sehen uns heute natürlich nicht mehr so oft, aber der Kontakt zu ihm besteht noch immer.

Papierkram: Bei Post von Ämtern und Behörden brauchen Flüchtlinge oft Hilfe.

Evita Dabbelt: Es ist mir schon immer wichtig gewesen, etwas im sozialen Bereich zu machen. Es ist der Kontakt mit verschiedenen Menschen, die Menschlichkeit und auch die Dankbarkeit, die man spürt.

Birgit Ritter: Für viele Ehrenamtliche ist es ein Ansporn, dass sie etwas Sinnvolles tun, wozu sie aber nicht durch Job oder Familie verpflichtet sind. Sie wollen sich auch selbst ausprobieren. Isabella Geier: Ich habe mir auch immer gedacht, wenn sich möglichst viele von uns engagieren und den Menschen, die hierher kommen, helfen, dann gibt es auch viel weniger Probleme.

Im Jahr 2015 gab es bei den Menschen viel Sympathie für die Flüchtlinge. Es war von einer „Willkommenskultur“ die Rede. Das hat sich teilweise gewandelt. Es gibt Diskussionen, wie viel Zuwanderung unser Land verkraftet. Die AfD feiert Wahlerfolge. Spüren Sie, dass sich da in der Gesellschaft etwas verändert hat?

Evita Dabbelt: Ich denke, es hängt sehr stark vom sozialen Umfeld ab, in dem man sich bewegt. Ich persönlich erlebe bisher keine Ablehnung, weil ich mich für Flüchtlinge einsetze. Aber ich bin hier in Augsburg natürlich auch mehr von Menschen umgeben, die ähnlich ticken wie ich. Ich komme vom Land. Dort ist es nicht wirklich ein Thema.

Birgit Ritter: Es gibt schon auch andere Fälle. Ich habe auch von Freiwilligen gehört, die gesagt haben, bei ihnen gehe jetzt ein Riss durch die Familie oder durch Freundschaften. Diese Freiwilligen haben es schon gespürt, dass es nicht alle gut finden, wenn man sich in der Flüchtlingshilfe engagiert.

Margot Laun: Das ist erstaunlich. Ich bin ja auch viel im Gespräch und höre so gut wie gar nichts von Ablehnung. Vermutlich hat es auch den Grund, dass ich viel mit Gleichgesinnten zu tun habe. Ich habe es eigentlich erwartet, dass da mal was Negatives kommt. Aber ich erlebe es bisher so gut wie nicht. Es ist eher so, dass manche Helfer, die nicht so überzeugt sind von dem, was sie in der Asylhilfe tun, nicht mehr auftauchen. Diese große Hilfswelle, die damals mit der sogenannten Flüchtlingswelle einherging, ist eindeutig abgeebbt. Es war damals einfach schick, bei der Hilfe dabei zu sein. Das ist nun anders. Wer jetzt dabei ist, macht das sehr bewusst.

Wurden Sie schon einmal von Flüchtlingsgegnern beschimpft?

Margot Laun: Mein Kollege und ich, wir erhalten in regelmäßigen Abständen anonyme Post. Es handelt sich um Zeitungsausschnitte, die Geflüchtete nur in negativem Zusammenhang zeigen. Es kommt ab und zu auch vor, dass jemand am Telefon ist und uns wegen unserer Arbeit angreift. Ich sage dann eben, dass ich mich auf dieser Ebene nicht unterhalte und lege wieder auf. Das ist aber zum Glück selten der Fall. Und man erlebt auch, dass das Thema Zuwanderung nicht immer so wichtig ist, wie es vielleicht manchmal scheint. Ich war kürzlich bei der Bürgerversammlung der Stadt. Von 32 Bürgern, die sich dort zu Wort gemeldet haben, hatte keiner etwas zu den Themen Flüchtlinge oder Migration zu sagen.

Wartezeit: In der provisorischen Erstaufnahmeinrichtung in der Berliner Allee kamen Flüchtlinge zeitweise zunächst in Quarantäne, da Fälle von Windpocken auftraten.

Wie oft kommt es vor, dass ehrenamtliche Flüchtlingshelfer enttäuscht sind, weil sich ihre Erwartungen nicht erfüllen?

Birgit Ritter: Das kann natürlich passieren. Deshalb ist die Schulung so wichtig, die wir beim Freiwilligenzentrum mit den Helfern machen. Um zu erklären, warum ein Flüchtling vielleicht gerade gar nicht den Kopf frei hat, um schnell deutsch zu lernen. Die Helfer lernen dabei, dass sie manche Dinge einfach nicht persönlich nehmen dürfen. Viele Menschen, die hier ankommen, tragen noch eine große unsichtbare Last auf dem Rücken. Manche haben auch Schulden, weil sie die Schleuser bezahlen mussten. Deshalb wollen zum Beispiel manche nicht in die Ausbildung, sondern lieber sofort in einen Job, mit dem sie Geld verdienen. Es ist wichtig, dass Helfer nicht vollkommen blauäugig an die Sache herangehen. Es geht in der Schulung auch um die Frage von Nähe und Distanz. Ich habe es als Helfer ja mit Menschen zu tun, denen ich auf Augenhöhe zu begegnen habe. Ich muss niemanden bemuttern, der schon erwachsen ist. Und ich muss auch auf meine eigenen Grenzen schauen. Wie viel kann ich leisten und ist es mir nicht zu viel? Es ist ja ein Ehrenamt und soll auch noch Spaß machen.

Margot Laun: Ein ganz wichtiger Punkt ist: Mit welcher Erwartung gehe ich in mein Engagement? Ich habe schon auch Mitglieder von Helferkreisen erlebt, die eine sehr klare Vorstellung hatten, von dem, was ein Geflüchteter tun soll – aus ihrer Sicht. Ich habe Frauen erlebt, die von einem Flüchtling gesagt haben, den lasse ich hier studieren. Er hatte aber nur zwei Jahre die Schule in Afghanistan besucht. Theoretisch ist da ein Studium schon möglich, aber praktisch ist es eben sehr schwierig. Die Motivation der Ehrenamtlichen war gerade im Jahr 2015 ganz unterschiedlich. Da gab es den Pragmatiker und dann gab es zum Beispiel den, der eigentlich einsam war und Anschluss brauchte. Je nachdem, was die Motivation war, wurde man mehr oder weniger glücklich mit dem Engagement.

Hatten Sie bei Ihrer Arbeit schon mal einen Moment, in dem Sie aufhören wollten?

Isabella Geier: Frustrierende Erlebnisse gibt es natürlich auch. Wenn man jemandem etwa ein Praktikum besorgt hat und er geht da nicht hin. Man hat alles schon vorbereitet, und dann war es umsonst. Das gibt es. Aber es hält sich die Waage. Es gibt eben auch viele Fälle, in denen es super läuft. Ab und zu braucht man mal eine Pause. Aber dass ich aufhöre, habe ich noch nie in Erwägung gezogen. Die Aufgaben sind ja einfach da.

Birgit Ritter: Was auch die Helfer enorm belastet, sind die Fälle, in denen Flüchtlinge abgeschoben werden. Oder auch die sogenannte Drei-Plus-Zwei-Regelung – dass man für die Zeit der Lehre und zwei Jahre danach bleiben darf, darüber hinaus aber Ungewissheit besteht. Das ist auch für die ehrenamtlichen Helfer sehr frustrierend. Isabella Geier: Für Flüchtlinge ist die Lebenssituation schwierig, erst recht, wenn ihr Asylantrag abgelehnt wird. Sie können nicht am normalen Leben teilnehmen. Sie haben nur wenig Geld, wohnen mit mehren Menschen in einem Zimmer. Und dann kommt auch noch der Druck aus der Heimat, etwa, wenn ein Verwandter operiert werden muss und dafür Geld gebraucht wird. Sie befinden sich oft in einer großen Zwangssituation.

Die Politik hat angekündigt, abgelehnte Asylbewerber konsequenter abzuschieben. Spüren Sie das bei Ihrer Arbeit?

Isabella Geier: Auf jeden Fall. Dass die Politik nach rechts gerückt ist, erlebt man als Helfer ganz klar. Und diesen Druck bemerkt man dann natürlich auch bei den Flüchtlingen. Sie wachen zum Beispiel nachts panisch auf und träumen, sie seien schon abgeschoben worden. Für mich sind diese Ankerzentren auch etwas Schlimmes. Dass einfach alle Flüchtlinge eine sehr lange Zeit hinter Zäunen verbringen müssen, ohne Zugang für Helfer. Dass das in Deutschland möglich ist, ist für mich wirklich ein Schock.

Evita Dabbelt: Bis jetzt wird es nicht überall umgesetzt, nur in Bayern und Sachsen. Isabella Geier: Ja. Aber die Große Koalition auf Bundesebene hat das abgesegnet.

Herr Morad, Sie sind im Jahr 2015 aus Syrien nach Deutschland gekommen und engagieren sich heute selbst für Flüchtlinge. Wie kam es dazu?

Baraa Morad: Ich bin über Italien nach Deutschland gekommen. Erst war ich in einem Heim in München, dann kam ich nach Aystetten. Ich war dann zwischendurch noch mal als freiwilliger Helfer in Italien. Nach Augsburg bin ich wieder gekommen, weil hier meine Brüder leben. Ich habe begonnen, Deutsch zu lernen. Und ich bin über die Integrationsgruppe zum Verein „Tür an Tür“ gekommen. Ich habe gesagt, dass ich auch gerne helfen würde. Zum Beispiel übersetzen, vom Arabischen ins Englische. Ich helfe gerne anderen, das ist mir wichtig. Oft reicht ein Lächeln, um jemanden wieder aufzubauen. Das ist ein gutes Gefühl. Die Leute bei „Tür an Tür“ sind für mich wie eine Familie.

Wie sehen Ihre Pläne für die Zukunft aus?

Baraa Morad: Ich würde gern hierbleiben und den Rest meines Lebens hier verbringen. Ich wüsste gar nicht, was ich in Syrien machen soll. Dort müsste ich auch noch einmal ganz neu anfangen. Ich kenne hier in Augsburg so viele nette Menschen. Ich wohne mit meinen beiden Brüdern in einer Wohnung in Oberhausen. Ich war in Damaskus Student im Bereich Wirtschaft. Mein Plan ist, mich am Klinikum ab April zum Krankenpfleger ausbilden zu lassen. Dafür muss ich jetzt noch einen Sprachtest machen. Hoffentlich klappt alles.

Haben Sie negative Erfahrungen mit Menschen gemacht, die Flüchtlinge ablehnen?

Baraa Morad: Ja, ich war ja an vielen Orten. In Griechenland, in Italien, hier in Deutschland. Es gibt immer wieder Leute, die aggressiv sind und etwas gegen Flüchtlinge haben. Einer hat mich im Supermarkt wegen meines Bartes angesprochen. Er hat gesagt, früher hätten wir Dich rasiert. Ich bin ruhig geblieben und habe gesagt, es ist gut, dass es heute anders ist. Es gibt in jedem Land nette und weniger nette Menschen. Das ist eben so.

Der große Flüchtlingszustrom liegt jetzt drei Jahre zurück. Welche Herausforderungen gibt es für die Helfer heute?

Margot Laun: Die Bedürfnisse haben sich stark verändert. Sie sind viel spezieller geworden. Wir sehen es auch bei den Deutschkursen. Es ist schwieriger, passende Gruppen zu finden, weil sich fast jeder in einer anderen Situation befindet und einen anderen Kenntnisstand hat. Und die größte Sorge, abgesehen von den möglichen politischen Entwicklungen, ist einfach, dass wir jetzt viele Flüchtlinge haben, die in Ausbildung sind. Sie sind zwar im Betrieb oft sehr gut. Aber sie haben Probleme an der Berufsschule, weil sie dort die ganz normalen Fachklassen besuchen und sprachliche Schwierigkeiten haben. Das ist so schade. Ich kenne zum Beispiel den Fall eines Steinmetzes aus dem Irak, der sehr gut im Betrieb war, aber an der Berufsschule gescheitert ist. Er ist jetzt als ungelernte Kraft tätig und kommt nicht weiter. Oft ist die Sprache entscheidend, wer aber in seiner Heimat nur zwei Jahre Schule hatte, dem fehlen auch noch andere Kenntnisse.

Ausgemistet: Augsburger spendeten Flüchtlingen bergeweise Kleidung, Schuhe und Spielzeug. Die Initiative „Übergepäck eines Flüchtlings“ übernahm die Verteilung.

Isabella Geier: Was immer ein Thema ist, ist die Hilfe beim Kontakt mit Ämtern. Es ist ja schon für einen Deutschen oft nicht einfach, ein Formular einer Behörde richtig auszufüllen. Dazu kommt oft ein Wirrwarr an Zuständigkeiten verschiedener Ämter. Flüchtlinge denken sich da manchmal zu Recht: Wie soll ich das alles nur schaffen?

Evita Dabbelt: Ein großes Thema bei den Flüchtlingen ist einfach die Unsicherheit, dass man nicht weiß, was kommt. Oder dass der Asylantrag abgelehnt worden ist. Ich habe auch einen Syrer kennengelernt, der gesagt hat, er würde am liebsten zurück gehen, weil er sich hier so alleine fühle. Viele Flüchtlinge hätten auch gerne mehr Kontakt zu Deutschen, etwa um die Sprache besser zu lernen. Aber das ist schwierig. Isabella Geier: Das erlebe ich auch so. Dass Flüchtlinge schon drei Jahre hier sind, eine Ausbildung machen, zur Berufsschule gehen und privat aber noch keine Deutschen kennen. Es ist schade, dass da so eine Schranke vorhanden ist. Ich kenne Flüchtlinge, die sogar im Fußballverein sind. Aber es geht nicht so weit, dass sie auch mal von Deutschen eingeladen werden. Da habe ich oft das Gefühl: Es gibt zwar die Forderung an Flüchtlinge, ihr müsst euch integrieren. Aber es geschieht nicht in gleichem Maße, dass man auch auf sie zugeht. Das finde ich schade.

Was kann man da tun, um Flüchtlinge besser einzubinden?

Margot Laun: Es wird gerade deshalb wichtig, verstärkt Angebote zu machen, bei denen Flüchtlinge aktiv mitarbeiten. Damit sie auch mal wieder zeigen können, was sie können. Das darf nicht zu kurz kommen. Es ist für viele das Schlimmste, dass sie hier ankommen und dabei quasi auf Null gesetzt werden. Sie haben das Gefühl, man schaut nur auf die Defizite. Dabei können sie oft viel. Ich kenne Geflüchtete aus Albanien, die zum Teil drei, vier oder fünf Sprachen beherrschen, fließend in Wort und Schrift. Aber wir registrieren das gar nicht, weil es keine ökonomisch verwertbaren Sprachen sind. Wir haben jetzt die Chance, dem Einzelnen mehr gerecht zu werden, weil weniger Flüchtlinge kommen als vor drei Jahren. Im Jahr 2015 kam das etwas zu kurz.

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Die Diskussion ist geschlossen.

15.11.2018

>> Frustrierende Erlebnisse gibt es natürlich auch. Wenn man jemandem etwa ein Praktikum besorgt hat und er geht da nicht hin. Man hat alles schon vorbereitet, und dann war es umsonst. Das gibt es. Aber es hält sich die Waage. <<

Hält sich die Waage ?!

War das wirklich die Aussage?

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