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Stadtgeschichte Augsburg

10.10.2017

Auf Heller und Pfennig

Die Transkription der Baumeisterbücher ist zweibändig erschienen.
Bild: Wißner

Wie viele Steuern zahlten die Huren im 14. Jahrhundert? Was kostete eine Hinrichtung? Was Sie schon immer über den Alltag im mittelalterlichen Augsburg wissen wollten.

24 Regalmeter Papierseiten, einige von ihnen 700 Jahre alt und damit einmalig in Deutschland: die Baumeisterbücher im Stadtarchiv. Der ehemalige Pharmareferent Dieter Voigt (78) begann 2004 ein Geschichtsstudium in Augsburg und erforschte anschließend für seine Doktorarbeit jene 14 Rechnungsbücher, die die städtischen Baumeister zwischen 1320 und 1398 im Rathaus anlegten. Insgesamt decken die Aufzeichnungen die Entwicklung der Stadt bis 1789 ab. Voigt stürzte sich in eine Pioniersarbeit, urteilt sein Doktorvater Martin Kaufhold bei der Vorstellung der zweibändigen, jetzt im Wißner-Verlag erschienenen daraus entstandenen Doktorarbeit. Die Schwäbische Forschungsgesellschaft, der Autor und die Universität präsentierten die Publikation im Rathauses.

Die Bücher selbst sind in Serie zwischen 1320 und 1789 erhalten - das allein sei schon sensationell und bisher einzigartig in Deutschland, so der Mittelalterhistoriker Kaufhold. Bei Voigt können andere Wissenschaftler bis in die Einzelheiten studieren, wie in einer mittelalterlichen Stadt nach ihrer 1297 erstrittenen Emanzipation vom Bischof der Aufbruch in eine moderne, kontrollierbare Verwaltung organisiert wurde.

Das Baureferat arbeitete zügig

Teuer waren Gerichtsbarkeit und Botenwesen. Ein Todeskandidat kostete inklusive des „Waibels“ (Gerichtsdiener), zehn Tagen Gefängnis sowie Hinrichtung und Abtransport 880 Gulden. Die größte Kostengruppe jedoch waren die Baumaßnahmen. Wöchentlich, so erläutert Voigt, sind teure Reparaturen an Gebäuden und Kanälen verzeichnet. Allerdings arbeitete das Baureferat auch zügig, wie eine Ausgabenliste von 1369 zeigt. Der Rat hatte ein neues Tor am Schwibbogen beschlossen, und schon eine Woche später tragen die Baumeister die ersten bezahlten Rechnungen in die Bücher ein.

Was damals in der Geldbeschaffung möglich war, zeigt die Krönung Ludwig des Bayern. Der Rat wollte ihm 1000 Pfund schenken, ein Drittel des städtischen Jahreshaushalts. Unter Mitwisserschaft des Oberbürgermeisters ließ die Stadt aus Geldmangel kurzerhand zwei Kanoniker des Bischofs entführen, erpresste von dem Kirchenoberhaupt 600 Pfund, legte den Rest dazu und trug die Summe aus den Büchern säuberlich wieder aus. Verlass war hingegen auf die Abgaben der Prostituierten. 1368 gingen wöchentlich zwei Pfennige pro „schöne Frau“ ein. Ein Diagramm von Voigt zeigt: Die Zolleinnahmen an den Stadttoren lagen dauerhaft weit unter diesen Abgaben. Doch die Frauen waren der Stadt auch etwas wert: Die Renovierung der Huren-Schaufenster, Investitionen in ihren Steg am Fischertor und die Klagen gegen renitente Freier gingen zu Lasten der öffentlichen Kasse.

Knapp unter der schwarzen Null

Die frühe städtische Fürsorge ist ebenfalls dokumentiert. Für die „Sternin“, die sich um Waisenkinder kümmerte, zahlte die Stadt regelmäßig Holz- und Getreidelieferungen, Milch, Geldpauschalen und Stoffe für die Kinder. Sogar die Rechnungen eines Baders für ein Jahr Kinderbaden sind überliefert. Insgesamt wirtschaftete die Stadt in Voigts Untersuchungszeitraum bis 1398 bei einer 570-prozentigen Inflation übrigens knapp unter der schwarzen Null.

Die erste Dissertationsband von Voigt ordnet die Bücher historisch ein und beschreibt die Berufsgruppen und Ämter, die vermerkt sind. Der zweite Band zeigt auf 900 Seiten die transkribierten Texte der Baumeister. Auf der beigefügten CD findet sich der gesamte Datensatz digital, so dass Interessierte mit der Suchfunktion auf Mausklick recherchieren können, wie viel Geld einzelne Kostengruppen in welchem Zeitraum verschlangen. Langweilig wird Voigt übrigens nicht: Er hat schon die Transkription der folgenden, zwischen 1400 bis 1437 angelegten 23 Baumeisterbücher in Arbeit.

"Dieter Voigt: Die Augsburger Baumeisterbücher des 14. Jahrhunderts; zwei Bände, 1160 Seiten, CD, Hardcover, Wißner-Verlag, 65 Euro

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