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Augsburg

17.05.2018

Auf den Spuren des grünen Textilviertels

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Was von der Idylle des Textilviertels heute geblieben ist, wollten die Interessenten in Erfahrung bringen, die sich einem zweistündigen Stadtteilrundgang mit Xaver Deniffel anschlossen.
Bild: Bernd Hohlen

Mehr als 50 Interessenten bei Xaver Deniffels Führung durch eine städtische Oase.

Für viele Augsburger ist es normal, dass sie vom Lechhauser Industriegebiet bequem über die Afra-Brücke zur City Galerie und bei Bedarf weiter Richtung Haunstetten fahren können. Das Textilviertel ist ihnen ein Begriff, aber dass sie auf der Amagasaki-Allee mitten hindurch fahren, dürfte etlichen Bürgern nicht bewusst sein. Aber die Neugier auf diesen Stadtteil ist groß. Mehr als 50 Interessenten kamen zu einer Führung des Freundeskreises Gärtnerhaus mit Xaver Deniffel unter dem Titel „Grünachse Textilviertel“ – sowohl Neuzugezogene als auch alteingesessene Augsburger.

Deniffel, der auf der Liste der Grünen für den nächsten Bezirkstag kandidiert, wollte mit einem rund zweistündigen Spaziergang verdeutlichen, wie das Textilviertel einmal aussah, was sich in den vergangenen rund 20 Jahren verändert hat und noch verändern wird, vor allem aber, welche Auswirkungen das auf das Stadtgrün hat. Das Gärtnerhaus, für dessen Erhalt sich der Freundeskreis ursprünglich eingesetzt hat, wurde 2016 abgerissen. Das Textilviertel war einmal eine einzigartige Grünoase in der Stadt. Hier standen Textilfabriken aus dem 19. Jahrhundert, Siedlungen mit Textilarbeiterwohnungen und ein paar Fabrikantenvillen. Umgeben waren sie großräumig von weitgehend unkultivierten Wiesen, Büschen und Bäumen, nur spärlich von Wegen durchzogen. Die Flächen waren ursprünglich für Erweiterungen der Betriebe gedacht, die aber vor allem in Folge des Ersten Weltkriegs niemals realisiert wurden.

Ausgangspunkt AKS

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Deniffel sagte, er wolle die Entwicklung zugespitzt darstellen, und dafür ist er auch bekannt. Ausgangspunkt war die ehemalige Augsburger Kammgarn-Spinnerei (AKS), in der heute unter anderem das Textil- und Industriemuseum tim untergebracht ist. Hier befand sich laut Deniffel der Provinopark, von dem große Teile der sogenannten Schleifenstraße und in jüngerer Vergangenheit einer Reihe von Mehrfamilienhäusern geopfert wurden. Es sei nicht gewünscht, dass die allgemeine Bevölkerung hier ein Parkerlebnis habe, kritisierte er das planerische Vorgehen. Ebenso verhält es sich laut Deniffel mit dem Martinipark.

Er war tatsächlich abgesperrt, als die Gruppe dort eintraf. Es ergab sich aber, dass gerade ein Auto aus dem Park herausfuhr, sodass sie hineinschlüpfen konnte. Hier stand früher das erwähnte Gärtnerhaus. Die Fabrikantenfamilie Martini, die hier Textilveredelung betrieb, gehörte um 1900 der damaligen Reformbewegung an und legte Wert darauf, sich aus dem eigenen Garten zu ernähren. Dazu wurde das Gärtnerhaus erbaut, das nicht denkmalgeschützt, aber dennoch ortsprägend war. Der Martinipark wird gerade dicht mit Mehrfamilienhäusern bebaut.

Nicht nur ein Großteil des Parks verschwindet, sondern es sollen offenbar auch Häuser an der Schäfflerbachstraße durch Neubauten ersetzt werden. Eine Bewohnerin, die sich der Gruppe hinzugesellte, sagte, sie höre nur Gerüchte; auch in der Stadtverwaltung gebe es auf Nachfrage nur vage Auskünfte. Sie fürchtet, dass sie angesichts des Immobilienbooms keine gleichwertige Wohnung findet, wenn ihr Haus abgerissen wird. Nach Informationen von Teilnehmern des Rundgangs gibt es jedenfalls einen Bebauungsplan, der entsprechende Neubauten vorsieht.

Heute auch Kunstmuseum

Weiter ging die Tour zum Glaspalast, einem Werk der Mechanischen Baumwoll-Spinnerei und Weberei Augsburg (SWA), der heute unter anderem Kunstmuseen beherbergt. Dessen Shedhallen wurden schon vor einigen Jahren zugunsten neuer Wohnhäuser beseitigt. Deniffel kritisierte, es ergebe sich hier nun der Eindruck eines Neubaugebiets, nicht eines industriegeschichtlich bedeutenden historischen Viertels. Generell bemängelte er an den neuen Häusern im Textilviertel, dass sie meist nur dreistöckig sind. Hätte man höher gebaut, wie es dem Charakter einer Stadt wie Augsburg entspreche, hätten sie weniger Platz eingenommen.

Deniffel hätte sich eine Grünachse durchs Textilviertel gewünscht. Dann könnte man die prägenden Lechkanäle, den Schäfflerbach, den Fichtelbach, den Hanreibach und den Proviantbach, beim Durchwandern oder Durchradeln erleben. Das würde auch zum angestrebten Weltkulturerbe Wasser passen. Einen Fuß- und Radweg soll es laut Deniffel nur teilweise geben („ein Flickwerk“), und er werde nur drei Meter breit sein. Radler und Fußgänger würden sich so gegenseitig Probleme bereiten.

Nicht nachvollziehbar sei, dass im Westen Augsburgs im Bereich des Sheridan-Parks eine Grünachse geschaffen werde, während hier eine bestehende mit Bedeutung für die Stadtgeschichte Stück für Stück zerstört werde. Deniffel zitierte aus dem Entwicklungskonzept des Textilviertels und bemängelte, die Politik setze nicht um, was sie ankündige. Prägende Stadtviertel würden Investoren ausgeliefert, der Denkmalschutz komme erst an zweiter und dritter Stelle. In einer Diskussion wurde eingewandt, Baupläne lägen rechtzeitig öffentlich aus, aber die Bürger interessierten sich nicht dafür. Erst wenn Bäume gefällt oder Häuser abgebrochen würden, gebe es einen Aufschrei.

Ein Teilnehmer gab sich durchaus selbstkritisch, als er sagte: Es wäre vielleicht etwas egoistisch zu meinen, nach ihm dürfe hier nichts mehr zugebaut werden. Da die Führung durchs Textilviertel so großen Anklang gefunden hat, erwägt Deniffel, ähnliche Rundgänge künftig monatlich anzubieten.

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