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Justiz

26.05.2015

Auf der Richterbank sitzt ein Blinder

Richter Moritz Bißwanger mit seinem Blindenhund Daggy im Sitzungssaal. Rechts Richter Walter Hell.
Bild: Peter Fastl

Wie Rechtsreferendar Moritz Bißwanger trotz Behinderung einen Prozess in Augsburg verfolgt

Es ist ein Routinefall, der an diesem Morgen im Sitzungssaal 112 im Strafjustizzentrum abgeurteilt wird. Es geht um eine Drogenfahrt nach Holland, bei der 30 Gramm Kokain geordert wurden. Drei Angeklagte, drei Verteidiger, drei Wachtmeister, im Zuschauerraum eine Berufsschulklasse. Auf der Richterbank Walter Hell, zwei Schöffinnen, rechts außen der Rechtsreferendar Moritz Bißwanger und sein Assistent Julian Kohler. Unter dem Tisch versteckt nimmt die siebenjährige Schäferhündin Daggy Platz – eine absolute Ausnahme von der strengen Sitzungsordnung im Gericht. Bißwanger packt seinen Laptop aus mit einer Braille-Zeile vor der Tastatur. Einen Bildschirm braucht der 26-Jährige nicht. Er ist seit seinem fünften Lebensjahr blind. Sein Berufsziel: Richter oder Anwalt.

Moritz Bißwanger, der nach mehreren Gehirntumoroperationen sein Sehvermögen verlor, hat weder in der Schule noch im Studium einen Bonus bekommen. Aber er hat drei wertvolle Helfer. Da ist einmal sein ausgebildeter Führhund, mit dem er durch ein Geschirr verbunden ist und der ihn sicher auch durchs dichteste Verkehrsgewühl leitet. Da ist die nach dem Erfinder der Blindenschrift benannte Louis-Braille-Zeile, ein kleines Gerät, mit dem er Buchstaben in Blindenschrift ertastet und so lesen kann – Texte, die er selbst eingegeben hat, juristische Kommentare, die im System hinterlegt sind. Und da ist Julian Kohler, sein Assistent, der ihn im Auftrag des Integrationsamtes zehn bis 15 Stunden wöchentlich begleitet, juristisches Material besorgt und einscannt. Oder, wie jetzt im Prozess, Moritz erklärt, was um ihn herum so vor sich geht, was er nicht sieht. Beispiel: Als kurz vor Beginn der Verhandlung der falsche Angeklagte aus der Haftzelle in den Sitzungssaal geführt wird, sorgt das für Lacher. Diese ungewöhnliche Geräuschkulisse kann Bißwanger nicht zuordnen. Kohler klärt ihn flüsternd auf. Da muss auch Bißwanger schmunzeln. Der blinde Rechtsreferendar tippt während der Verhandlung immer wieder Notizen in seinen Laptop. Was die Angeklagten sagen, die Plädoyers der Staatsanwältin, der Verteidiger. Denn nach der Verhandlung muss er ein Urteil schreiben und juristisch wasserdicht begründen. Wie Richter Hell auch. Der ist von seinem blinden Referendar begeistert: „Er macht fundiertere Urteile als viele der Sehenden.“ Der angehende Jurist hat nach dem ersten Staatsexamen schon mit seiner Doktorarbeit begonnen – mit einem naheliegenden Thema: „Die rechtlichen Probleme mit dem Hilfsmittel Blindenführhund“. Da gebe es schwierige Rechtsfragen zu klären, wenn beispielsweise ein Führhund einen Blinden falsch leitet und es zu einem Unfall kommt.

Der 26-Jährige, der allein wohnt und auch allein mit Hund Auslandsreisen unternimmt, hat sich schon in der Schule für alles Juristische interessiert und dann Jura studiert. „Da kommt es nicht so sehr auf das Sehvermögen an wie bei Medizin oder technischen Studiengängen“, nennt er einen der Gründe für seinen Berufswunsch. „Alles hängt natürlich von der Note im zweiten Staatsexamen ab, wohin der Weg einmal führt“, kann sich der Referendar noch nicht festlegen. Vielleicht zieht er mal die Robe an als Anwalt oder Richter für Sozialrecht oder geht in die Privatwirtschaft als Unternehmensberater für Umweltrecht.

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Bißwanger wird oft gefragt, ob sein Gehör besser entwickelt ist als das eines Sehenden. „Ich weiß es nicht, ich habe ja keinen Vergleich“, antwortet er. Es scheint aber doch so zu sein. So kann er an der Geräuschkulisse am Tramdreieck Königsplatz erkennen, auf welchem Bahnsteig er soeben aus der Tram ausgestiegen ist – auch wenn diese einmal wegen einer Umleitung anders als geplant eingefahren ist. Und Assistent Kohler bestätigt: „Moritz hört oft Dinge, die ich gar nicht wahrgenommen habe.“ Der blinde Rechtsreferendar geht durchaus selbstbewusst durchs Leben. Nicht leiden kann er, wenn er abschätzig behandelt wird. „Was will er denn haben?“, ist er schon ab und an am Fahrkartenschalter oder in einem Laden gefragt worden. „Da kann dann schon mal ein bissiger Kommentar von mir kommen“, sagt er.

Nach einem halben Jahr Ausbildung in der Zivilabteilung des Amtsgerichts genießt Moritz derzeit drei Monate Strafjustiz bei Walter Hell, ehe es zur nächsten Referendarstation bei der Regierung von Schwaben geht. Walter Hell ist des Lobes voll über seinen „Schüler“: „Moritz ist sehr höflich, bescheiden, intelligent, juristisch und sprachlich sehr begabt.“ Inzwischen hat sich Hell auch daran gewöhnt, dass Führhund Daggy unter dem Richtertisch stets seine Nähe sucht, weil er diverse Leckerli in der Hosentasche des Richters riecht. Der enge Kontakt zwischen Richter und Hund führte einmal während eines Prozesses zu einem unsichtbaren, aber hörbaren „Fauxpas“. Daggy entfuhr ausgerechnet in einem Moment der absoluten Stille etwas Allzumenschliches. Richter Hell: „Alle im Saal schauten verwundert mich an. Aber es war der Hund.“

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