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Geschichte

29.05.2015

Auf einen Kaffee in Aleppo

Titelblatt von Leonhard Rauwolfs Reisebericht.
Bild: Bayerische Staatsbibliothek

Warum der Augsburger Arzt Leonhard Rauwolf 1573 in den Orient reiste

Er war Augsburger, Protestant, Mediziner und Naturforscher. Was Leonhard Rauwolf (1535–1596) jedoch jetzt in den Fokus Augsburger Historiker rückte, war seine Orient-Expedition zwischen 1573 und 1576. Im Rahmen des Projektes „Der Orient in Augsburg“, das insbesondere Wolfgang E. J. Weber vom Institut für Europäische Kulturgeschichte vorantreibt, referierte der Bamberger Historiker Marc Häberlein über die Abenteuer und Beobachtungen Leonhard Rauwolfs in den osmanischen Provinzen des fruchtbaren Halbmonds.

Rauwolf war ein Kind seiner Zeit. Zwar entstammte er, wie neueste genealogische Forschungen laut Häberlein jetzt ergaben, nicht der Augsburger Handelsoligarchie, sondern einer Eisenkrämerfamilie, hatte also seine Wurzeln im Mittelstand. Trotzdem konnte der Vater das langwierige Medizinstudium seines Sohnes in verschiedenen europäischen Städten finanzieren. Leonhard Rauwolfs Glück: Durch seine Heirat mit einer Tochter des Stadtarztes stieg er selbst gesellschaftlich auf und wurde 1571 zum Augsburger Stadtarzt berufen.

Für seine Reise durch Mesopotamien, Palästina und die Kurdengebiete ließ er sich vom Magistrat der Stadt für drei Jahre bei vollen Bezügen beurlauben. Der Augsburger Handelsunternehmer Melchior Mannlich hatte ihn und neun Schiffe gechartert, um Waren von der Levante nach Marseille zu transportieren. Rauwolf sollte das Personal der Schiffe medizinisch betreuen und neue Handelsmöglichkeiten erkunden. Er selbst, das zeigt sein 400 Seiten starker, heute online in der Bayerischen Staatsbibliothek einsehbarer Reisebericht, hatte vor allem sein Herbarium sowie die Besichtigung Palästinas und Jerusalems im Sinn. Er katalogisierte insgesamt 300 Pflanzen und empfahl die kommerzielle Nutzung von Henna sowie der Pistazie, die sich zu Schießpulver verarbeiten ließ. Berühmt wurde Rauwolf, weil er aus Aleppo als erster Europäer das arabische Kaffeeritual beschrieb. Das Getränk sei magenfreundlich und „wie Dinten so schwarz“.

Als einigermaßen gestresster Augsburger Protestant zeigt er sich beeindruckt vom osmanischen Vielvölkerstaat, in dem die zahlreichen Rituale und Feiertage von „mehrerlay Secten und Religionen“ öffentlich erlaubt und toleriert waren. Juden allerdings, die er ja aus Augsburg schon als Unwürdige und vor die Stadtmauern Verbannte kannte, kommen bei ihm schlecht weg: Ihre Ärzte seien verblendete Scharlatane, die im Alten Testament noch blühenden Stätten Judäas alle zur Wüste verkommen. Rauwolf starb 1596 während des „Langen Türckenkriegs“ zwischen Habsburgern und Osmanen in einem Feldlager.

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