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Universität Augsburg

02.12.2014

Augsburger Forscher rettet Sprache in Neuguinea

Kinder einer Missionsstation in Papua-Neuguinea sprachen seit der Kolonialzeit eine ganz ungewöhnliche Sprache: „Unserdeutsch“. Ein Augsburger Uniprofessor will die sterbende Sprache nun erforschen und für die Nachwelt erhalten.
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Kinder einer Missionsstation in Papua-Neuguinea sprachen seit der Kolonialzeit eine ganz ungewöhnliche Sprache: „Unserdeutsch“. Ein Augsburger Uniprofessor will die sterbende Sprache nun erforschen und für die Nachwelt erhalten.
Bild: Pioniere der Südsee, Werden und Wachsen d. Herz-Jesu-Mission von Rabaul zum Goldenen Jubiläum (Buchtitel)

Péter Maitz trifft die letzten Menschen, die „Unserdeutsch“ kennen. Warum es vom Aussterben bedroht ist.

 Sie war jung, schwarz und sprach ein etwas „schräges“ Deutsch. Als die Studentin eines Tages in einem Sprachkurs an der Uni Brisbane in Australien auftauchte, erklärte sie ihrem Dozenten, dass sie „Unserdeutsch“ spreche. Alle in ihrem Heimatort redeten so. Dieser Ort lag aber nicht in Deutschland, sondern auf der Insel Neuguinea im Pazifik.

Für Wissenschaftler Craig Volker in Australien war schnell klar: Er war auf eine in der Fachwelt unbekannte Sprache gestoßen – auf die weltweit einzige Kreolsprache, die das Deutsche hervorgebracht hat. Doch Craig Volkers Entdeckung, die er 1982 veröffentlichte, geriet in Vergessenheit.

„Die germanistische Fachwelt nahm das damals nicht zur Kenntnis, sie wollte lieber Theorie als anstrengende Feldforschung in den Tropen betreiben“, sagt der Augsburger Sprachforscher Péter Maitz. Er hat die fast verschwundene Sprache kürzlich wiederentdeckt. Zusammen mit einem Team von Wissenschaftlern will er „Unserdeutsch“ retten, bevor es zu spät ist. Denn schon in wenigen Jahrzehnten wird es wohl nicht mehr gesprochen werden.

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Für Maitz ist „Unserdeutsch“ in mehrfacher Hinsicht eine sensationelle Entdeckung: „Bei den meisten Sprachen der Welt kann man nicht sagen, wo genau sie entstanden sind.“ Anders verhält es sich bei Unserdeutsch. Dort lässt sich der Ursprung exakt lokalisieren.

Es war an der Wende vom 19. zum 20. Jahrhundert. Während und nach der deutschen Kolonialzeit im heutigen Inselstaat Papua-Neuguinea gab es die katholische Missionsstation Vunapope. Sie lag nahe der Hafenstadt Rabaul und exisitert heute noch. In der Mission gab es ein Waisenhaus. Dort wurden damals Kinder deutscher Herkunft, aber auch aus Mischehen zwischen Deutschen und Einheimischen großgezogen. Diese gesellschaftlich oft geächteten Kinder kann man sich als eine eingeschworene Gemeinschaft vorstellen. Sie entwickelten laut Maitz eine eigene „Geheimsprache“ auf der Basis des deutschen Wortschatzes, um sich gezielt von ihrer Umwelt abzugrenzen.

Unserdeutsch klingt in etwa so: „I wil eine Rauch“ heißt zu Deutsch „ich möchte eine Zigarette“. „Du geht wo“ bedeutet übersetzt „wo gehst du hin?“ Etwa 80 Prozent der Sprache kann man verstehen, sagt Maitz, der Rest seien Einflüsse aus dem in Papua-Neuguinea gebräuchlichen Pidgin-Englisch. Heute gibt es nur noch etwa 100 Menschen, die Unserdeutsch sprechen. Sie leben verstreut auf verschiedenen Inseln von Papua-Neuguina und in Ostaustralien. „In etwa 20 bis 30 Jahren ist die Sprache wahrscheinlich verschwunden“, sagt Professor Maitz. Deshalb sei Eile geboten.

Um Unserdeutsch für die Nachwelt zu retten, ist der Augsburger diesen Herbst selbst nach Australien und Neuguinea gereist. Er hat mit den Sprechern Kontakt aufgenommen und Tonaufnahmen gemacht. Ziel ist nun, eine Datenbank zur Dokumentation aufzubauen, die Stuktur der Sprache systematisch zu beschreiben und auch die Geschichte von Unserdeutsch zu rekonstruieren. Unterstützt wird der Uniwissenschaftler bei seinem Projekt von dem renommierten Augsburger Dialektforscher Werner König und dem Australier Craig Volker. Letzterer war der Entdecker von Unserdeutsch – oder wie die Einheimischen sagen: Rabaul Creole German.

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