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Augsburger Freilichtbühne: Das Wagnis Fugger-Musical

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Kommentar Von Nicole Prestle
28.07.2018

Auf der Freilichtbühne wird am Samstag vorerst letztmals "Herz aus Gold" gespielt. Dann verschwindet es in der Schublade. Hätte es das Zeug zur Augsburg-Marke?

Am Wochenende geht die erste Spielzeit von André Bücker zu Ende. Auf der Freilichtbühne ist zum letzten Mal das Fugger-Musical "Herz aus Gold" zu sehen – und damit die Produktion, auf die viele Theatergänger besonders gespannt waren. Immerhin ist dieses Musical kein Stück von der Stange; es wurde für Augsburg geschrieben.

Inszenierungen mit Bezug zur Stadtgeschichte sind bei Besuchern beliebt. Bückers Vorgängerin Juliane Votteler bediente den Wunsch danach mit einem gehaltvollen und berührenden Werk über die Textilindustrie ("Die Weber von Augsburg") – ebenfalls eine Uraufführung – und war über mehrere Spielzeiten damit sehr erfolgreich.

Bücker setzte sich in seinem ersten Jahr ein ungleich ehrgeizigeres Ziel. Es sollte nicht nur eine Uraufführung für Augsburg geben, sie sollte auch noch auf der Freilichtbühne gespielt werden. Mutig war das in mehrfacher Hinsicht: Erstens ist die Open-Air-Spielstätte mit 2000 Plätzen die größte Bühne des Theaters und eine hohe Auslastung deshalb nicht selbstverständlich. Zweitens ist das Theater auf die Einnahmen einer guten Freiluftsaison angewiesen, um die Spielzeit finanziell in den Griff zu bekommen. Drittens besteht die Chance, mit einer populären Inszenierung vier Wochen lang ein Publikum ans Rote Tor zu locken, das sich in einem klassischen Theaterhaus nicht sehen lässt.

Bislang galt für den Erfolg eine Voraussetzung

Für all diese Punkte galt abgesehen von gutem Wetter bislang eine Voraussetzung: Die Freilichtbühne funktioniert, wenn Kassenschlager gezeigt werden. Juliane Votteler, die mit Opern am Roten Tor schlechte Erfahrungen gemacht hatte, setzte deshalb zuletzt nur noch auf Musicals. Auch Bücker wusste sehr wohl, dass es hätte schief gehen können, an diesem Ort eine Uraufführung zu zeigen. Als er im Mai im Theaterausschuss den Spielplan für seine zweite Saison vorstellte, sprach er von einem "Wagnis", das man im nächsten Jahr nicht nochmals habe eingehen wollen. 2019 wird auf der Freilichtbühne deshalb "Jesus Christ Superstar" gespielt; das Stück, mit dem sich Ulrich Peters 2006 als Intendant aus Augsburg verabschiedete. "Herz aus Gold" sucht man als Wiederaufnahme dagegen vergeblich. Statt ein Augsburg-Werk wie angekündigt zur Marke zu machen, legt Bücker es erst einmal in die Schublade – obwohl er bei seinem Antritt betont hatte, neue Produktionen wenigstens zwei Spielzeiten im Programm halten zu wollen.

Das Fugger-Musical Herz aus Gold ist am Samstag letztmals zu sehen. Insgesamt kamen nach ersten Prognosen über 33.500 Besucher.
Bild: Jan-Pieter Fuhr/Theater Augsburg

Für diese Entscheidung mag es gute Gründe geben: Das Fugger-Musical ist eine Inszenierung, deren Rollen aktuell fast nur mit Gästen besetzt sind; das kostet. Und das Publikum wünscht sich ja auch Abwechslung. Ein zweites Jahr "Herz aus Gold" am Roten Tor könnte bedeuten, dass Besucher ausbleiben, weil sie das Musical vom Vorjahr in Erinnerung haben. Zwei Stücke zu spielen, wie dies noch vor einigen Jahren Usus war, dürfte ebenfalls keine Lösung sein. Dies wäre aufgrund der Bühnenumbauten und der Personalplanung kompliziert.

Man kann also davon ausgehen, dass "Herz aus Gold" in Augsburg frühestens 2020 wieder zu sehen sein wird – oder erst 2021. Thematisch wäre das sinnvoll: Die Fuggerei wird in drei Jahren 500 Jahre alt, das Musical würde sich bestens ins Programm einfügen. Doch egal wann: Wichtig ist, dass die Produktion überhaupt wieder aufgenommen wird – unabhängig von jeder künstlerischen Einschätzung. Das Versprechen Bückers, Augsburg ein eigenes Stück zu widmen und es bestenfalls zu einem künstlerisch-touristischen Jahreshöhepunkt zu machen, wäre andernfalls nach einer Saison verpufft.

Chris Murray als Jakob Fugger beim Musical "Herz aus Gold".
Bild: Jan-Pieter Fuhr

Den Besuchern gefiel "Herz aus Gold" mehrheitlich gut, auch wenn der Verkauf zunächst kein Selbstläufer war. Viele wollten wohl erst abwarten, wie die Produktion ankommt. Vorverkauft war meist nur der mittlere Block, wer sich spontan zum Theaterabend entschloss, bekam problemlos Karten. Man kennt das von dieser Freilichtbühne auch anders. Das muss aber nicht am Stück liegen. Wir alle entscheiden uns bei der Flut von Freizeitangeboten heute spontaner für eine Unternehmung, als noch vor einigen Jahren. Ob das Fugger-Musical das Zeug dazu hätte, über Jahre hinweg auch Publikum von weiter weg zu locken, ist schwer einzuschätzen. Dies würde sich erst erweisen, wenn es länger im Spielplan stünde. Ein weiterer Grund für eine Wiederaufnahme.

Nicht nur auf Altbekanntes zurückgreifen

Was das Wetter betrifft, war diese Open-Air-Saison hervorragend, keine der 21 Aufführungen am Roten Tor musste ausfallen. Entsprechend kann "Herz aus Gold" am Ende mit rund 33.500 Besuchern ein gutes Ergebnis vorweisen. Auch wenn Besucherzahlen nicht alles sind, ist das erfreulich. Es zeigt, dass Wagnisse auch in Augsburg erfolgreich sein können. Ein subventioniertes Theater sollte, ja muss solche Wagnisse auch eingehen. Wie würden die Spielpläne der über 140 Häuser in Deutschland sonst aussehen, würde man nur auf Altbekanntes zurückgreifen?!

Ab Montag ist nun erst mal Spielzeitpause. Im September kehren Intendanz und Künstler ans selbe Haus zurück – und doch an ein anderes. Augsburg ist dann Staatstheater. Von seinem Auftrag, sich der Geschichte dieser Stadt anzunehmen, entbindet André Bücker das nicht. Und auch nicht davon, sich als Intendant in diesen Ort und die Menschen einzufühlen, an dem und für die er Theater macht.

Künstlerisch tut er dies nächste Spielzeit wieder mit einem Augsburg-Stück, das schon dieses Jahr sehr gut ankam: dem Tatort. Auch diese Inszenierung ist am Wochenende letztmals zu sehen.

Sibylla Artzt sen., auf der Freilichtbühne dargestellt von Roberta Valentini, ist die Mutter von Fuggers Frau Sibylla. Im Musical liebt der Kaufmann aber nicht seine Frau sondern deren Mutter.
Bild: Jan-Pieter Fuhr

Publikum und Künstler stehen ab Herbst dann vor allem vor logistischen Herausforderungen: Das Theater wird künftig komplett im Interim spielen, weil auch Brechtbühne und Hoffmannkeller als angestammte Spielstätten weggefallen sind. Dies wird sich in Bückers Intendanz, die vorerst bis 2022 dauert, auch nicht mehr ändern. Wie es danach künstlerisch und personell weiter geht am neuen Staatstheater, steht in den Sternen.

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