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Interview

18.08.2017

Augsburger auf Weltreise: Ihr Weg führte sie bis nach Kirgistan

In Tadschikistan hat es Leonore Sibeth besonders gefallen. Hier sitzt sie mit Freund Sebastian Ohlert im Wakhan-Valley mit Blick auf die Berge Afghanistans.
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In Tadschikistan hat es Leonore Sibeth besonders gefallen. Hier sitzt sie mit Freund Sebastian Ohlert im Wakhan-Valley mit Blick auf die Berge Afghanistans.
Foto: Ohlert/Sibeth privat

Leonore Sibeth und Sebastian Ohlert starteten im März. Inzwischen haben sie viele Länder durchquert, wurden von Fremden eingeladen und von Raketen überrascht. Wie es weitergeht.

Wo stecken Sie gerade?

Leonore Sibeth: In Kirgistan (auch Kirgisistan, Anm. d. Redaktion). Genauer gesagt in Grigorievka, einem kleinen Örtchen am Nordufer des Issyk-Kul-Sees. Für uns sieht er fast aus wie das Meer, da wir bei diesigem Wetter das andere Ufer nicht sehen können.

Von Augsburg aus wollten Sie zur Donau, dann bis zum Schwarzen Meer und über die Türkei, Iran, Turkmenistan, Usbekistan immer weiter in Richtung Osten. Ist es so gekommen?

Sebastian Ohlert: Ja, überraschenderweise schon. Im Nachhinein betrachtet hatten wir wohl tierisch Glück, das Turkmenistan-Visum in Teheran bekommen zu haben. Wir wussten anfangs nichts über die Schwierigkeiten mit diesem Visum und treffen seitdem immer wieder europäische Reisende, die es nicht bekamen und ihre Reiseroute komplett umplanen mussten.

Was waren positive Überraschungen auf Ihrer Reise?

Sibeth: Es waren die unglaublich netten und gastfreundlichen Menschen im Iran, die uns auf der Straße ansprachen und nach Hause einluden. In Tadschikistan und besonders im Pamir-Gebirge die fantastische Landschaft, die uns immer wieder in Begeisterung versetzte. Der junge Restaurantbesitzer in Ashgabat in Turkmenistan, der uns einfach so auf eine Pizza in seinem Lokal einlud. In der Türkei trafen wir kurz vor dem Referendum viele Menschen, die uns sehr herzlich in ihrem Land willkommen hießen.

Und die negativen Erlebnisse?

Ohlert: Das Gefühl, „abgezockt“ zu werden, nur weil wir Ausländer sind. Dabei ist es ok, manchmal ein wenig mehr zu zahlen, weil wir tatsächlich einfach mehr Geld haben als die Menschen vor Ort. In unserer ersten Campingnacht in Tadschikistan, auf dem Weg Richtung Afghanistan, wurden wir nachts von Raketenabschüssen und -detonationen geweckt. Es war sehr beängstigend, da wir nicht wussten, wer hier auf wen schießt, ob es eine Übung ist oder ein Ernstfall. Zum Glück war es nur eine Übung.

Leonore Sibeth und Sebastian Ohlert machen sich von Augsburg auf, ein Jahr lang Teile der Welt zu bereisen. Möglichst ökologisch. Heißt: Ohne Flugzeug.
Foto: Bernd Hohlen

Was sind die besonderen Herausforderungen solch einer Reise?

Sibeth: Bei Krankheit ist es komplizierter für uns, einen passenden Arzt zu finden. In Bishkek in Kirgisistan standen wir mit einer Mandelentzündung in einer gynäkologischen Praxis, weil am Haus „Medizinzentrum“ auf kyrillisch stand und wir mehr nicht lesen konnten.

Ohlert: Auch Visa beschäftigen uns immer wieder, besonders die, die wir nur in Deutschland beantragen können, wie beispielsweise für China und Pakistan. Für diese mussten wir unsere Pässe und alle benötigten Unterlagen nach Deutschland schicken und müssen nun aktuell eine Adresse hier in Kirgistan organisieren, an die die Unterlagen wieder zurückgeschickt werden können. Bevor die Pässe nicht zurück sind, können wir das Land nicht verlassen. Schwierig sind auch organisatorische Dinge wie die Bargeldversorgung.

Wer Ihren Blog im Internet verfolgt hat, hat schon oft Fotos von Ihnen, Frau Sibeth, gesehen, wo Ihr Kopf mit einem Tuch bedeckt war. Ist das Tragen eines Kopftuchs eine Umstellung?

Sibeth: Wirklich tragen musste ich das Kopftuch nur im Iran. Es war eine Umstellung. Vor der Einreise gingen wir in der Türkei erst mal für mich einkaufen und ich war schon etwas nervös, wie es wohl werden würde. War ich in den ersten Tagen noch bedacht, das Kopftuch so korrekt wie möglich zu tragen, entspannte ich mich mit der Zeit immer mehr. Irgendwann trug ich das Kopftuchmehrim „teheraner Style“ – ziemlich locker, mit recht viel unbedecktem Haaransatz. Praktisch ist, dass es ein Sonnenschutz ist und die Frisur nicht mehr so wichtig ist. Sobald wir bei Leuten nach Hause eingeladen waren, war die Frisur aber nicht mehr egal, da man dort Mantel und auch Kopftuch direkt an der Garderobe ablegen durfte.

Ihr Ziel ist das nachhaltige Reisen, Sie wollen also so weit es geht auf das Fliegen verzichten.

Sibeth: Ja, und es läuft überraschend gut. Jeden Kilometer der Reise haben wir auf dem Land zurückgelegt und bislang kein Flugzeug betreten. Wir kommen trotzdem gut voran, oft schneller als gedacht und immer viel günstiger als mit dem Flugzeug.

Ohlert: Zu Beginn der Reise hatten wir einmal die Situation, im Belgrader Bahnhof zu stehen und die Information zu bekommen, dass der Zug nach Sofia 14 Stunden fährt – für 390 Kilometer! Mit dem Flugzeug hätten wir da nur eine Stunde gebraucht. Wir entschieden uns dann für den Bus, denn der fuhr die Strecke in „nur“ neun Stunden.

Lustige Begegnung in der kleinen Stadt Kandovan (nahe Tabriz) im Iran. Irakische Touristen schenken Leonore Sibeth spontan einen Fellhut.
Foto: Ohlert/Sibeth privat

Wie klappt es sonst mit der Nachhaltigkeit?

Sibeth: Andere Aspekte sind leider nicht so einfach: Bei jedem Einkauf stören wir uns an den Unmengen Plastiktüten, in die jede Gemüse- und Obstsorte einzeln verpackt wird und müssen uns vehement zu Wort melden, um die Einkäufe direkt in unseren Rucksack packen zu dürfen. Außerdem gibt es Trinkwasser nur in Einweg-Plastikflaschen oder -kanistern. Das stört uns. Deshalb lassen wir uns von unseren Eltern einen Wasserfilter zuschicken.

Wo hat es Ihnen am besten gefallen?

Sibeth: In Tadschikistan. Immer draußen sein: Eine tolle Landschaft mit dem Pamir-Gebirge, Straßenpässe bis 4600 Metern, strahlend blaue Bergseen, riesige öde Ebenen und nette Menschen.

Ohlert: In der Türkei: nette Bekanntschaften durch Couchsurfing, Hamam-Besuche, leckeres Essen und das Schwarze Meer.

Und am wenigsten?

Ohlert: Am wenigsten hat es uns in Ashgabat gefallen. Turkmenistans Hauptstadt haben wir als steril, menschenleer, pompös, unwirklich wahrgenommen. Die wenigen Menschen auf der Straße waren sehr distanziert. Viele Dinge sind verboten, wie hupen, fotografieren oder Menschen bei sich zu Hause aufnehmen. Freies Reisen durch das Land ist ebenfalls nicht möglich.

Was für Verkehrsmittel nutzen Sie?

Sibeth: In Europa waren wir viel mit dem Zug unterwegs, im Iran mit Luxusbussen, die uns mehr an die Businessclass im Flugzeug erinnerten, als an einen schnöden Reisebus. In Tadschikistan konnten wir einen Monat in einem umgebauten Van eines Liechtensteiner Reisenden mitfahren. Mittlerweile reisen wir in Kirgistan vor allem in sogenannten „shared taxis“, also normalen Autos, in denen jeder Sitzplatz separat verkauft wird, und in Marschrutkas, umgebauten Kleintransportern, die das günstigste öffentliche Transportmittel sind.

Wo übernachten Sie auf Ihrer Reise?

Sibeth: In Osteuropa, der Türkei und im Iran haben wir viel Couchsurfing gemacht und entweder in einem eigenen Zimmer oder im Wohnzimmer geschlafen. In der Türkei haben wir viel in kleinen Hotels übernachtet. In Turkmenistan schliefen wir im bis dato teuersten Hotel: 110 Dollar für eine Nacht. In Usbekistan haben wir das erste Mal gezeltet und versuchen seitdem, das außerhalb der Städte so oft wie möglich zu machen. In Tad-schikistan übernachteten wir in familiengeführten „Homestays“, bei denen Familien ein oder zwei Zimmer an Touristen vermieten. In Istanbul und Bishkek mieteten wir uns für je eine Woche ein kleines Appartement und genossen Platz, Privatsphäre und ganz besonders die eigene Küche! Allgemein schlafen wir auch häufig in Hostels.

Leonore Sibeth und Sebastian Ohlert starteten im März in Augsburg ihre Weltreise. Das Bild zeigt sie in Tadschikistan, genauer: am Ak-Baital-Pass im Pamir-Gebirge.
Foto: Ohlert/Sibeth privat

Bleiben Sie in Ihrem Budget?

Ohlert: Aktuell brauchen wir im Schnitt weniger Geld, als wir vorab dachten. Im Durchschnitt brauchen wir seit Reisebeginn etwa 25 Euro pro Person pro Tag.

Wie geht es weiter?

Ohlert: Vorbehaltlich der Visazusagen geht die Reise von Kirgistan weiter in Richtung Westchina und über den Karakorum Highway nach Pakistan. Von dort aus reisen wir nach Indien und dann orientieren wir uns neu: Nepal? Bangladesch? Sri Lanka? Das werden wir sehen.

Was vermissen Sie an Augsburg?

Sibeth: Ganz klar: den Kuhsee! Die Festivals an den Sommerwochenenden, La Strada, Festival der Kulturen, Modular… Die Biergärten. Spaziergänge im Stadtwald. Spontane Treffen mit Freunden und Radfahren.

Lesen Sie hier unseren Bericht in Vorfeld der Reise: Zwei Augsburger wollen mit der Bahn und per Anhalter nach Asien.

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