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Augsburg

06.09.2020

Augsburger mit ausländischen Wurzeln können nicht in die alte Heimat reisen

Gül Solgun-Kaps, die neue Schulleiterin der Kerschensteiner-Mittelschule in Augsburg hat zum ersten Mal seit ihrer Kindheit einen August in Deutschland verbracht - wegen Corona.
Bild: Bernhard Weizenegger

Plus Viele Augsburger mit ausländischen Wurzeln haben in diesem Sommer auf eine Reise in die alte Heimat verzichtet. Darunter auch Gül Solgun-Kaps. Was das bedeutet.

Ein Sommer in der Türkei sollte es werden. Stattdessen gab es für die Familie Kaps vier Wochen im Lechtal. Dabei hatten sie die Tickets schon seit Dezember in der Schublade. „Nachdem wir ab April das Corona-Geschehen genau beobachtet haben, war uns schnell klar, dass wir die Tickets zurückgeben würden“, erzählt Gül Solgun-Kaps. So hat die neue Schulleiterin der Kerschensteiner-Mittelschule in Augsburg zum ersten Mal seit ihrer Kindheit einen August in Deutschland verbracht. Seit 1973 war sie jeden Sommer in der Türkei. Erst mit ihren Eltern, dann mit Mann und eigenen Kindern.

Schlimm? „Ach, das ist ja ein Luxusproblem. Wir waren in unserer Hütte an der Grenze zu Österreich. Das Wetter war gut. Das Einzige, was mir wirklich fehlte, war das Meer“, berichtet die Lehrerin. Aber ob man nun in Urlaub fahre oder nicht, sei im Vergleich zu anderen Einschränkungen und Folgen für viele andere Familien nicht wichtig. Sie sagt: „Ich bin Schulleiterin und selbst Mutter von vier Kindern. Eine Tochter macht in diesem Schuljahr Abitur. Das ist viel Verantwortung, und ich möchte für niemanden eine Ansteckungsgefahr sein.“

Corona: Zweifel an den offiziellen Zahlen in der Türkei

Den offiziellen Covid-19-Zahlen in der Türkei traut sie ohnehin nicht. Sie hält die Reisewarnung der Bundesregierung für berechtigt. Die Türkei, laut Deutschem Reiseverband zuletzt das drittliebste Urlaubsland der Deutschen, liegt im Verhältnis zur Bevölkerungszahl bei Infektions- und Todesfällen zwar gleichauf mit Deutschland. Mehrere Verwandte berichteten Solgun-Kaps jedoch von Krankenhäusern in ihrer Provinz, die wegen Überfüllung mit Corona-Patienten schließen müssen.

Sadi Sefa Yagdi verzichtete in diesem Sommer auf eine Reise in die türkische Heimat. Viele seiner Bekannten verzichteten ebenfalls.
Bild: Stefanie Schoene

Auch Sadi Sefa Yagdi und seine vier Brüder sind in diesem Sommer erstmals nicht in die Türkei gefahren, um ihre Mutter zu besuchen. Yagdi kam 1979 mit zwölf Jahren nach Augsburg, seine Mutter ging in den 1990ern in die Südosttürkei zurück. Er erzählt: „Sie ist jetzt 83. Es ist schwierig. Eigentlich teilen wir uns den Sommer auf, damit immer einer von uns Brüdern bei ihr ist.“ Der Drucker macht sich Sorgen, ob alles gut ist. Im Oktober wolle er - so Gott will - doch fliegen, sagt er. Aus seinem türkischen Umfeld in Augsburg sei in diesem Jahr nur etwa ein Fünftel der Bekannten in die alte Heimat gefahren. Viele von ihnen nicht mit dem Flugzeug, sondern wieder mit dem Auto - so wie früher.

Augsburger, die ihre Wurzeln im Ausland haben, trifft Corona auf besondere Weise

Augsburg ist eine Einwandererstadt. Die Infektionsgefahr und die Reisebeschränkungen treffen Menschen mit verwandtschaftlichen oder biografischen Wurzeln im Ausland anders als Augsburger, deren Lebensmittelpunkt schon immer in Schwaben lag. Ob nach der Oma im benachbarten Stadtteil geschaut werden kann oder dafür erst eine Flugstrecke zurückgelegt werden muss, ist ein Unterschied. Die Familie von Georgios Tentsoglidis traf genau dies hart. Die Großmutter in Griechenland starb während des Lockdowns. Zwar ist das Land kein ein Risikogebiet. Doch Mitte April, als die Großmutter in ihrem Dorf bei Thessaloniki ernsthaft krank wurde, gab es wegen der Pandemie-Maßnahmen keine Flüge. „Wir hätten über Amsterdam fliegen müssen. Aber die griechischen Konsulate konnten uns nicht sagen, welcher Flughafen in Griechenland dann offen hat und ob wir überhaupt ins Dorf kommen würden“, sagt Tentsoglidis.

Die Großmutter von Georgios Tentsoglidis starb während des Corona-Lockdowns. Der Augsburger konnte sie nicht mehr in Griechenland besuchen.
Bild: Stefanie Schoene

Seine Oma war 81 und starb am 22. April. Nur vier Menschen aus dem Dorf waren zur Beerdigung zugelassen. „Besonders für meine Mutter war die Situation unendlich traurig", sagt Tentsoglidis. „Sich nicht verabschieden zu können, ist schwer.“ Drei Monate später, als das Virus und der Flugbetrieb wieder etwas berechenbarer waren, beschlossen sie, zu fliegen und den Nachlass im Dorf zu ordnen. „Wir selbst wären wegen Corona dieses Jahr mal nicht gefahren. Aber von unserer Familie lebt sonst niemand mehr dort, der die Behördengänge und all das hätte übernehmen können.“

Augsburger erzählt: Griechenland hatte strenge Corona-Regeln

Griechenland, so berichtet er, habe einen harten Lockdown hinter sich gehabt. Per SMS mussten Bürger Ausgang beantragen und die Erlaubnis abwarten. Neben notwendigen Einkäufen war im Frühjahr nur Sport gestattet - und das Gassigehen mit dem Hund. Tentsoglidis erzählt: „In der Zeit, das haben griechische Zeitungen berichtet, gingen die Hundekäufe wohl steil nach oben.“ Viele der Corona-Neuinfektionen der vergangenen Wochen ordnet das Augsburger Gesundheitsamt Urlaubern aus bestimmten Regionen wie Spanien, Rumänien, Kosovo, Türkei und Bosnien zu. Der Ticker des Augsburger Gesundheitsamts weist zwischen dem 26. August und dem 4. September 119 Neuinfizierte in der Stadt aus, 67 von diesen brachten das Virus von Reisen mit: aus Rumänien (6), Türkei (9), Kosovo (14), Kroatien (17) und Bosnien (7). Frankreich war in diesem Zeitraum mit einer Infektion vertreten.

Der Augsburger Gastronom Ilir Seferi fuhr trotz Corona, und obwohl Kosovo von der Bundesregierung zum Risikogebiet erklärt wurde, im Juli und August nach Skenderaj, in den Heimatort seiner Familie. Seine Eltern leben wieder dort. Der Gastronom weiß, dass Kosovo sehr hohe Infektions- und Todeszahlen hat. Aber er fühlt sich der Heimat und der Familie verbunden. „Es ist schlimm, selbst in der Hauptstadt laufen die Menschen ohne Maske rum. Abstände in Restaurants - das kennt man dort nicht“, erzählt der Gastronom, der als Inhaber des Ochsen in Göggingen und des Haunstetter Hofs bekannt ist.

Ein kosovarischer Fernsehsender bat ihn um ein Interview. „Ich habe erklärt, dass wir Deutschen überall Regeln haben. Der Reporter war sehr interessiert. Die Menschen wissen nicht, was sie tun müssten." Zur Situation in Deutschland wünscht er sich, dass mit den steigenden Infektionszahlen jetzt nicht mit dem Finger auf Einwanderer gezeigt wird. Die Reisen in die frühere Heimat seien für viele kein Spaß, sondern eine Verpflichtung.

Unser Live-Blog zur Corona-Lage in Augsburg: Corona in Augsburg - 32 Neuinfektionen in den vergangenen zwei Tagen

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06.09.2020

>> Zur Situation in Deutschland wünscht er sich, dass mit den steigenden Infektionszahlen jetzt nicht mit dem Finger auf Einwanderer gezeigt wird. Die Reisen in die frühere Heimat seien für viele kein Spaß, sondern eine Verpflichtung. <<

Die wichtiger als die Bremsung der Pandemie ist?

Einfach mal kapieren, das ist nix persönliches - nur wollen wir hier nicht irgendwann alle mit Masken zu Bett gehen, damit gleichzeitig Autoverkehr in die alte Heimat den munteren Virenaustausch befördert.

Und natürlich ist z.B. bei vielen türkisch-stämmigen der Urlaub in der Türkei ein Spaß - gutes Wetter, niedrige Preise und man kann sich mit jedem unterhalten - ist doch super, solange man Erdogan auf seinem Festlandssockel lässt. Und den Urlaub splittet man in 2 Teile, damit man Verwandte und das Meer sieht.

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