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Zeugen Jehovas

19.01.2011

Augsburgerin: "Ich wurde mit dem sozialen Tod bestraft"

Selbsthilfegruppen
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Selbsthilfegruppe für Sektenaussteiger Barbara Kohout
Bild: Anne Wall

Barbara Kohout aus Augsburg war 60 Jahre bei den Zeugen Jehovas. Die 72-Jährige stieg aus - und wurde hart bestraft. Von Nicole Prestle

Manchmal spricht Barbara Kohout noch von "uns Zeugen Jehovas". Obwohl sie ausgestiegen ist, oder genauer, ausgeschlossen wurde aus der Wachturm-Gesellschaft. Dennoch: Das "Wir", die Gemeinschaft, war 60 Jahre lang ihr Lebensinhalt. "Da schaltet man nicht so einfach um", sagt sie.

Seit knapp zwei Jahren beschäftigt sich die 72-Jährige sehr kritisch mit der Lehre, die sie jahrelang selbst lebte und verbreitete. Auslöser war ihr Sohn, der nach einer gescheiterten Ehe eine neue Frau fand und die Gemeinschaft verließ. Weil ihr Sohn den Zeugen Jehovas den Rücken gekehrt hatte, hätte Barbara Kohout den Kontakt zu ihm abbrechen müssen. Eine Regel, die sie ebenso wenig verstand, wie die, warum ein Mensch zeitlebens alleine leben sollte. Barbara Kohout begann zu hinterfragen. Damit begann der Zweifel an dem, was noch kurz zuvor Überzeugung gewesen war.

Mit zehn Jahren kam Barbara Kohout aus Jugoslawien nach Deutschland. "Wir hatten das Gefühl, hier nicht erwünscht zu sein. Eines Tages stand ein Zeuge Jehovas vor der Tür. Er war nett zu uns. Da schlossen wir uns ihnen an." Die Religion, sagt die heute 72-Jährige, spielte von da an die wichtigste Rolle in ihrem Leben. Sie wurde Vollzeit-Predigerin, später mit ihrem Mann Sonderbeauftragte der Wachturm-Gesellschaft. "Auch nach der Geburt unserer drei Kinder trafen wir Entscheidungen über Beruf und Lebensmittelpunkt immer im Sinne der Wachturm-Organisation."

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Vielleicht wären Barbara Kohout und ihr Mann von selbst nie ausgestiegen. "Ich habe das alles ja ehrlich geglaubt." Doch es gab Fragen, auf die sie Antworten suchte. "Ich sagte: Gebt mir den Beweis, dass die Gemeinschaft von Gottes Geist geleitet wird." Diesen Beweis habe sie nie bekommen. Bei den Ältesten der Wachturm-Organisation aber machte sie sich mit diesen Fragen "verdächtig". Zwei Älteste besuchten sie, "um unsere Gesinnung zu prüfen". Dann kam der Ausschluss.

Barbara Kohout fiel "in ein tiefes, schwarzes Loch". Ihre Geschwister und ihre Mutter, die ebenfalls bei den Zeugen Jehovas sind, brachen den Kontakt ab, ebenso Freunde, die sie und ihr Mann in der Gemeinschaft kennen gelernt hatten. "Manche wechselten sogar die Straßenseite, wenn sie mich sahen."

Die 72-Jährige fühlte sich nicht nur ihres Glaubens, sondern auch all ihrer sozialen Kontakte beraubt. "Ich wurde mit dem sozialen Tod bestraft." Helfen konnten ihr in dieser Zeit nur die Gespräche mit ihrer Tochter. "Sie ist vor 15 Jahren ausgestiegen und macht eine Umschulung zur Psychotherapeutin." Inzwischen geht es Barbara Kohout besser. Sie hat Bücher geschrieben, um das Erlebte zu verarbeiten. Und sie hat begonnen, sich mit anderen Aussteigern auszutauschen. In Augsburg hat sie eine Selbsthilfegruppe gegründet. Sie will aufklären über die Methoden der Zeugen Jehovas, die Kohouts Ansicht nach bewusst Menschen in Krisensituationen ansprechen. "Aus einer solchen Lage heraus entscheidet man sich nicht mit dem Verstand, sondern mit dem Gefühl für den Beitritt zur Gemeinschaft." Dass dahinter "psychische Manipulation" stehe, absolute Abschottung nach außen, das bemerke man erst viel zu spät.

Wer möchte, darf anonym bleiben

In ihrer Selbsthilfegruppe möchte sie Betroffenen die Chance geben, sich auszutauschen, ohne Angst zu haben. Wer nicht möchte, muss seinen Namen nicht nennen. Das Angebot richtet sich nicht nur an (ehemalige) Zeugen Jehovas. "Wer bei einer anderen Gruppierung oder Glaubensgemeinschaft war und das Gefühl hat, dass es ihm so geht wie mir, ist willkommen." Nicole Prestle

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