Augsburgs Kanäle: Im Zeitraffer durch den Untergrund

Bild: Axel Hechelmann

Das Rote Tor? Kennt man. Die Freilichtbühne? Auch. Aber wie sieht es eigentlich darunter aus? Wir nehmen Sie mit auf eine Tour durch Augsburgs unterirdische Kanäle.

Für seinen Plan braucht Markus Haller den perfekten Zeitpunkt und drei Dinge. Die kann er sich einfach in den Kofferraum laden, das ist nicht das Problem. Beim richtigen Zeitpunkt wird es kniffliger, denn den gibt es nur einmal im Jahr. Und dann auch nur zwei Wochen lang. Davor und danach wäre das, was Haller vorhat, lebensgefährlich.

An einem Mittwoch im September ist die Situation dann günstig. Markus Haller fährt mit dem Auto im Park am Roten Tor vor, zieht ein übergroßes Paar Gummistiefel aus dem Kofferraum, das ihm bis zur Hüfte reicht. Dann klemmt er sich die schwere Leiter aus Aluminium unter den Arm, greift nach der Taschenlampe und will vordringen an einen Ort, den die meisten Menschen nur von außen kennen.

Markus Haller ist zuständig für die Bäche und Kanäle in Augsburg.
Bild: Axel Hechelmann

Auch von außerhalb sieht man diesem Ort seine Geschichte an. Wenn Fußgänger oder Radler ihre Runden im Park drehen, blicken sie auf einen Wall aus roten Ziegeln. Wenn Zuschauer auf die Freilichtbühne strömen, fällt ihr Blick auf die weiten Rundbögen, über die eine Brücke führt. Heute dient das Bauwerk den meisten Menschen dazu, eine Abkürzung in die Stadt oder stadtauswärts zu nehmen. Vor Jahrhunderten war seine Funktion überlebenswichtig.

Haller geht eine kleine Anhöhe hinauf, steigt über ein Geländer und lässt die schwere Leiter hinab in den Vorderen Lech, der an dieser Stelle nur knöchelhohes Wasser führt. Haller darf das. Er ist bei der Stadt angestellt und zuständig für ein weit verzweigtes Netz aus Kanälen. Allein im Stadtgebiet erstrecken sie sich über insgesamt 180 Kilometer – umgerechnet ist das eine Autostrecke von München nach Neu-Ulm. Und noch ein paar Kilometer weiter.

Die hohen Gummistiefel machen sich jetzt noch nicht bezahlt. Niedrige hätten es auch getan. Doch Haller wird später in einen Bereich vordringen, wo jeder Zentimeter mehr den Unterschied machen kann: Steigt er trocken aus dem Kanal – oder nicht?

Dass er nicht sofort weggespült wird, verdankt Haller dem richtigen Zeitpunkt. Normalerweise führt der Kanal hier enorme Wassermassen. 3000 Liter schießen pro Sekunde stadteinwärts. Einmal im Jahr – und so auch jetzt – lässt die Stadt die Bäche nacheinander ab und leitet das Wasser in andere Kanäle um. Dann haben Anwohner 14 Tage lang Zeit, Reparaturen an ihren Außenwänden durchzuführen. Umweltschützer befreien die Gewässer von Unrat. Und die Stadt inspiziert die Kanäle.

Haller folgt dem Strom und geht mit kleinen Schritten stadteinwärts. Er befindet sich direkt unter der Brücke, die gerade für Fußgänger gesperrt ist. Rechts blickt er durch die Rundbögen in den Park, links reiht sich auf der Freilichtbühne Sitz an Sitz. Noch heute nutzen Firmen das Wasser für Kühlung und Energiegewinnung. Früher brachte das zunächst hölzerne Aquädukt über den Wallgraben auch Trinkwasser in die Stadt. 1746 wich das Holz für eine Konstruktion aus Steinen. Seit vergangenem Jahr trägt das Aquädukt als Teil der Augsburger Wasserwirtschaft den Welterbe-Titel.

Haller schaltet die Taschenlampe ein und geht gebückt weiter. Die Kanäle der Stadt verlaufen mal schmal, mal breit. Mal sind sie nach oben hin geöffnet, mal bleibt kaum Platz bis zur Decke. In den Kurven, dort wo sich der Strom verlangsamt, bleiben Äste, Müll und Dreck hängen. Wo Brücken über den Vorderen Lech führen, liegen Handys am Grund. Flaschen. Geldbeutel.

Rund um das Rote Tor in Augsburg verlaufen unterirdische Kanäle. Wir nehmen Sie mit auf eine Zeitraffer-Tour im Untergrund.

Der Kanal führt jetzt am Wasserwerk beim Roten Tor vorbei. Früher wurde das Wasser von hier aus weiter in die Stadt geleitet. Heute können sich Besucher die Türme ansehen und einen Blick auf ein kurzes Stück des Vorderen Lechs werfen.

Jetzt wird es knifflig. Haller geht in die Hocke und schiebt einen Fuß vor den anderen. Die Decke ist so niedrig, dass er den Kopf einziehen muss. Die Gummistiefel schützen ihn davor, dass Knie und Oberschenkel nass werden. Es geht langsam voran, Schritt für Schritt. Links, irgendwo hinter den dicken Mauern, steht das Gebäude der Augsburger Puppenkiste. Vorne, noch 20 Meter weit weg, fällt Tageslicht auf die Wasseroberfläche.

Markus Haller geht gebückt durch den Vorderen Lech. Später wird die Decke noch tiefer hängen.
Bild: Axel Hechelmann

Ein paar Sekunden später steht Haller im Licht. Es ist das Ende der Reise durch den Untergrund. Weiter geht es nicht. Wegen einer Stufe im Kanal, an der das Wasser zu normalen Zeiten noch mehr an Fahrt gewinnt. Aber auch jetzt sei das zu gefährlich, sagt Haller.

Zurück an der Einstiegsstelle klettert Haller die Leiter nach oben. Legt dann Gummistiefel und Taschenlampe ab. Packt seine drei Sachen zurück ins Auto. Er wird wieder kommen, nächstes Jahr dann. Wenn der Zeitpunkt günstig ist – und der Wasserstand es zulässt.