Newsticker
Kassenärzte erwarten Aufhebung der Impf-Priorisierungen im Mai
  1. Startseite
  2. Lokales (Augsburg)
  3. Aus Liebe zur Goldschmiedekunst

Meisterpflicht

28.11.2019

Aus Liebe zur Goldschmiedekunst

125 Jahre Goldschmiede Werner: Am Stammsitz an der Friedberger Straße Hochzoll fertigt Marcus Pfisterer einen Skarabäus – das heutige Markenzeichen des Hauses von Uta Werner-Dick. Zur Belegschaft des Ateliers gehört auch Gabi Wolff (links).
2 Bilder
125 Jahre Goldschmiede Werner: Am Stammsitz an der Friedberger Straße Hochzoll fertigt Marcus Pfisterer einen Skarabäus – das heutige Markenzeichen des Hauses von Uta Werner-Dick. Zur Belegschaft des Ateliers gehört auch Gabi Wolff (links).
Foto: Michael Hochgemuth

Uta Werner-Dick kämpft mit ihren Kollegen für eine verantwortungsvolle Ausbildung in dieser Handwerksdisziplin. Denn der Umgang mit Gefahrenstoffen bei der Produktion kann gefährlich sein

Augsburgs Ruf als Zentrum europäischer Goldschmiedekunst treibt sie um und an: Verteidigung und Erhalt antiker Schätze haben es Uta Werner-Dick deshalb schon von jeher angetan. So greift sie als Goldschmiedin immer wieder eine seit Jahrtausenden bestehende Tradition auf, fasst in ihrem Betrieb etwa Münzen in hochkarätiges Gold, damit sie die Kunden – vornehmlich Männer – als Schmuck um den Hals tragen können.

Einer ihrer Klassiker ist die Tetradrachme, die im Römischen Reich über Jahrhunderte als Zahlungsmittel verwendet wurde und Kaiser Augustus im Profil zeigt. Zu ihrem Wappentier, das sie selbst eher als „Markenzeichen“ bezeichnen würde, hat sich während ihrer Berufslaufbahn jedoch ein Insekt entwickelt. Es ist ein Käfer, ein Pillendreher, der in der Antike als Glücksbringer verehrt wurde: der Skarabäus. Auch im 125. Jahr des Betriebes Werner wird dieses edle Stück in der Werkstatt des Stammhauses an der Friedberger Straße von Goldschmieden gefertigt.

Verführerisches und Geheimnisvolles nimmt unter den Händen von Marcus Pfisterer im Obergeschoss des Hochzoller Ateliers Formen an. Der Korpus des Käfers wird gerade zusammengesetzt und gelötet. So schön beziehungsweise brillant die fertige Arbeit auch sein mag, so brisant ist das Thema, für das sich die Landesinnungsmeisterin der Gold- und Silberschmiede in Bayern derzeit vehement einsetzt. Es geht um die Meisterpflicht, die seit 2004 nicht mehr existiert. Für diese Tatsache findet sie drastische Worte: Das sei nicht nur „ein Verbrechen am Endverbraucher“, sondern im Hinblick auf die Ausbildung auch ein „Verbrechen an der Jugend“.

Auch weil es sich um das älteste Metallhandwerk handelt, seien sie und ihre Kollegen regelrecht „entsetzt“, wie nachlässig heute damit umgegangen werde. Seit 2002 kämpfe sie nun schon darum, die Meisterpflicht für Gold- und Silberschmiede zurückzugewinnen. Bestätigt fühlt sich Uta Werner-Dick von Bayerns Wirtschaftsministerin Ilse Aigner (CSU), die selbst aus einem Handwerksbetrieb stammt und bis 1994 Systemelektrik für Hubschrauber bei Eurocopter entwickelte. Auch sie warnte Medienberichten zufolge vor Änderungsplänen der Europäischen Union, da „die Qualität des Bildungssystems von der Forschung bis zur Ausbildung der Fachkräfte ein Kernaspekt dafür ist, dass Bayern international wettbewerbsfähig bleibt“.

Die Traditionsunternehmerin Uta Werner-Dick hatte den Betrieb 1986 von ihrem Vater Manfred Werner übernommen und die Leidenschaft für die Verarbeitung von Edelmetall längst an ihre eigenen Kinder weitergegeben. Gold- und Silberschmiedemeister Oliver Dick ist auch staatlich geprüfter Schmuckgestalter und betreibt heute das Geschäft in der Philippine-Welser-Straße neben dem Rathaus-Platz, Isabelle Dick leitet als Goldschmiedin und Betriebswirtin das Stammgeschäft, während die Seniorchefin das „elegante Flaggschiff“ im Hotel Drei Mohren an der Maximilianstraße betreut. Drei Enkel geben Anlass zur Hoffnung, dass die große Augsburger Tradition in der Familie auch weiter Fortbestand hat. Heute gibt es laut Uta Werner Dick in der Altstadt noch rund 30 Goldschmiede.

Als erste Frau engagiert sich die Unternehmerin heute als Landesinnungsmeisterin und als Referatsleiterin „Kunst und Kultur“ im Zentralverband der Deutschen Gold- und Silberschmiede. In diesen Funktionen schrieb sie an den Wirtschafts- und Rechtsausschuss im Bundesministerium, weil sie wiederholt feststellen musste, dass der Kabinettsentwurf für die Gold- und Silberschmiede die vorgeschlagenen Änderungen trotz allem nicht berücksichtigte. Zahlreiche Stellungnahmen und Ergänzungen hätten dem Ausschuss offenbar nicht verdeutlichen können, welche Folgen die derzeitige Situation für „das Gemeinwohl aller, für den Bereich des Kulturgüterschutzes und den Erhalt des immateriellen Kulturerbes“ in dem Gewerk habe.

Was aber macht das brillante Gewerk so brisant? „Bei der Feststellung einer Schwangerschaft“, sagt Uta Werner Dick, „muss eine Goldschmiedin sofort die Werkstatt verlassen.“ Deutschlandweit sei das einer von zwei Berufen, in denen dieser Sachverhalt vorliege. Der zweite ist ihrer Auskunft nach übrigens die Zahnarzthelferin. Dies liege in der Verwendung von aggressiven Säuren, von Zyankali, giftigen Schwermetallen wie Quecksilber oder allergenen Metallen begründet. Die richtige Anwendung und Entsorgung dieser Substanzen werde hauptsächlich erst in der Meisterausbildung gelehrt. Das seit 6000 Jahren bestehende Gewerk diene außerdem dem Kulturgüterschutz. Egal, ob sakral oder weltlich, eine nicht fachgerechte Arbeit könne unwiederbringlich zur Vernichtung von Kunstschätzen führen. Durch die fehlende Weiterbildung zum Meister gehen laut Werner-Dick sowohl Techniken als auch handwerkliche Fertigkeiten verloren.

Wie Uta Werner-Dick sagt, ist ihre „Liebe zu Augsburg groß“. Fasziniert ist sie nicht nur von der Geschichte der Stadt, die sich immer wieder in ihren Arbeiten widerspiegelt. So wurden in der Werner’schen Werkstatt schon viele Stücke für die Ewigkeit konserviert – darunter etwa der Delfin vom Brunnenmeisterhaus. Inspiration erhält die Goldschmiedin auch in Kirchen. Die dortige Engelsdarstellung am linken Seitenschiff mit Vogelnetz und Lerche erinnert ihren Worten nach an den bis ins 20. Jahrhundert praktizierten Vogelfang. Der Legende nach soll der Engel die Vogelfänger mit gleißendem Licht geblendet und so die Tiere vor Nachstellung bewahrt haben.

Etwa 40 Jahre ist es her, dass der Skarabäus in ihr Leben flog. Uta Werner-Dick erinnert sich noch gut an jenen Tag im Urlaub, der beileibe nicht in Ägypten, sondern in der Toskana stattfand. Sie habe im Sand am Meer gesessen, als sich brummend ein Exemplar neben ihr niederließ. Und da habe sie ihren Mann mit den Kindern zwei Stunden auf einen Spaziergang geschickt, um das Insekt zu beobachten und studieren. Der Anhänger beziehungsweise das Markenzeichen mit seinem mächtigen Korpus und den ziselierten, filigranen Flügeln war geboren.

Themen folgen

Die Diskussion ist geschlossen.

Das könnte Sie auch interessieren