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Bistumsarchiv

29.04.2015

Aus Pergament werden Megabytes

Fast eine halbe Million Urkunden hat Robert Reiter schon in der Hand gehabt. Der Österreicher digitalisiert sie derzeit im Augsburger Bistumsarchiv.
Bild: Annette Zoepf

Ein fahrender Österreicher digitalisiert die 1500 ältesten Urkunden der Diözese Augsburg

Der Österreicher Robert Reiter ist ein besonderer Reisender. Wenn er kommt, erhalten historische Urkunden ein zweites Leben. Denn er legt die Pergamente auf seine Scanner-Kamera und digitalisiert die einzigartigen Zeugnisse aus dem Mittelalter für den weltweiten Zugriff. Gerade macht der Scan-Man im Augsburger Bistumsarchiv Station. Drei Wochen wird er sich hier aufhalten, um rund 1500 Urkunden der Kirche in Megabytes zu überführen.

Der Nutzen ist groß. „Durch die Digitalisierung wird unseren Nutzern die Suche und das Sichten erheblich erleichtert. Sie brauchen nicht einmal mehr extra ins Archiv zu kommen, um Urkunden einzusehen, sondern können dies bequem am Computer zu Hause erledigen“, erklärt Archivleiter Erwin Naimer. Auch der Schonung des historischen Materials dienen die Aufnahmen. „Man braucht die empfindlichen Urkunden nie wieder oder nur ganz selten in die Hand zu nehmen“, ergänzt Naimer. „Unsere Aufgabe ist es ja, die Bestände bis zum Jüngsten Tag aufzubewahren.“

Der Scan-Man Reiter verspricht größtmögliche Sorgfalt. Das Licht seines Bookeye-Scanners ist kalt und fährt zusammen mit der Kamera in einem schmalen Band über die Vorlage. Fast eine halbe Million Urkunden mit 650000 Seiten habe er schon in der Hand gehabt, erzählt der Österreicher. Er weiß, wie man Rollen ohne Kratzer entblättert und gefaltetes Pergament ohne Knicke und Risse aufschlägt. Mit Magneten fixiert er sie eben auf der Vorlagenplatte. Ganz nebenbei hat Reiter in sieben Jahren Berufspraxis ein Gespür für die Beschaffenheit der Urkunde entwickelt. „Ich erkenne sofort, aus welchem Jahrhundert die Urkunde ist.“ Sein ältestes Stück war die Abschrift eines Büchleins des Mailänder Kirchenvaters Ambrosius, die um 450 entstand. Reiter ist es, der die Archivare auf Feuchtigkeit, Flecken und Schimmel aufmerksam macht. So oft nimmt man ja eine alte Urkunde nicht zur Hand.

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In Augsburg hat er mit dem ältesten Stück begonnen: der Stiftungsurkunde des Damenstifts St. Gertrud im Domviertel vom 24. November 1071. Nach der Säkularisation wurde es Sitz des Benediktinerklosters St. Stephan. Bis Sommer wird man sie auf dem Online-Portal www.monasterium.net finden. Die Internetplattform erfasst Archivbestände, Sammlungen, Urkunden und Abbildungen aus bisher 138 Archiven, darunter das Haus-, Hof- und Staatsarchiv Wien. Sie gilt als eine der größten Urkundenportale weltweit und sichert ein Kulturerbe, das unverhofft untergehen kann.

Hinter dem frei zugänglichen virtuellen Archiv steht ein Konsortium wissenschaftlicher Institutionen. Auch das Augsburger Bistumsarchiv ist Mitglied bei ICARUS – dem International Centre for Archival Research. Ein Vertrag regelt, dass dem Archiv das Verfügungsrecht über seine Urkunden voll erhalten bleibt, auch wenn sie in Zukunft jeder frei im Netz aufrufen kann.

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