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Ausstellung

11.02.2016

Aus dem Schornstein raucht Holz

Aus einem Holzblock, am liebsten der Zirbelkiefer, schnitzt Martin Kargruber Häuser heraus.
Bild: Ulrich Wagner

Martin Kargruber erschafft eine Welt, die ausschaut, als ob sie nur noch in der Erinnerung existiert. Seine Skulpturen sind in der Neuen Galerie im Höhmannhaus zu sehen

Es gib eine Szene in der Verfilmung von Annie Proulx’ Roman „Schiffsmeldungen“, da zieht die Familie ihr altes, armseliges Holzhaus an dicken Tauen über das Eis, um einen weniger von Sturm und Wetter gebeutelten Standort zu finden, um in Sicherheit zu gelangen und dem Untergang zu entgehen. An dieses verwunschene, von Bedrohung und Sehnsucht gleichermaßen durchdrungene Bild kann man denken, wenn man Martin Kargrubers Bleistiftzeichnung „Feldile“ von 2014 sieht. Da scheint ein kleines Holzhaus, eine Hütte, irgendwo im Nichts zu schweben, ortlos und ungeschützt in Eis und Wind, in Nebel und Luft.

Die Zeichnungen des Südtirolers Kargruber, die jetzt in der Neuen Galerie im Höhmannhaus ausgestellt sind, verweigern das Sichere, Feste, Beständige. Sie sind vorsichtige, zarte, fragile Versuche, mit dem Bleistift ein paar wenige Spuren im Nichts festzuhalten. Man kann sich einen Wanderer vorstellen, der hoch oben in den Dolomiten unterwegs ist und plötzlich in schlechtes Wetter gerät, der in den Wolken die Orientierung verliert und irgendwo auf einem fernen Bergsattel eine Hütte entdeckt – die Rettung oder nur eine Schimäre. Kargrubers Häuser, Stadel und Berghütten scheinen nicht auf festem Boden zu stehen, eher in den Wolken, in schwindelnden Höhen zu schweben. Nur wenige dünne Striche verorten sie in der Welt.

Die Häuser wirken kompakt. Man sieht, dass sie nicht hohl sind

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Die Berghütte, der Bauernhof, der Stall, ein paar Tiere und Menschen – die Szenarien und Themen des Martin Kargruber sind karg, sehr überschaubar und direkt mit seiner Heimat Südtirol verbunden. Und sie werden nochmals reduziert, wenn der Künstler, der ein Holzbildhauer ist, von der Zeichnung, die ihm meist eine Vorstudie für die Bildhauerei ist, zum Objekt wechselt. Dann ist nur noch das Haus da, ein Monolith, wiederum ohne Umgebung, ohne Kontext. Ein Haus mit Wänden und Dach, mit Fenstern und Türen, mit Anbauten, vielleicht noch mit einem angelehnten Baum oder aufgestapelten Heuballen, sonst nichts. Die Häuser stehen einfach so da in der Galerie, nichts drum herum. Manche sind auf Edelstahltabletts montiert, andere auf Rollen, sodass man sie im Raum herumfahren könnte. Sie sind klein, Miniaturen fast, zwischen 20 und 40 Zentimeter hoch. Die Konturen sind klar erkennbar, die Volumina wuchtig, weil man sieht, dass die Häuser nicht hohl, sondern kompakt, ganz aus Holz geschaffen sind.

Martin Kargruber ist groß geworden in der Tradition der Südtiroler Holzschnitzer und er schnitzt tatsächlich seine „Gebäude“ (so heißt auf schlichte Weise die Ausstellung im Höhmannhaus) aus einem einzigen Stück Holz. Sein bevorzugtes Material ist die Zirbelkiefer, die Arve, deren helles Holz so aromatisch duftet und deswegen im Alpenraum gern für Wandverkleidungen oder Möbel verwendet wird. Martin Kargruber aber, der im Gsies, einem Seitental des Pustertals, aufgewachsen ist und dort zum Holzschnitzer ausgebildet wurde, bevor er bei Hans Ladner an der Münchner Akademie Bildhauerei studierte, schnitzt und schneidet aus Arvenblöcken kleine Häuser.

Auf den ersten Blick wirken seine Häuser putzig, wie die Teile einer Puppenlandschaft. Aber dann merkt man: Da stimmt etwas nicht, da sind die Vor- und Rücksprünge der Fassaden schief, da hängt ein Bauteil, da steht das Dach viel zu weit über, da kippen Wände ab, sind Fenster und Türen zu hoch oder zu niedrig, zu klein oder zu groß. Diese Häuser sind gefährdet oder schon beschädigt, von der Zeit oder von der Vernachlässigung der traditionell bäuerlichen Landschaft. Auch in Südtirol geht die moderne Konsumwelt über die alten Gepflogenheiten hinweg. Kargrubers Häuser wirken verloren und nicht mehr so ganz von dieser Welt, stellen offenbar Erinnerungsbilder oder Bilder einer Sehnsucht dar, ähnlich wie seine Zeichnungen. Dass der Künstler einige seiner Hausskulpturen auf Rollen montiert, passt dazu: Er nimmt seine Bilder mit, das Statische eines Bauernhauses ist verwandelt in eine Erinnerung, die man mit sich tragen und dem mobilen Leben der Gegenwart anpassen kann.

Ab und zu bannt Kargruber auch Gegenwärtiges in sein Ausdrucksmittel, das Holz: Einen hohen Sendemasten, neben dem eine Feldhütte winzig wirkt, oder ein Atomkraftwerk, aus dessen Kühlturm eine riesige geschnitzte Dampfwolke quillt. Doch stärker wirken seine Hausskulpturen als poetisches, nachdenkliches Memento für eine untergehende bäuerliche Welt.

bis 3. April in der Neuen Galerie im Höhmannhaus, geöffnet Dienstag bis Sonntag 10–17 Uhr.

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