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Porträt

08.11.2017

Aus einer Laune heraus fing alles an

Angelika Albrecht-Schaffer inmitten ihrer Figuren. Jede von ihnen hat ein Eigenleben entwickelt. Das fängt bei den Proben an und geht bei den Stücken weiter.
Bild: Daniel Ruf

Angelika Albrecht-Schaffer hat vor 25 Jahren die Liebe zum Figurentheater gepackt und sie gründete Kladderadatsch. Warum die Lehrerin noch immer mit Begeisterung dabei ist

Der Anfang ihres Figurentheaters Kladderadatsch vor 25 Jahren war ziemlich ambitioniert. Mit 30 Figuren spielten Angelika Albrecht-Schaffer und Christine Müller ihr Märchen „Die gewöhnliche Prinzessin“. Später verblüfften sie einen Rezensenten, wie zwei Spielerinnen sechs große Tischfiguren gleichzeitig schweben lassen konnten. Dabei waren es nur vier. Egal, die Magie des Puppenspiels funktionierte.

„Das ist der Grund, warum ich Figurentheater noch immer mache: Das Kind sieht die Puppe und schon wird sie lebendig“, weiß die Spielerin von der fantasieanregenden Wirkung. Es kann schon mal sein, dass ein lebloses Objekt auf einmal sehr lebendig wird. „Dass ich dahinter stehe und die Puppe führe, ist dabei überhaupt kein Widerspruch für die Zuschauer.“ Das Figurentheater ist ihr Medium, auf Menschen zuzugehen und ihnen pfiffig Geschichten zu erzählen. Auf eine Moral verzichtet sie bei ihren Stücken und den Zeigefinger zieht sie ein. Doch ihre Stücke sind nie ohne Belang. Da wollen die Eltern für Fräulein Maus einen mächtigen Bräutigam und fragen bei Sonne, Wind und Berg nach, aber zum Schluss macht eine ganz kleine Maus das Rennen – und die Maßstäbe verschieben sich.

Albrecht-Schaffer hat Kladderadatsch aus der Laune heraus gegründet, nicht irgendwo mitzuspielen, sondern selbst das Spiel zu bestimmen. Kurze Zeit hatte sie sogar überlegt, hauptberuflich Puppenspielerin zu werden, doch sie entschied sich, Amateur mit allen Facetten zu bleiben. Ihr Beruf kam ihr dabei entgegen: Die 60-Jährige unterrichtet Spiel, Theater und Werken an der Evangelischen Fachakademie für Sozialpädagogik, deren stellvertretende Schulleiterin sie auch ist. Jetzt animiert sie die angehenden Erzieherinnen, ihrer Kreativität freien Lauf zu lassen, sich auch die Freiheit zu nehmen, eine Vorlage zu verändern und das Puppenspiel zu gestalten. „Bei mir müssen sie eine Figur bauen und lernen, mit ihr zu kommunizieren“, erklärt sie.

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Angelika Albrecht-Schaffer spielt mit allen möglichen Figuren: Marionetten, Hand-, Stab-, Klappmaul- und Tischfiguren. Sie entwickeln ihr Eigenleben. Nie vergessen wird Albrecht-Schaffer, wie aufmerksam die Kunden und Verkäufer schauten, als sie die Klappmaulköpfe aus dem „Froschkönig“ im Laden ausgelegt hatte, um den idealen Stoff für das Gewand zu finden. Die Charaktere formen sich in Proben aus einer Mischung zwischen Spiel und Ernsthaftigkeit. Sogar Beziehungen gehen sie untereinander ein. „Für die Prinzessin auf der Erbse haben wir ausführlich die Bettgeschichten geprobt zwischen der Königin und ihrem Minister. Auf der Bühne ging es dann gesittet zu, aber ihre heimliche Liebschaft schwingt mit“, erzählt die Spielerin.

Jedes Stück lässt sie heranreifen. „Es braucht seine Zeit, um es lang genug lieb zu haben, um sich damit anzufreunden“, sagt sie. Alles macht sie selbst für eine Inszenierung „von A wie Ausdenken der neuen Geschichte bis Z wie Zittern vor der Premiere“. Drei bis vier Monate erfordert die Bauzeit für Figuren und Kulissen. „Für Dornröschen habe ich mir genau hundert Tage vor der Premiere gegeben – entsprechend den hundert Jahren im Schloss.“

Aber mit jeder Aufführung formt sich ein Stück weiter aus. „Alle sind anders.“ Die Reaktionen ihrer Zuschauer baut sie in das Spiel ein und fordert sie heraus. Es seien Lieblingsstücke entstanden wie „Felix der Zauberlehrling“, in dem die Kinder voll Vergnügen dabei sind, wenn der Besen Felix über die Bühne treibt, oder wenn bei der „Birnenprinzessin“ der kleine Drache mithilfe der Zuschauer Feuer spucken übt. Damit erklärt sich auch, warum Angelika Albrecht-Schaffer so lange dabei blieb. „Weil Freude, Spaß, Begeisterung und Leidenschaft bedingungslos drinstecken, der Spaß, mit Worten, Geschichten, Ideen und Material zu spielen.“

Für die Kinder kann das Puppenspiel eine Chance sein, sich auszudrücken. „Ich erinnere mich an einen Buben im Kindergarten, der den Narr in die Hand nimmt und mit ihm redet. Die Erzieherinnen berichteten erstaunt, dass er sonst so gut wie gar nicht spricht.“ Oft erfährt sie, dass die Kinder das Stück mit ihren Sachen nachspielen.

So sehr erfüllte das Figurentheater Angelika Albrecht-Schaffer, dass sie ergänzend zu den Augsburger Puppenspieltagen das klapps-Festival für die regionalen Bühnen auf die Beine stellte. Inzwischen ist klapps das eigentliche Festival. „Es war mir wichtig zu zeigen, dass Figurentheater gleichwertig mit Menschentheater ist“, betont sie. Für sie sei klapps immer eine Fortbildung und als sie das Programm noch ganz alleine machte, „fragte ich immer Leute, die viel unterwegs sind, wen ich einladen kann“. Aus der internationalen Union der Figurentheater hat sie sich wieder zurückgezogen, im Verband Bayerischer Amateurtheater leitet sie den Bezirk Figurentheater und schafft hochkarätige Referenten für Kurse heran.

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