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Augsburg

15.08.2019

Bahnhofstraße: In dieser Durchgangsstraße ist mehr los, als man denkt

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Die Bahnhofstraße ist eine hochfrequentierte Straße in Augsburg. Zählungen der Stadt ergaben, dass sie täglich zwischen 10 und 20 Uhr von bis zu 20000 Menschen passiert wird.
Bild: Silvio Wyszengrad

Plus Rund um die Bahnhofstraße gibt es gerade viele Baustellen. Damit müssen sich Passanten aber auch viele Geschäftsleute arrangieren.

Der Bahnhof ist eine große Baustelle. Wer das Provisorium des Bahnhofvorplatzes hinter sich lässt, Bauzäune passiert, an Containern vorbeigeht, in denen Augsburger und Touristen, Ausflügler und Pendler Brezen, Zeitschriften oder ein Bahnticket kaufen, betritt die Bahnhofstraße. Eine Straße, in der sich tagein tagaus Menschen von der einen Seite zur anderen Seite bewegen, hinein in die Innenstadt, zurück zum Bahnhof. Es ist ein kontinuierlicher Strom von Passanten, die auf den breiten Gehwegen mal schlendern, mal hasten, je nachdem, ob ein Bummel ansteht oder ein Termin. Eingangs der Bahnhofstraße wartet auf die Besucher die nächste Baustelle. Die Generalsanierung der Victoria-Passage schreitet voran, ein Eingang ist verschlossen, mehrere Mieter sind vergangenes Jahr ausgezogen. Nicht so Andrea und Thomas Oberfuchshuber.

Die Inhaber des Reisebüros wollten sich keinen neuen Standort für ihr Geschäft suchen und wählten den Umzug in einen Container, der nun direkt vor ihrem Laden steht. „Wir sind seit 1984 in der Victoria Passage“, sagt Thomas Oberfuchshuber. Er sitzt an einem kleinen Schreibtisch, griffbereit liegen Reisekataloge im Regal, an der Wand hängt eine Karte, die dem Betrachter verrät, welche Monate sich besonderes gut für verschiedene Reiseziele eignen. Ein Rattern der Straßenbahnen ist zu höhren, die alle paar Minuten vorbeifahren. Die 6-er und 4-er wendet hier, die 3-er fährt in Richtung Stadtbergen weiter.

Thomas Oberfuchshuber bekommt sie gar nicht mehr mit – in den 35 Jahren hat er sich schon lange an den Lärm gewöhnt. Sein Blick fällt durch die offene Tür des Containers auf den Gehweg der Bahnhofstraße. Es ist ein Kommen und Gehen. „Das ist eine tolle Straße mit viel Potenzial“, sagt er. Er würde sich eine Verkehrsberuhigung wünschen, eine Bahnhofstraße als Fußgängerzone. „Das wäre dann wie bei der Rambla in Barcelona.

An den Seiten stehen die wunderbaren Bäume und die Mitte kann für Aktionen genutzt werden.“ Für ihn ist die Straße das Tor zu Augsburg, eine Straße, die hoch frequentiert ist. Laut Frequenzmessungen der Stadt passieren täglich zwischen 10 und 20 Uhr bis zu 20000 Personen die Straße. Viele von ihnen nutzen sie als Durchgangsstraße, was einige Händler kritisieren. Für Thomas Oberfuchshuber hat sich in all den Jahren die Lage bewährt. „Ganz in der Nähe befinden sich Landratsamt, Finanzamt und AOK und in der Bahnhofstraße eine Vielzahl von Arztpraxen und Kanzleien. Da legt man auf dem Weg in die Arbeit, nach Hause oder in der Mittagspause noch einen Stopp im Reisebüro ein.“ Und wenn der Umbau der Passage erst beendet ist, werde der Bereich wieder an Zugkraft gewinnen, ist er sich sicher. Die Hoffnung auf einen Wandel ist in der Bahnhofstraße allerorten spürbar. Schräg gegenüber des Reisebüro-Containers, auf der anderen Seite der Bahnhofstraße, reihen sich kleine Läden aneinander.

Thomas Oberfuchshuber berät seine Kunden derzeit im Container.

Es gibt Handys und Haarschnitte, günstige Koffer und bunte Kleidung. Ein kleiner Juwelier befindet sich zwischen einem Asia-Imbiss und einem Geldtransfer-Geschäft. Celal Anil hat seinen Laden im Oktober 1993 eröffnet und inzwischen an seinen Sohn Tolga übergeben. Während der Vater einen großen Teil seines Geschäftslebens in der Bahnhofstraße verbracht hat, ist sein Sohn im Umfeld des Salewahauses aufgewachsen.

Wehmütig berichtet er aus seiner Kindheit, erzählt von der Gemeinschaft in der Straße, die es heute so nicht mehr gibt. „Früher gab es nebenan eine Bäckerei und ein Porzellangeschäft, genau gegenüber ein Fotofachgeschäft. Wir haben die Betreiber gut gekannt und geschätzt.“ Heute ist in dem Laden, wo sich einmal Photo Porst befand, ein Sportwettenanbieter – die Betreiber der verschiedenen Geschäfte pflegen nicht mehr denselben Kontakt.

Dabei war es gerade diese besondere Gemeinschaft, die Celal Anil das Leben rettete, damals am 4. März 2003, wie er sich erinnert. Da betraten vormittags ein Vater samt seinem Sohn seinen Laden. Celal Anil bückte sich an der Auslage, da wurde er mit einem Hammer niedergeschlagen. Die Täter flüchteten. Celal Anil, der stark am Kopf blutete, konnte noch vor seinen Laden treten, bevor er dort zusammenbrach. Während sich ein anderer Ladeninhaber um den verletzten Mann kümmerte, nahmen der Chef eines benachbarten Geschäfts samt einem Bekannten die Verfolgung auf. Die beiden konnten die Täter in der Halderstraße stellen und festhalten, bis die Polizei vor Ort war. „Der Vater hat siebeneinhalb Jahre Gefängnis vor Gericht bekommen, der Sohn fünf“, berichtet Celal Anil. Noch heute hat er Schmerzen an der lang verheilten Wunde an seinem Kopf. „Ich merke es, wenn sich das Wetter ändert.“

Walter Bobinger ist seit 25 Jahren der Hausmeister des Salewahauses. Er liebt das Leben mitten in der Stadt und genießt seinen besonderen Ausblick.

Ein Mensch, der all diese Geschichten und Entwicklungen, all die Gastronomen und Geschäftsinhaber in der Bahnhofstraße kennt, ist Walter Bobinger. Seit 1995 ist er der Hausmeister des Salewahauses und betreibt dort auch die Parkgarage, die derzeit saniert wird. Er wohnt im Dachgeschoss des mehrstöckigen Hauses und hat sich an den Lärm der Straße, Straßenbahnen und des Hauptbahnhofs gewöhnt. Nur die Arbeiten am Bahnhofstunnel sind manchmal besonders laut. Er hofft, dass die unterirdische Verkehrsdrehscheibe, die künftig Reisende und Pendler von Bus und Bahn direkt mit der Tram an ihr Ziel bringen soll, sich nicht negativ auf die Passantenströme in der Bahnhofstraße auswirkt. Denn die wird gerne für einen kurzen Spaziergang zwischen Bahnhof und Königsplatz genutzt – und auch für einen Imbiss.

Es haben sich viele Lokale angesiedelt, Schnellimbisse, aber auch Cafés und Restaurants. Börek und Baklava und andere türkische Spezialitäten bietet etwa Simit Sarayi an. Güncü Ali Hadar steht am Dönerspieß und schneidet beständig das Fleisch von der Rolle.

Wenige Meter weiter wirbeln einige Mitarbeiter hinter der Theke der „Waffle Brothers“. Hier gibt es belegte Waffeln. Das kommt an – vor allem bei dem weiblichen Geschlecht, das sich hier etwas Süßes gönnt. Vor eineinhalb Jahren hat Sebastian Tülger das Geschäft eröffnet und damit einen regelrechten Hype ausgelöst. Auch an diesem Nachmittag ist die Warteschlange vor der Theke lang. Am besten kommt die „Happy Waffle“ an, eine Waffel, die mit Creme bestrichen, mit Obst gefüllt und Toppings bestreut wird. Sebastian Tülger sieht in der Straße ein „riesen Potenzial“. In seinen Augen hat die Bahnhofstraße in Sachen gastronomisches Angebot, Laden-Mix und Passantenfrequenz die Annastraße überholt. Es sei kein einfacher Standort, der hohe Mieten und viel Konkurrenz mit sich bringe – doch die belebe schließlich das Geschäft.

Güncü Ali Hadar arbeitet am gefragten Dönerspieß.

Leerstand ist nicht das Problem der Bahnhofstraße. Wer sie in Richtung Königsplatz oder Hauptbahnhof passiert, kommt an neuen und zahlreichen alteingesessenen Geschäften vorbei. Viele halten der Bahnhofstraße die Treue – so wie das Café Dichtl. Das eröffnete dort 1980. „Meine Eltern haben sich mit dem Café in der Bahnhofstraße einen Traum verwirklicht. Es war ihre erste Filiale nach ihrer inzwischen geschlossenen Konditorei in der Rosenaustraße“, erzählt Susanne Dichtl-Krachenfels.

Joana und Hawar machen die Kunden mit belegten Waffeln glücklich.

Das Haus ist eines von vielen in der Straße, die eine Geschichte haben. „Zuvor war ein Haushaltswarengeschäft. Davor war hier die Bayerische Staatsbank beheimatet. Der frühere Tresorraum im Keller hat eine meterdicke Wand“, erzählt die Geschäftsführerin. Das gastronomische Angebot habe in der Straße stark zugenommen. Das Dichtl befinde sich zwar auf der „Schattenseite“ der Straße, doch das habe auch seine Vorteile, weiß die Chefin: „Im Frühjahr sitzen die Menschen lieber im Sonnenschein auf der anderen Seite der Straße, im Sommer dann doch lieber auf unserer Seite.“

Das Kaffeehaus Dichtl gibt es seit 1980 in der Bahnhofstraße.

Bei einigen Häusern der Bahnhofstraße rentiert sich ein Blick nach oben oder ein Besuch des Innenhofes. Denn auf der „Sonnenseite“ gibt es eine Handvoll Rückgebäude, deren Anblick lohnt. Wer etwa das Restaurant „La Villa“ besucht, sieht einen schmucken Jugendstilbau, der den Schriftzug „K. Hoffotograf Siemssen“ trägt. Der Fotograf soll sich um 1900 in dem Haus angesiedelt haben.

Gebäude in zweiter Reihe: das Haus, in dem einst Hoffotograf Siemssen lebte.

Es war ein Ort der „besseren Gesellschaft“, die sich in seinem Atelier ablichten ließen. Heute werden vor allem Selfies gemacht – mit Handys, die es auch hier in der Bahnhofstraße zu kaufen gibt.

Lesen Sie auch unsere ersten beiden Folgen der Serie:

So lebt es sich an der Coca-Cola-Kreuzung in Oberhausen

Bewohner geben Einblicke: So leben sie in der Schlossermauer

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Die Diskussion ist geschlossen.

17.08.2019

Bahnhofstraße.. der Einzelhandel stirbt aus, dafür gibt es ein Dutzend orientalischer Cafés, Dönerbuden und arabische Gemüsehändler, Stripclubs, Casinos und Wettbüros.

Ein schmuddeliges Bahnhofsviertel, wie es im Buche steht.

Aber wenn man es oft genug schönredet, glaubt man es ja irgendwann vielleicht!

Die Viktoriapassage wird genauso wie das Helio nichts werden. In Deutschland hat man einfach nicht diese Shopping Mal Kultur, wie in den USA. Dort fährt man mit der ganzen Familie am Wochenende in eine Mall und verbringt dort den ganzen tag. Von Kleidung, Kino, Frisör, Restaurant, Arztbesuch erledigt man dort alles.
In Deutschland läuft das halt nicht und man strebt Geschäfte eher mit konkreten Zielen an.

Und mit dem völlig verbockten ÖPNV wird das ganze noch unattraktiver. Leute, die kein Abo haben, zahlen unfassbare 6€ für Hin- und Rückfahrt.

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16.08.2019

Man kann sich alles schön reden, ich liebe das so an Augsburg. Helios Center war auch ganz toll...

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